Die Frau an seiner Seite

Apostelin, Jüngerin, Sünderin, Prostituierte, Geliebte, Ehefrau? Um die biblische Gestalt der Maria aus Magdala ranken sich seit fast 2000 Jahren Gerüchte, Spekulationen, Fantasien. Sie hat Kunstschaffende und Kreative weltweit angeregt. Die Ostergeschichte ist nicht ohne sie zu erzählen. Doch erst seit 2016 wird die Heilige Maria Magdalena in der katholischen Kirche mit einem Fest (22. Juli) offiziell als Auferstehungszeugin geehrt. Ihr Weg voller Hindernisse begleitet uns bis heute und bleibt aus Frauensicht aktuell. 

Evangelium nach Johannes: „Ich habe den Herrn gesehen“
Was finden wir bei den Evangelisten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes? Das Markusevangelium (als ältestes) stellt die Jüngerinnen Jesu als Vorbilder wahrer Nachfolge dar – im Gegensatz zu den unverständigen Zwölfen. Während die Zwölf, die Markus nicht „Apostel“ nennt, schon bei der Gefangennahme Jesu im Garten Getsemani fliehen, bleiben die Jüngerinnen in seiner Nähe (Mk 14,50f; 15,40f). Sie allein werden Zeuginnen der Kreuzigung, des Todes und der Grablegung Jesu. Sie gehen, allen voran Maria aus Magdala, am ersten Tag der Woche zum Grab. Maria Magdalena empfängt – als einzige der Jünger- und Jüngerinnenschar – die Auferstehungsbotschaft.

Das Matthäusevangelium erweitert diese Darstellung. Gleich zweimal und von höchster Stelle werden die Frauen, die am Ostermorgen zum Grab gehen, mit der Verkündigung der Auferstehungsbotschaft beauftragt: Zunächst durch einen Engel im Grab und dann, als sie schon voll Freude auf dem Weg zu den Jüngerinnen und Jüngern sind, um ihnen die Frohe Botschaft zu verkünden, vom Auferstandenen selbst (Mt 28,1-10). Auch das Lukasevangelium kennt die Erzählung vom Grabgang der Frauen und ihrer Verkündigung der Osterbotschaft (Lk 24,1-11). Und obwohl Lukas die Zwölf (die nur er auch „Apostel“ nennt) besonders wertschätzt, erscheinen sie in seiner Ostererzählung als ungläubig, denn sie trauen der Botschaft der Frauen nicht: „Doch die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz und glaubten ihnen nicht.“

Die innigste Ostererzählung finden wir im Johannesevangelium. In poetischen Bildern schildert es die Begegnung der Maria aus Magdala mit dem Auferstandenen, den sie zunächst für einen Gärtner hält und erst erkennt, als er sie beim Namen ruft (Joh 20,11-18): „Jesus sagte zu ihr: ‚Maria!‘ Sie wandte sich um und sagte zu ihm auf Hebräisch: ‚Rabbuni!‘ – das heißt Lehrer. Jesus sagte zu ihr: ‚Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Ursprung, aufgestiegen. Geh aber zu meinen Geschwistern und sage ihnen: Ich steige auf zu meinem Gott und eurem Gott, zu Gott, der mich und euch erwählt hat.‘ Maria aus Magdala kam und verkündete den Jüngerinnen und Jüngern: ‚Ich habe Jesus den Lebendigen gesehen.‘ Und dies hat er ihr gesagt.“

Zwar sind die Evangelientexte nicht einfach historische Berichte, sondern deuten Erfahrungen mit Jesus im Glauben an seine Auferstehung. Dennoch können wir aus ihnen erschließen, dass den Frauen, allen voran Maria aus Magdala, eine bedeutende Rolle als Erstzeuginnen und Verkünderinnen der Auferstehungsbotschaft zukam. Tatsächlich genoss Maria aus Magdala in der Geschichte der alten Kirche höchstes Ansehen.

Denn basierend auf der Ostergeschichte der Evangelisten machten die alten Kirchenväter Maria Magdalena im 3. Jahrhundert n. Chr. zur Apostelin und Osterbotin, sie wurde fortan „Apostelin der Apostel“ genannt. Die Theologin Silke Petersen beschreibt in ihrem Buch „Maria aus Magdala“ die unterschiedlichen Konzepte und Kriterien, die hinter diesen Namensgebungen standen: Für den Evangelisten Lukas war der Apostelkreis auf die zwölf (männlichen) Jünger begrenzt, die Jesus folgten. Der Apostel Paulus habe nicht dazu gehört, da er den irdischen Jesus nicht einmal gekannt habe. Und Frauen waren aus Lukas‘ Sicht dafür nicht qualifiziert, so Petersen. Paulus hingegen betrachtete sich selbst als Apostel und er beschränkte den Kreis nicht auf die „Zwölf“, sondern nannte, wie im Brief an die Gemeinde in Rom nachzulesen, weitere Mitstreiter und Gefährtinnen, wie beispielsweise Andronikus und die Apostelin Junia (Namensgeberin dieses Magazins). Petersen: „Von der zugrunde liegenden Wortbedeutung her ist ein Apostel jemand, der oder die von einer anderen, normalerweise höherstehenden Person gesandt und bevollmächtigt wird. In einem solchen ebenso wie im paulinischen Sinne ist Maria aus Magdala als Apostelin anzusehen, im lukanischen Sinne jedoch nicht.“

Die Bedeutung der Apokryphen 

Unter den so genannten Apokryphen, den nicht kanonischen Evangelien, findet sich auch das Evangelium der Maria, das einzige, dessen Protagonistin eine Frau ist. Es basiert auf Papyrus-Fragmenten in einem koptischen Dialekt und könnte im 2. Jahrhundert n. Chr. entstanden sein. Es besteht im ersten Teil aus Dialogen zwischen dem auferstandenen Jesus und seinen Jüngern und Jüngerinnen und im zweiten Teil einer Vision Marias. Interessant sind die Konflikte zwischen den Männern und Frauen in Jesu Gefolgschaft. So sagt Petrus über den Erlöser: „Er hat doch nicht etwa mit einer Frau heimlich vor uns, nicht öffentlich, geredet? (...) Hat er sie mehr als uns erwählt?“ 

Im apokryphen Philippusevangelium findet sich außerdem diese Andeutung, die der Liebesbeziehung von Maria Magdalena und Jesus Nahrung gab: „Und die Gefährtin von Christus ist Maria Magdalena. Der Herr liebte sie mehr als alle anderen Jünger, und er küsste sie oftmals auf ihren (Mund). Die übrigen Jünger (..) sagten zu ihm: ‚Weshalb liebst du sie mehr als uns alle?‘“

Die Einzigartigkeit Maria Magdalenas in der Ostergeschichte, ihre Treue und Begleitung Jesu bis hin zur Grablegung, ihr Verkündigungsauftrag – all das trat in den darauffolgenden Jahrhunderten hinter eine andere Lesart zurück: Maria Magdalena wurde zum Sinnbild für die Sünde. Ausschlaggebend dafür war Papst Gregor I., der im 6. Jahrhundert verschiedene Frauenfiguren in der Bibel auf Maria Magdalena projizierte. Er verschmolz die Figur der Frau aus Magdala mit der namenlosen Sünderin, die Jesus die Füße mit ihren Tränen wusch und mit Öl salbte (Lk 7,36-50). Außerdem fußte seine Interpretation der Sünderin auf einer weiteren Andeutung bei Lukas (Lk 8,1-3): „Und die Zwölf waren mit ihm (Jesus, Anm. der Red.), dazu etliche Frauen, die er gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, genannt Magdalena, von der sieben Dämonen ausgefahren waren.“ Für Gregor I. war das Beleg genug: „Und was bedeuten diese sieben Dämonen, wenn nicht sämtliche Laster?“ Das Kirchenoberhaupt gewann die Deutungshoheit, die sieben Dämonen wurden mit den sieben Todsünden gleichgesetzt und mit unkontrollierter weiblicher Sexualität verknüpft – und so wurde aus der Jüngerin Maria aus Magdala eine lasterhafte Frau und Prostituierte. Silke Petersen verweist außerdem auf eine weitere Interpretation, die es bis in die Neuzeit geschafft hat: In manchen Versionen der (Vor-)Geschichte Maria Magdalenas werde auch die Erzählung von der Ehebrecherin (Joh, 7,53 -8,11) hinzugezogen: „Passend zur Kombination von Frau, Sünde, Sexualität.“

Spannend bleibt für Theologinnen bis heute die Frage der Geschlechterrollenzuschreibungen im Allgemeinen wie im Besonderen: Maria Magdalena und Petrus stehen da in deutlicher Konkurrenz.

Die Kirchen-, Kultur- und Kunstgeschichte legt Zeugnis ab, wie Maria Magdalena fortan, maßgeblich in den Jahren der Gegenreformation und bis heute, gesehen werden sollte und (beispielsweise in fundamentalischen Gruppen) immer noch wird: Auf Gemälden oft nackt oder halbnackt, mit offenem, oft rotem Haar – wer dachte da nicht an Sünde und Laster? So verfestigte sich das Bild der Maria Magdalena als „Sünderin“, in Deutschland entstand im 13. Jahrhundert sogar der „Magdalenenorden“, in dem büßende Frauen Heimat fanden. 

Einer weiteren Legende im Mittelalter folgend verbrachte Maria Magdalena als büßende Einsiedlerin ihre letzten Jahre in einer Grotte in Südfrankreich. In St-Maximin-La-Sainte-Baume soll sie begraben sein, verschiedene Orte in Frankreich reklamierten ihre Gebeine später für sich. Die orthodoxen Christinnen und Christen verorteten sie später nach Ephesus. Dass sich all diese Annahmen verbreiten konnten, hat auch damit zu tun, dass nach dem Verkündigungsauftrag in der Bibel die Frauen nicht mehr auftauchen. Petersen fragt: „Was haben sie nach den Ereignissen, die ihr Leben doch beträchtlich erschüttert haben dürften, getan? Gab es Konflikte unter den Anhängern und Anhängerinnen Jesu über die Deutung der Ereignisse? Sind die Frauen zurück nach Galiläa gegangen? Jede Vermutung bleibt angesichts unserer Quellenlage Spekulation.“

Spannend bleibt für Theologinnen bis heute die Frage der Geschlechterrollenzuschreibungen im Allgemeinen wie im Besonderen: Maria Magdalena und Petrus stehen da in deutlicher Konkurrenz. Petersen: „Beide haben nach unterschiedlichen neutestamentlichen Zeugnissen Anspruch darauf, der bzw. die Erste gewesen zu sein, die eine Erscheinung mit dem Auferstandenen erlebte.“ Darin steckt heute mehr denn je auch die Frage nach der Gleichberechtigung. „In der aktuellen Debatte um das Amtsverständnis in der katholischen Kirche ist der Verkündigungsauftrag an Maria Magdalena nicht zu übergehen“, sagt die Theologin und stellvertretende kfd-Bundesvorsitzende Agnes Wuckelt. „Heute ist Maria Magdalena für viele katholische Frauen ein Vorbild.“ Dazu habe die durch Papst Johannes Paul II. wieder reaktivierte Benennung als „Apostelin der Apostel“ ebenso beigetragen wie zuletzt die Anerkennung als authentische Auferstehungszeugin durch Papst Franziskus. (jul/debo)

Fantasie, Fiktion und Faszination

Maria von Magdalena wird zur Kultfigur

Die Beziehung zwischen Jesus Christus und Maria Magdalena ist aus dramaturgischer Sicht eines der spannendsten Kapitel des Neuen Testaments. Während Maria Magdalena vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert der Inbegriff der Sünderin (und Verführerin) war, gab es in der jüngeren Zeit immer wieder Spekulationen, sie sei die Geliebte oder gar Ehefrau von Jesus gewesen. Viel Stoff für Kunst- und Kulturschaffende von heute: Sie machten Maria Magdalena zur populären Kultfigur. 

Das Musical Jesus Christ Superstar, das 1971 am Broadway in New York Premiere feierte, greift auf die klassischen Passionserzählungen des Neuen Testamentes zurück, rückt aber neben der Beziehung Jesu zu Judas auch Maria Magdalena mit ins Rampenlicht. In der Arie „I don‘t know how to love him“ besingt Maria Magdalena eine unmögliche – und gleichzeitig einzigartige Liebe. Am Ende pompöser Lieder von Hosianna, Eifersucht, Selbstzweifeln und Verrat stehen die ins Mark gehende Kreuzigung, der Ruf Jesu nach Mutter und dem göttlichen Vater und die Grablegung – die Liebesgeschichte bleibt hingegen offen. 

Was das Musical auf einer platonischen Ebene abhandelt, wird 2006 in dem Film „Sakrileg“ nach dem gleichnamigen Roman von Dan Brown deutlich benannt – mit blendenden oder besser: blendend inszenierten dramaturgischen Mitteln: Maria Magdalena als Geliebte, Ehefrau und Mutter einer gemeinsamen Tochter. Als Vorlage dienten unter anderem apokryphe Quellen (s. Kasten links) und eine eigenwillige Interpretation des berühmten Abendmahl-Gemäldes von Leonardo da Vinci, in der in der Gestalt des Lieblingsjüngers (mit langen roten Haaren und ohne Bart) Maria Magdalena an Jesu Seite gesehen wird. Die fiktionale Geschichte verfängt, weil eingebettet in die Suche nach dem Heiligen Gral, vieles abenteuerlich, aber für den Laien denkbar erscheint. Die Veröffentlichung des Romans sorgte 2002 für größte Empörung innerhalb der katholischen Kirche. Von Ketzerei ist die Rede. Dem Erfolg des Werkes tut das keinen Abbruch. Es gehört zu den erfolgreichsten Büchern des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends.

In dem Film „Maria Magdalena“ des australischen Regisseurs Garth Davis von 2018 ist Maria Magdalena eine junge, nach Unabhängigkeit strebende Frau. Ihre Familie versucht, sie zur Räson zu bringen, ein Exorzist wird gerufen, der ihr die Dämonen austreiben soll. Sie bricht mit ihrer Familie, Jesus erscheint als ihr Heiler. Sie schließt sich ihm an. Maria Magdalena ist hier nicht nur gleichwertiges Mitglied der Jünger- und Jüngerinnenschaft, sie hat auch diese besondere Bindung zu Jesus, eine tiefe Verbundenheit, Zärtlichkeit und Nähe – die den Schlussakkord ahnen lässt: Nach dem Tod Jesu am Kreuz, nach der Grablegung, als die Sonne aufgeht, sieht sie Jesus vor dem Grab sitzen. Sie setzt sich zu ihm. Dann geht sie zu den Jüngerinnen und Jüngern und erzählt von seiner Auferstehung. Sie ist die Osterbotin und erste Zeugin – die alte Interpretation der Sünderin und Büßerin ist damit (in diesem Film) obsolet. (jul)

Stand: 21.02.2022