Serie: Meine wichtigste Bibelstelle

Bibelverse können berühren, ermutigen, verwundern, bereichern. Was bedeuten sie aber jeder und jedem Einzelnen? In unserer neuen Serie haben wir Theologinnen und Theologen gebeten, uns ihre wichtigste Bibelstelle zu nennen und zu erklären, was sie daran fesselt und begeistert.  

Alle Folgen im Überblick

Die Schöpfung

Ein von Gott gesetzter Anfang

Folge 6: Aurica Jax, Leiterin der Arbeitsstelle Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz

(1)
Bei Beginn

Als Anfang

Zu Anfang

Durch einen Anfang

hat Gott Himmel und Erde geschaffen.

Im Anfang

Zu Beginn

Am Anfang

(2)
Da war die Erde Chaos und Wüste, Dunkelheit war da angesichts der Urflut, und Gottes Geistkraft bewegte sich angesichts der Wasser.  

Meine wichtigste Bibelstelle ist zugleich der Beginn der Bibel, eine heilige Erzählung vom Beginn der Welt. Anders als in der Einheitsübersetzung beginnt die "Bibel in gerechter Sprache" mit sieben möglichen Übersetzungen des ersten Wortes der Heiligen Schrift aus dem Hebräischen, dem Wort "bereschit".

Viel wurde über diese ersten Sätze schon geschrieben und nachgedacht, seit Jahrtausenden, von jüdischen und christlichen Gläubigen und von vielen anderen.

Das flößt Respekt ein. Die große Bedeutung wird auch im Schriftbild der "Bibel in gerechter Sprache" dargestellt. Ich finde diese Darstellung (siehe oben) sehr inspirierend, denn sie vermeidet ein zu schnelles Hinweglesen über diesen Beginn und damit über die Erkenntnis:

Die Schöpfung, allererste Voraussetzung menschlichen Lebens bis heute, ist ein von Gott gesetzter Anfang. Es ist gut, sich immer wieder an dieses Vertrauen ins Anfangen zu erinnern.

Jedes der Worte in diesem wunderbaren, die jüdische Tora eröffnenden Text ist selbstverständlich sorgfältig gewählt. Ich möchte das Wort für Gott, "elohim", herausgreifen, ein grammatikalischer Plural. Für mich steht er für die Vielzahl an Eigenschaften Gottes, an möglichen Bildern, weiblichen wie männlichen und vielen anderen, die wir nicht auf ein ausschließliches "Vater" oder "Herr" verengen sollten.

Gott schuf Himmel und Erde - welch ein geheimnisvoller Satz! Damit meine ich nicht den Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, denn der Schöpfungsglaube lässt sich mittlerweile gut mit der Evolutionslehre vereinbaren.

Die naturwissenschaftliche Rekonstruktion zeigt eindeutig, dass die Schöpfung nicht in sechs Tagen, sondern in Milliarden von Jahren entstand. Zugleich, und das meine ich mit "Geheimnis", kann sie nicht erklären, warum es überhaupt Leben auf der Erde gibt, warum sich zwingend Pflanzen, Tiere und ganz zum Schluss die seltsamsten Lebewesen, die Menschen, entwickelt haben sollten. Warum schuf Gott Himmel und Erde "als Anfang"? Das wissen wir nicht.

Noch geheimnisvoller ist der zweite Satz der Bibel, der den Zustand der Erde schildert, bevor Gott sprach "Licht werde!".

Diese Erde ist "Chaos und Wüste" - aus den hebräischen Worten stammt unser "Tohuwabohu" -, es ist dunkel, es gibt eine Urflut, es gibt Wasser. Es gibt also nicht: nichts!

Es geht darum, in diese Welt Licht und Leben zu bringen."

Jahrhundertelang glaubten Christinnen und Christen, die Allmacht Gottes mit der Schöpfung der Welt aus dem Nichts belegen zu müssen. Aber dafür gibt es keinen biblischen Beleg! Sondern ausgerechnet das Chaos ist die Voraussetzung für alles.

Es geht darum, in diese Welt Licht und Leben zu bringen. Interessanterweise wird nicht gesagt, dass Gott das Licht "macht", sondern dass Gott sagt "Licht werde!".

So übersetzt die "Bibel in gerechter Sprache" diesen Satz, den allerersten, den Gott in der Bibel spricht. Auch die Pflanzen werden nicht von Gott gemacht, sondern auf Gottes Wort hin von der Erde hervorgebracht: "'Die Erde lasse Grünes aufsprießen [...].' Und so geschah es: Die Erde brachte Grün hervor [...]." Sie ist ko-kreativ, Mitschöpferin mit Gott.

Schöpfung heißt Vielfalt"

Für mich hat diese Bibelstelle höchste Aktualität angesichts der Corona-Krise, aber auch des menschengemachten Klimawandels und des weltweiten Artensterbens, denn sie zeigt: Leben ist nicht selbstverständlich.

Leben braucht Vertrauen. Leben bleibt ein Geheimnis. Schöpfung heißt Vielfalt. Alles hat eine Vorgeschichte. Leben entsteht aus Chaos. Die Erde ist an der Schöpfung beteiligt.

Die ersten Verse der Bibel können den Respekt vor der Erde, dem Grund unseres Seins im doppelten Sinne, immer wieder neu in Erinnerung rufen, gerade in der jetzigen Situation.

Die Verheerungen des Corona-Virus sind schrecklich, keine Frage. Aber vielleicht kann die Corona-Krise zu einer Umkehr beitragen, die angemessen auf die ökologische Krise reagiert - denn auch diese ist tödlich.

Warum sonst sollte Gott diesen Anfang der Schöpfung gemacht haben, wenn es nicht um das Leben ginge, um das Leben für alle: für Menschen nah und fern, Pflanzen und Tiere in all ihrer Vielfalt und Schönheit. Gottes Geistkraft, von Beginn an da und in Bewegung, möge uns dazu bewegen, mit aller Kraft um dieses Leben zu kämpfen.

Stand: 27.05.2020