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Die Wunscherfüllerin

Edeltraud Müller erfüllt ehrenamtlich Wünsche. Und zwar die von Menschen, die schwer krank sind. Mit ihnen macht sie sich auf die Reise mit dem Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) und fährt an die Nordsee, zu Kindheits-Orten oder zu Familienfeiern. Dabei blickt die 80-Jährige selbst auf eine bewegende Biografie zurück, in der sie immer für andere da war.

Von Isabelle De Bortoli

In Edeltraud Müllers Wohnung dominiert eine Farbe: Blau. Vorhänge und Sitzkissen, Kaffeetassen und Bettwäsche, die Smartwatch am Handgelenk und viele der kleinen Erinnerungen aus den vergangenen 80 Jahren sind blau. Genauso wie Poloshirt und Jacke, die Edeltraud Müller in ihrem Ehrenamt trägt: Blau wie der Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), mit dem sie aus Essen regelmäßig losfährt, um schwerkranken Menschen einen ihrer letzten Wünsche zu erfüllen. „Rund 70 Fahrten habe ich bisher begleitet“, sagt Edeltraud Müller. Und es kommen immer wieder welche hinzu. Auf ihrem Handy poppt gerade eine E-Mail auf, wer welche Fahrt in den nächsten Wochen begleiten kann. Edeltraud Müller trägt sich ein. „Ich bin von Anfang an dabei, habe das ,Kind‘ Wünschewagen quasi von seiner Geburt an begleitet und sitze auch heute noch hinter dem Steuer.“ Nur die ganz langen Fahrten, die überlässt sie heute lieber den jüngeren Freiwilligen. 

Schwerkranke Menschen oder deren Angehörige melden sich beim ASB und berichten von ihren Wünschen. Und das Team setzt dann alles daran, diese zu erfüllen.

Die Idee zum Wünschewagen stammt aus den Niederlanden: Ralph Steiner, stellvertretender Vorsitzender des ASB Ruhr und Initiator des Projekts, brachte sie zunächst ins Ruhrgebiet. Inzwischen sind mehr als 20 Wünschewagen in Deutschland unterwegs. „Schwerkranke Menschen oder deren Angehörige melden sich beim ASB und berichten von ihren Wünschen. Und das Team setzt dann alles daran, diese zu erfüllen“, berichtet Edeltraud Müller. Was gewünscht wird, ist völlig unterschiedlich: „Mit einem Herrn war ich auf einem Konzert von Paul McCartney. Die Karte hatte er gekauft, als er noch gesund war. Mit der Trage haben wir ihn in die Konzertarena gebracht“, erinnert sich Edeltraud Müller.

Dann gibt es immer wieder den Wunsch, noch einmal ans Meer zu fahren, die Füße nochmal von Wellen umspülen zu lassen, das Rauschen zu hören. 

„Dann gibt es immer wieder den Wunsch, noch einmal ans Meer zu fahren, die Füße nochmal von Wellen umspülen zu lassen, das Rauschen zu hören.“ Eine andere Fahrt führte in ein Kloster, in dem der Betroffene als Kind im Internat gelebt hatte. „Er hat sich unheimlich gefreut, wieder an diesem Ort zu sein.“ Einen zwölfjährigen Jungen begleitete die 80-Jährige in den Zoo, ein anderes Mal ging es ins Varieté, auch auf den Weihnachtsmarkt. Eine 46-Jährige wurde zur Hochzeit ihres Patenkindes gefahren. „Diese Fahrt war schon sehr dramatisch. Denn die Menschen, die mit uns fahren, sind schwer krank, der Wünschewagen ist medizinisch ausgestattet wie ein Krankenwagen. Und alle ehrenamtlichen Wunscherfüller haben eine medizinische Ausbildung“, sagt Edeltraud Müller, die selbst gelernte Krankenschwester ist und 26 Jahre lang ein Altenheim leitete. „Genau diese Frau, die wir vom Hospiz zur Hochzeit gefahren haben, ist zwei Tage später gestorben. Auf dem Fest konnten sich alle von ihr verabschieden.“

Bei einer Wunschfahrt wird übrigens meist nicht über Tod und Sterben gesprochen, die Fahrt an den Lieblingsort oder zu den Lieblingsmenschen soll als ein Tag voller Glück empfunden werden. „Und dann passieren da unterwegs eben auch manchmal kleine und große Wunder: Uns werden Türen geöffnet, die sonst verschlossen sind, das ist das eine. Und das andere: Menschen, die wir liegend transportieren mussten, stehen plötzlich am Strand oder sitzen zwischen ihren Lieben in einer letzten Mahlgemeinschaft beim Essen. Es wird gelacht – auch geweint – und natürlich ganz viel erzählt.“

Es sind immer bewegende Schicksale, die Edeltraud Müller begleitet. Wie schafft sie es, damit umzugehen? „Tod und Sterben haben mich mein ganzes Berufsleben begleitet. Und wie furchtbar war es, wenn im Altenheim die Bewohner und Bewohnerinnen sagten: Frau Müller, ich würde gerne nochmal … – und ich hatte keine Zeit, kein Geld, kein Personal und kein Auto, um diese Wünsche zu erfüllen. Heute bin ich dankbar, dass ich den Wünschewagen fahren kann und dass ich mit 80 noch fit genug bin, um dieses Ehrenamt auszufüllen. Denn so traurig diese Begegnungen auch sind – sie sind einzigartig und bereichernd.“ Wünsche zu erfüllen, sei wunderschön. „Ich merke gar nicht, dass ich alt geworden bin. Denn in diesem Ehrenamt bekommt man so viel zurück. Meine Familie hatte einen Wahlspruch, an den auch ich mich halte:

Willst du glücklich sein im Leben,

Trage bei zu andrer Glück;

Denn die Freude, die wir geben,

Kehrt ins eig'ne Herz zurück.

„Edel“, so nennen sie viele. Und das trifft es ziemlich gut. Denn Edeltraud Müller hat sich in ihrem Leben immer für andere eingesetzt. Sie hilft bis heute im Altenheim, im Hospiz war sie seelsorgerische Betreuerin. Sie hat nach ihrer Pensionierung ein Jahr Bundesfreiwilligendienst in der Behindertenhilfe gemacht, hat eine Weiterbildung in meditativem Tanz absolviert, ist auf dem Jakobsweg gepilgert – und hat 11 Jahre ihres Lebens als Ordensschwester verbracht. Ein besonderes Kapitel. Bis heute prägt der christliche Glaube ihr Leben, in ihrer Wohnung finden sich ein kleiner Schrein, eine aufgeschlagene Bibel auf einem Pult, Kreuze und Devotionalien. 

„Als ich Krankenschwester wurde, hat mich die Haltung der Ordensschwestern im Krankenhaus sehr beeindruckt. So entschied ich mich, ins Kloster einzutreten. Ich komme aus einer großen Familie mit sechs Schwestern und einem Bruder, und ich suchte nach einer Gemeinschaft, nach einer ebensolchen Schwesternschaft.“ Doch immer wieder kommen die Zweifel, am stärksten, als der eigene Vater schwer erkrankt und sie nicht an sein Krankenbett eilen durfte. „Ich wagte es kaum, mich mit dem Austritt zu beschäftigen“, erinnert sich Edeltraud Müller. „Aber 1974 traute ich mich. Und da stand ich: 33 Jahre alt, mit nichts als meinem Beruf. Keine Wohnung, keine Aussteuer, keine Ahnung vom Leben. Ich wusste nicht, was ich brauchte, und kaufte mir als erstes ein – Bügelbrett!“

Der Wünschewagen des ASB

Seit 2014 lässt der ASB mit dem Wünschewagen letzte Wünsche wahr werden. Dabei kommt es nicht selten zu rührenden Momenten und bewegenden Geschichten, die den Angehörigen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern für immer in Erinnerung bleiben. 

Bundesweit sind inzwischen 23 Wünschewagen mit ihren Teams unterwegs. Sie erfüllen Menschen in ihrer letzten Lebensphase einen Traum. Viele Tausend Kilometer sind die mobilen Wunscherfüller bereits gerollt, die Reise ging sogar bis nach Finnland oder Irland und immer wieder ans Meer. Aber es gibt auch Ziele, die uns ganz banal vorkommen, für Schwerstkranke aber oft unerreichbar scheinen: einfach noch mal nach Hause, noch einmal zum Lieblingsverein, noch einmal ins Lieblingsrestaurant.

Wer den Wünschewagen ehrenamtlich unterstützen möchte oder jemandem einen Wunsch erfüllen mag, findet alle weiteren Infos unter

www.wuenschewagen.de

Wir haben eine Mutter von fünf Kindern, die bereits im Hospiz lebte, zur Bescherung nach Hause gefahren. Sie ist Peruanerin und hat eine Doktorarbeit über die Inka geschrieben.

Nach ihrer Pensionierung wollte Edeltraud Müller eigentlich in einem Karmel leben - stellte aber fest, dass die Gemeinschaft für ihr Empfinden nicht paritätisch genug agierte. Also ging sie sechs Wochen auf dem Jakobsweg, um Klarheit zu gewinnen, wie das Leben ohne ihren Beruf weitergehen könnte. "Dort hatte ich einen besonderen Traum, in dem mir gesagt wurde, dass sich alles fügen würde." Und so kam es: Viele ehrenamtliche Projekte und bald auch der Wünschewagen traten in ihr Leben. Von Einsamkeit keine Spur, sogar an Heiligabend ist die 80-Jährige für andere unterwegs: "Wir haben eine Mutter von fünf Kindern, die bereits im Hospiz lebte, zur Bescherung nach Hause gefahren. Sie ist Peruanerin und hat eine Doktorarbeit über die Inka geschrieben. Sie litt unter einem Gehirntumor. Am 8. Januar, also nur wenige Tage nach diesem letzten Weihnachtsfest, ist sie gestorben." Natürlich habe sie das sehr mitgenommen, so Edeltraud Müller. "Aber man bekommt doch so viel zurück. Ich möchte wirklich zum Ehrenamt ermutigen. Man beschenkt sich damit selbst."

Und welchen Wunsch würde sich Edeltraud Müller gerne erfüllen? "Als kölsches Mädel würde ich gerne ganz nach oben auf den Kölner Dom. Und in mein Mutterhaus nach Hiltrup. Die Sehnsucht danach ist groß."

kfd spendet für den Wünschewagen

Der Wünschewagen ist ein Projekt, das man greifen kann, „... und etwas, das wir irgendwann vielleicht alle einmal selbst gebrauchen können“, sagt Magdalena Berendsen vom Leitungsteam der kfd St. Sebastian Nienberge (DV Münster). Eher zufällig hatte die kfd-Ortsgruppe, in der sich rund 360 Frauen engagieren, vom Wünschewagen Westfalen erfahren. Von dem Angebot des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) waren die Mitglieder sofort so begeistert, dass bei der Spendensammlung auf der diesjährigen Jahreshauptversammlung der kfd St. Sebastian 500 Euro für das Projekt zusammenkamen.

Stand: 23.12.2022