Ich hatte einen Schutzengel

Sie war noch nie im Krankenhaus gewesen - außer bei der Geburt ihrer Tochter. Da hätte für den Anfang ein "normaler" Aufenthalt sicher auch gereicht. Doch es war Corona. Birgit Schentek aus Düsseldorf erkrankte im März an Covid-19 - und musste auf die Intensiv- und Isolierstation. Vier Wochen zwischen Hoffen und Bangen.

Von Jutta Laege

Die gute Nachricht vorweg: Birgit Schentek ist auf dem Weg der Besserung. Langes Reden strengt sie noch an, sie ist, als wir das Telefoninterview führen, noch krankgeschrieben. Aber sie hat die schwere beidseitige Lungenerkrankung überstanden. Und auch ihre Familie ist wohlauf.

Daran war einen Monat zuvor nicht im Entferntesten zu denken. Anfang März war sie mit Mann und Tochter im österreichischen Paznauntal gewesen, einschließlich eines Zwischenstopps in Ischgl.

Als sie wieder zu Hause ist, fühlt sie sich schlapp, denkt zunächst an eine verschleppte Erkältung aus den Karnevalstagen. Doch dann kommen die Nachrichten aus Ischgl.

Sie nimmt Kontakt zum Gesundheitsamt auf, begibt sich in Quarantäne, einen Test auf Corona gibt es nicht. Es vergehen knapp zwei Wochen, bis nach sich deutlich verschlimmernden Symptomen nur die Einweisung ins Krankenhaus bleibt und es dort dann die traurige Gewissheit gibt. Sie ist Corona-positiv.

Ihr Mann hat sich ebenfalls angesteckt, ihre Schwiegermutter, die im selben Haus wohnt, auch. Birgit Schentek kommt zunächst auf die Isolier-, dann auf die Intensiv- und schließlich erneut auf die Isolierstation.

 "Zwischendurch dachte ich schon, das wird nicht mehr", rekapituliert die Katholikin. Vor allem, weil die Ärzte drei Tage lang abwägen und überlegen mussten, sie aufgrund der Schwere ihrer Lungenentzündung zu intubieren, künstlich zu beatmen, also ins künstliche Koma zu versetzen.

Diese geplante, ja vielfach lebensrettende Maßnahme löst bei Birgit Schentek besondere Ängste aus. "Da weiß man ja nicht, wie und ob man wieder daraus erwacht." Doch in ihrem Fall gibt es Hoffnung - in Gestalt einer Intensivschwester.

Die Krankenschwester war mein Schutzengel."

"Meine Sauerstoffwerte waren die ganze Zeit sehr schlecht, aber sie hat nochmal alle Werte kontrolliert und sich dann für eine andere Therapie mit einer speziellen Maske eingesetzt - ohne Intubation." Diese stark aufs Gesicht gepresste Maske bewirkt einen Unterdruck, durch den Sauerstoff in die Lunge gepumpt werden kann.

"Ich habe mich mit meiner Atmung gut auf das Gerät einstellen können", berichtet die Patientin. "Das war mein Glück. Und die Schwester war mein Schutzengel." Auch den anderen Krankenhauskräften zollt Birgit Schentek großen Dank, Lob und Hochachtung. "Sie hatten alle ein unwahrscheinliches Einfühlungsvermögen."

Die schlimmste Erfahrung in den Wochen der Krankheit war für sie die Einsamkeit - vor allem auf der Isolierstation. Keine Besuche, die Angst, ihre Liebsten nicht mehr wiederzusehen, die Sorge, weil ja auch sie krank geworden waren.

Ich habe meinen Freunden gesagt: Bitte betet für mich!"

"Kraft hat mir der Gedanke gegeben, dass ich eine Tochter habe, die noch viel zu jung ist, um ohne Mutter zu sein." Und sie hat sehr viele tröstende Worte, Text- und Bildnachrichten erhalten. Angefangen vom Pfarrer der Gemeinde, der ihr schrieb, dass er sie in sein Gebet einschlösse, über Freunde und Kolleginnen, die Kerzen für sie angezündet und davon Fotos gemacht hatten.

Sich selbst um göttlichen Beistand zu bemühen, fiel ihr hingegen schwer. "Ich habe meinen Freunden gesagt: Bitte betet für mich!", erzählt sie.

Es ist Mai, die alte Welt ist einmal durchgeschüttelt, nichts ist mehr so, wie es war. Birgit Schentek hat viel aus den vergangenen Wochen gelernt. "Ich glaube, dass man nach so einschneidenden Erlebnissen noch mal alles für sich sortiert - auch im Freundes- und Bekanntenkreis", sagt sie ernst.

Sie hofft, dass sie ihren "alten Zustand" wieder erreicht. "Es sind viele, viele kleine Schritte." Ein vielbemühter Satz wie dieser: "Nach Corona ist nichts mehr wie vor Corona" klingt bei Birgit Schentek so:

"Ich will den Blick auf die Dinge richten, die wirklich wichtig sind für die Zukunft." Dazu gehört für sie auch der Kontakt zu einer sehr engagierten Nachtschwester aus dem Krankenhaus. "Ich werde, wenn die Krise durchgestanden ist, auch daran erinnern, wie wichtig diese Menschen für unsere Gesellschaft sind."

Zur Person

Birgit Schentek ist Verwaltungsleiterin in der Pfarrei Heilige Familie in Düsseldorf. Sie ist 54 Jahre alt, verheiratet, hat eine 20-jährige Tochter und lebt in einem Mehrgenerationenhaus.

Als stellvertretende Bezirksbürgermeisterin engagiert sie sich in der Politik (CDU). Ihr Herz schlägt zudem für den rheinischen Karneval.

Stand: 27.05.2020