Das Höchste der Gefühle: Liebesbriefe im Wandel der Zeit

Zum Valentinstag blicken wir auf ein ganz besonderes Projekt mit Herz.

Eva Wyss ist zu beneiden. Sie hat in 30 Jahren schon 22.000 Liebesbriefe bekommen. Das gelingt eigentlich nur Menschen, die Promi-Status haben. Wie es dazu kam? Die Auflösung ist denkbar einfach und birgt doch viele Fragen. Eva Wyss ist Germanistik-Professorin an der Universität Koblenz und Gründerin des dort angesie­delten Liebesbriefarchivs. Grund genug, in dieser Ausgabe der Junia, in der sich vieles um Herzensangelegenheiten dreht, die Sache mit der Liebesbotschaft noch mal in den Mittelpunkt zu rücken. 

Von Jutta Laege

Junia: Wie muss man sich Ihr Liebes­briefarchiv vorstellen? 
Eva Wyss (lacht): Es ist nicht rosarot oder geblümt oder plüschig. Die Sammlung, die in­zwischen auf 22.000 Briefe aus Deutschland und der Schweiz angewachsen ist, befindet sich in einem großen Magazinteil der Uni­versitätsbibliothek in Koblenz. Unser ältestes Stück ist aus dem Jahr 1715. 

Was hat sie bewogen, Liebesbriefe zu sammeln? 
Als ich vor dreißig Jahren, nach meiner Dissertation in der Schweiz, damit anfing, gab es keine Forschung, die sich mit authen­tischen Liebesbriefen befasst hat. Die Sprach­wissenschaft hat sich damals mit Briefstellen beschäftigt, durch die bestimmte Sprachnor­men zu einer bestimmten Zeit erschließbar sind. Ferner waren auch immer schon editier­te Liebesbriefe zugänglich von Autoren wie Goethe, Hölderlin oder Kleist - dabei handelt es sich um Briefe, die im Wissen verfasst wur­den, dass sie publiziert würden, und die vor Drucklegung bearbeitet wurden. Ich hingegen hatte großes Interesse an Briefen von jeder­frau und jedermann. Das ist keine Textsorte, die man in der Schule erlernt. 

Wie sind Sie bei der Suche nach Liebesbriefen vorgegangen?
Ich habe ja zunächst gesammelt, was ich kriegen konnte. Nach ersten Aufrufen in Zeitungen und Radio waren viele überrascht, wie viele Spenden eingingen. Heute ist das Archiv auf über 22.000 Briefe angewachsen. 

Liebesbriefe stehen immer im Spiegel der Zeit. Was können Sie uns beispielswei­se über die Rolle der Frauen sagen? 
Zunächst war das Liebesbriefeschreiben über Jahrzehnte eher Männersache. Män­ner durften in ihrer Gefühlsdarstellung ihre Männlichkeit und damit ihre Leidenschaft­lichkeit zum Ausdruck bringen. Eine Bürgers­tochter im 19. Jahrhundert durfte sich nicht gleichermaßen emotional äußern, sondern sollte züchtig und zu­rückhaltend einen Brief beant­worten. Diese Gender-Stereoty­pie löst sich im 20. Jahrhundert langsam auf, da finden Frauen mehr und mehr eine Sprache der Liebe. 

Was wurde geschrieben und wie haben sich Liebesbot­schaften verändert?
Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts haben sich ritualisier­te Formen gebildet, in denen der Mann sein Begehren zum Ausdruck bringen konnte. Das war generell in verklausulierte Anspielungen verpackt: ,,Ich hab solch großes Heimweh nach Dir." Aber er konnte auch direkter sein, schrieb beispiels­weise: ,,Ich möchte dich umarmen, dir in die Augen schauen, dich auf die Lippen küs­sen" und es gibt auch stets die Bitte um ein Treffen. Im Gegenzug haben Frauen solche Formulierungen nicht verwenden können. Sie schrieben vorsichtiger: ,,Ein innerer Jubel lebt in mir"- als Ausdruck der Vorfreude auf die Hochzeit.

In den Briefen der 1920er- und 1930er-Jahre wird die Körperlichkeit offener formuliert. Anders wird es im Kontext des zweiten Weltkrieges. Hier war Sendern und Empfängern klar, dass sie eventuell gelesen oder kontrolliert wurden. Auch wenn es bei den vielen Feldpost-Briefen darum ging, Lebenszeichen nach Hause zu senden, um Auf­munterung, um Ablenkung von den Grauen des Krieges, auch um Beruhigung der Da­heimgebliebenen, kommt es immer wieder zu verhalten zärtlichen Passagen.

In den 1950er­Jahren werden meist die traditionellen Rollen­bilder deutlich. Frauen wehren sich gegen allzu dreiste Annäherungsversuche der Männer, bitten sie, zu warten, bis sie verheiratet sind. Sie bitten damit auch um Verständnis für ihre Situation als Frau. Erst mit der 1968er-Bewe­gung wurde es für Frauen lockerer. Sie konn­ten nun die aktive Rolle übernehmen und auch Leidenschaft zum Ausdruck bringen, ohne abgestempelt zu werden. In den 1970er­Jahren suchten Frauen wirklich nach Formu­lierungen, weil es ja bisher keinen Code des Begehrens gab. Weibliche Leidenschaft war mit Schamhaftigkeit verbunden. 

Welche Briefe sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben? 
Sehr nahe gegangen ist mir ein Brief einer jungen Frau aus Düren an ihren Verlobten in der Schweiz. Sie hat ihn einen Tag vor der Bombardierung ihrer Stadt verschlckt. Als der Verlobte ihn erhlelt, leb­te sie wohl schon nicht mehr. Es gibt aber auch Briefe, die einen zum Schmunzeln bringen, zum Beispiel von Kin­dern, so genannte Schulschatzbriefe: Da schreiben drei Mäd­chen gemeinsam ei­nem Jungen und for-dern ihn auf, sich für eine von ihnen zu entscheiden. 

Was waren die verrücktesten Liebes­bezeichnung oder Kosenamen? 
Es sind so viele witzige und kreative da­bei, vielleicht „meine verküsste Leoparden­dame" - Interessanterweise werden im 20. Jahrhundert auch erotische Kosenamen für Männer möglich. Ebenso zeigt sich bei Paa­ren, dass die Geschlechter aufgehoben wer­den, da geben sich die Partner denselben Na­men: Schnuffi oder Hasi. 

Wird in den Briefen eigentlich mehr geliebt oder mehr gelitten? 
Das ist schwierig zu sagen. Wir haben von beidem. Einerseits dient das Briefeschrieben dazu, die Beziehung aufzubauen, es ersetzt sozusagen das Gespräch. Gerade in großen Korrespondenzen ist auch der Beziehungs­aufbau abzulesen. Ja, und es gibt auch Briefe, in denn das Leiden zum Ausdruck gebracht wird. Ganz offensichtlich zeigt es sich bei Abschiedsbriefen, Bilanzbriefen, aber auch bei Rückholversuchen. 

Gruß & Kuss

Wie Sie mit Ihren eigenen Liebesbriefen zur Forschung beitragen können: 
Im Rahmen eines gemeinsamen Projektes mit der TU Darmstadt werden die Liebesbriefe (Einzelbriefe und auch Korrespondenzen) archiviert, digitalisiert, untersucht und später (streng anonymisiert) der Forschung zugänglich gemacht

Vor allem aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, den 1970er-, 1980er-Jahren und von heute werden noch Materialien gesucht. Das Forschungsteam interessiert sich für alle Arten von Paarbeziehungen, auch gleichgeschlechtliche.

Helfen Sie mit! Senden Sie Ihre Briefspende direkt ein. Die Briefe werden anonymisiert, höchste Sorgfalt und der Schutz der Personen sind gewährleistet. Die Originale können auch zurückgesandt werden, nachdem sie eingescannt wurden.

www.liebesbriefarchiv.de

Ist der Liebesbrief noch zeitgemäß? 
Er ist immer noch wichtig. Die Paarkom­munikation hat sich mit der Vielfalt der Me­dien natürlich deutlich verändert. Wir haben auch E-Mail-Liebesbriefe bekommen, die am Computer geschrieben sind, wo bisweilen schnell eine Flirt-Kommunikation entsteht. Und im alltäglichen Austausch werden heute vor allem Messenger-Dienste genutzt. 

Die mediale Beschleunigung klingt eher unromantisch. Bleibt der Liebesbrief denn wenigstens das höchste der Gefühle?
Nein, eigentlich nicht. Das gilt bestimmt nicht für alle. Heute kann man ganz spontan und rasch seine Gefühle ausdrücken, da nutzt man eher eine Nachricht oder ein Posting in den Sozialen Medien. Allerdings hat der Brief neben den vielen medialen Möglich­keiten auch einen neuen Stellenwert bekom­men: Denn er wird heutzutage nur noch zu ganz besonderen Gelegenheiten geschrieben, wenn es darum geht, z.B. einen Jahrestag zu feiern oder über die bevorstehende Hochzeit zu sinnieren oder die Bedeutung der Geburt eines Kindes in Worte zu fassen. Auf diese Weise korreliert die Höhe des Gefühls mit der Bedeutung des Moments und der Liebesbrief nimmt dabei eine besondere Stellung ein.

Stand: 21.12.2021