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Vom Glück der Freude, des Engagements und der Solidarität

 

Glück scheint in der Bibel keine große Rolle zu spielen – jedenfalls kommt der Begriff selbst recht selten vor. Das liegt auch daran, dass es in den Sprachen der Bibel – Hebräisch und Griechisch – nicht das eine einzige Wort gibt, das exakt mit Glück zu übersetzen wäre.

Von Sonja Angelika Strube

Schalom“ etwa meint Frieden, Heil, Wohlergehen des einzelnen Menschen wie der Gemeinschaft – es beinhaltet also auch Aspekte, die wir Glück nennen. Ähnlich ist es mit „Segen“, „Gnade“, „Heil“. Sie alle beschreiben Wirklichkeiten, die wir mit Glück verbinden: ein Leben in Fülle statt in Mangel, in Versöhnung statt in Streit, in körperlichem, seelischem und sozialem Heil statt in Unheil.

Biblische Texte verheißen ein Leben in Fülle, doch nehmen sie dabei nicht nur den einzelnen Menschen in den Blick, sondern immer auch die Gemeinschaft – und ganz besonders die Unglücklichen, an den Rand Gedrängten. Anders als manche weltlichen Glücksratgeber versprechen sie den Einzelnen ihr Glück nicht auf Kosten anderer: Glücklich wird man nach biblischen Vorstellungen nicht, indem man reicher, schneller, besser, bekannter, berühmter ist als andere oder im Internet mehr Likes und Klicks hat. Glücklich werden alle in einer gerechten und befriedeten Welt. „Schalom“ meint eine „lebensfördernde Geordnetheit der Welt“ (Odil Hannes Steck). Ebenso fragen biblische Texte danach, was man selbst tun kann, um das eigene Leben als ein glückliches zu empfinden, als erfüllt und geglückt. Manchmal erkennen wir Texte, die nach dem geglückten Leben fragen, nicht, weil wir meinen, sie sprächen von etwas anderem, Jenseitigen, Weltenthobenen: „Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ (Mt 19,16) 

Als ein geradezu „philosophisches“ Buch über das Glück kann man das Buch Kohelet lesen. Bekannt sind sein Gedicht „Alles hat seine Stunde, für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit“ (Koh 3) und sein leicht resignativ wirkendes Motto „Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch“. Im 3. Jahrhundert vor Christus denkt Kohelet, ähnlich wie die griechischen Philosophen seiner Zeit, darüber nach, wie das menschliche Leben glücklich und geglückt sein kann – auch angesichts der Vergänglichkeit jedes Menschen und der Welt. Dabei unternimmt (der offenbar gut situierte) Verfasser zunächst ein Experiment mit sich selbst. Nacheinander testet er drei Wege aus, von denen Philosophen behaupten, sie führten zum Glück: der Weg des Habens und Besitzens, der Weg des Wissens und der Weg des Genusses (Koh 1,12-2,26). Doch seine Quintessenz ist ernüchternd: Alles ist Windhauch, und aller unter Mühen und Sorgen erworbener Besitz fällt bald anderen völlig unverdient als Erbe zu. „Was erhält der Mensch dann durch seinen ganzen Besitz und durch das Gespinst seines Geistes, für die er sich unter der Sonne anstrengt? Alle Tage besteht sein Geschäft nur aus Sorge und Ärger, und selbst in der Nacht kommt sein Geist nicht zur Ruhe. Auch das ist Windhauch.“ Schließlich erkennt er, dass man sich Glück nicht erwirtschaften und besitzen kann, sondern dass es ein Geschenk Gottes ist, ein Beziehungsgeschehen, und dass es wesentlich in der Fähigkeit zur Freude gründet (Koh 3,12f). Er erkennt, dass Konkurrenzkampf einsam und unglücklich macht, während in Freundschaft und Gemeinschaft Menschen einander aufrichten und wärmen (4,1-12). 

In einer Welt der Vergänglichkeit bedeutet Glück, sehen und fühlen zu können, wie beschenkt ich bin durch Gott und durch meine Mitmenschen und aus dieser Haltung heraus zu handeln, schlicht: zu tun, was zu tun ist: „Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein; denn das, was du tust, hat Gott längst so festgelegt, wie es ihm gefiel. … Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens voll Windhauch, die er dir unter der Sonne geschenkt hat. Denn das ist dein Anteil am Leben und an dem Besitz, für den du dich unter der Sonne anstrengst. … 

Lese-Tipp

Eleonore Reuter (Hg.),
Wunschlos glücklich.
Wo das Glück gründet

FrauenBibelArbeit Bd. 37,
Katholisches Bibelwerk
Stuttgart 2017.
96 Seiten, 14,95 Euro
ISBN 978-3-460-25317-9

Am Morgen beginne zu säen, auch gegen Abend lass deine Hand noch nicht ruhen; denn du kannst nicht im Voraus erkennen, was Erfolg haben wird, das eine oder das andere, oder ob sogar beide zugleich zu guten Ergebnissen führen.“ (9,7-9; 11,6)

Andere biblische Schriften formulieren genauer, welches Handeln zum Glück führt. Die wohl bekanntesten Glückstexte der Bibel sind Glücklichpreisungen: Glücklich der Mensch, der seine Freude hat an der Weisung des Herrn (Ps 1). Glücklich, die das Wort Gottes hören und es befolgen (Lk 11,28). Glücklich, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Ewige ihr sagen ließ (Lk 1,45). Glücklich, die nicht sehen und doch glauben (Joh 20,29). Glücklich, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind (Offb 19,9). Sie beglückwünschen Menschen und fassen zugleich ihren Glücks-Rat in einen kurzen prägnanten Satz. In Gottvertrauen zu leben (das bedeutet „glauben“ ja), sich einlassen zu können auf Gottes Zusage, sich eingeladen zu wissen in Gottes Gemeinschaft, zu Gottes großem Festmahl ist nicht nur ein Weg zum Glück, es ist bereits selbst ein Glück. Es schenkt auch in den vielen unheilen Situationen unseres Lebens Hoffnung für die Welt und Geborgenheit in der größeren Wirklichkeit Gottes.

„Beglückwünschungen“ (Klaus Wengst), die wir unter dem Namen „Seligpreisungen“ kennen, spricht auch Jesus in seiner Bergpredigt aus. Irritierenderweise beglückwünscht er, so überliefert es das Lukasevangelium, ausgerechnet die Bettelarmen, Hungernden, Weinenden: „Glücklich, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. Glücklich, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Glücklich, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen“ (Lk 6,20f). In diesen Formulierungen spiegelt sich die Überzeugung Jesu, dass Gottes gute und gerechte Herrschaft in dieser Welt schon zu seiner Zeit spürbar anbricht und sich durchsetzt, sodass die Armen, Hungernden, Trauernden sehr bald schon hier und jetzt von Gott in ihr Recht gesetzt werden.

Im Matthäusevangelium klingen die Beglückwünschungen ein wenig anders. Sie sprechen nicht mehr die Bettelarmen selbst an, sondern sie beglückwünschen diejenigen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, die also etwas dafür tun, dass Gottes gute und gerechte Herrschaft hier und jetzt in dieser unserer Welt spürbar wird: „Glücklich die Sanftmütigen … die Barmherzigen … die Frieden stiften … die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen“ (Mt 5,3-12). „Glücklich, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“ spricht sowohl von denen, die Unrecht erleiden, als auch von denen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen. „Glücklich, die arm sind vor Gott“ meint nicht eine vergeistigte Haltung des „Besitzens, als besäße man nicht“, wie es oft heißt. Es meint vielmehr eine Haltung der aktiven gesellschaftlichen und politischen Solidarität mit den Armen. So wurde „aus Zusagen an diejenigen, die eigentlich nichts mehr vom Leben zu erwarten hatten, eine Einladung zu gerechtem und solidarischem Handeln an diejenigen, die sich Jesus zugehörig fühlen“ (Sabine Bieberstein) und seine Botschaft verwirklichen wollen – also auch an uns. Solidarität und Engagement machen glücklich und beschenken: die von Unrecht Betroffenen mit dem Glück des Beistands, die gegen Unrecht Engagierten mit dem Glück sinnvollen Tuns und alle Menschen mit dem Glück einer gerechteren Welt.

Stand: 27.02.2024