Ihr Name ist Sandra

Wie redet man über jemanden, den man nie kennengelernt hat und dennoch kennt? Wie spricht man aus, was keiner zu sagen wagt, weil es zu weh tut und dennoch ausgesprochen werden muss? Vielleicht beginnt man mit einem Namen. Ihrem Namen. Sandra.

Von Nadine Diab

Sie heißt Sandra. Vielleicht beginnt man mit einem Datum. Ihrem Datum. Sandra: geboren am 5. August 1969. Gestorben am 5. August 1969. Es ist ein Anfang.

Montag, 5. August 2019: Um 20.14 Uhr drückt Lilian Kura (46) auf den Button "Senden" und verschickt einen Tweet bei Twitter. Er lautet: "Heute vor 50 Jahren wurde meine ältere Schwester geboren. Das Krankenhaus hatte keinen Brutkasten, man brachte sie weg, sie starb allein. Unsere Eltern - 20 und 21 Jahre jung - haben sie niemals gesehen. Happy Birthday, Sandra! Du fehlst seit immer."

Der Post schlägt Wellen. Viele Antworten erreichen Lilian Kura. Sie alle sind verschieden, und doch haben sie eine gemeinsame Essenz: Viele Menschen haben, angeregt durch diese Zeilen, erstmals in ihrem Leben über ihre verstorbenen Geschwister gesprochen.

"Und wir alle wissen doch, wie fatal es ist, wenn diese ihren Platz im Familiensystem nicht bekommen. Schweigen ist niemals gut, wenn es um Liebe und Vermissen geht ... irgendwer zahlt immer den Preis", sagt Lilian Kura im Gespräch.

Ihre persönliche Geschichte beginnt mit einem Foto. Irgendwann in den frühen 1980er-Jahren, sie wird wohl acht oder neun Jahre gewesen sein, sitzt Lilian mit ihrem Opa in einem Sessel, und sie schauen sich alte Fotoalben an. Das Bild ist vergilbt. Es zeigt ein schlichtes Kreuz aus Birkenstämmchen auf einem kleinen Grab mit Kieselsteinen.

Darunter, unverkennbar in der Handschrift ihres Vaters geschrieben, steht: "Sandras Grab in Regensburg".

Lilian ist erstaunt, in ihrer kindlichen Neugier fragt sie ihren Großvater, wer denn Sandra sei. "Ja, weißt du das denn gar nicht? Das war doch deine Schwester", antwortet er.

Viel. Es ist so viel. Innerhalb eines kurzen Moments ändert sich ein ganzes Leben, eine ganze Biographie. Lilian ist als Einzelkind aufgewachsen. Ihre Kindheit ist unbeschwert, voller Liebe und Wärme.

Die Eltern immer sehr auf sie konzentriert, aber nie einengend, immer fördernd, Raum gebend. Doch plötzlich ist da eine Schwester. Sie heißt Sandra. Doch Sandra ist tot, und nie wurde über sie gesprochen. Warum?

Hilft das Schweigen, weil es sich wie kalter Schnee über Sandras kleines Grab legt und die Gefühle zudeckt, zumindest nach außen hin? Doch auch der Schnee schmilzt und lässt das, was darunter liegt, wieder zum Vorschein kommen.

Lilian ist noch zu jung, um auch nur ansatzweise zu verstehen, was all das bedeutet. Erst später sucht sie das Gespräch über Sandra mit ihren Eltern. Immer und immer wieder, über Jahre. Es ist ein behutsames Herantasten für alle, ein neues Kennenlernen ihrer Mutter und ihres Vaters. Sandra gehört zu dem Teil der Familiengeschichte, der vor Lilian Kuras Zeit lag und doch untrennbar mit allen verwoben ist.

1969: R. und D. sind glücklich. Und das, obwohl die Schwangerschaft nicht geplant war. R. ist gerade mal 20, D. 21 Jahre alt. Nach dem ersten Schreck, dass sich da unverhofft ein Kind auf den Weg gemacht hat, heiraten sie bald.

Dann läuft eigentlich alles gut. Sie träumen von ihrer Zukunft als Eltern, von einem Haus, einem erfüllten Familienleben. Es wird schon gehen. Gemeinsam werden sie es schaffen, das hat auch D.s Vater in einem Brief geschrieben. Zuversichtlich.

Am 5. August soll sich alles ändern. R. spürt, dass irgendetwas nicht stimmt, sie hat Wehen. Sie fahren ins Krankenhaus in Schwandorf, denn es ist noch viel zu früh. Sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin bringt R. Sandra zur Welt. So klein, sie ist so unfassbar klein, zart und perfekt.

Für einen kurzen Moment nur darf sie ihr Kind in den Armen halten, dann wird Sandra weggetragen. Das Krankenhaus hat keinen Brutkasten, aber Sandra braucht als Frühchen Sauerstoff und Wärme, deshalb soll sie in die Regensburger Kinderklinik verlegt werden. Doch sie schafft es nicht. Sie stirbt nur wenige Stunden später. Allein.

Es ist D., der seiner jungen, frisch entbundenen Frau die Nachricht überbringt. Er selbst hat seine Tochter nicht ein einziges Mal im Arm halten können, er hat sie nie gesehen.

Zu diesem ganzen Kummer kommt noch die Äußerung des Arztes hinzu, die beide tief verletzt: "Wahrscheinlich wäre sie sowieso behindert gewesen, eigentlich können Sie froh sein."

Vielfach werden sie in den kommenden Wochen auch den "Trost" zu hören bekommen, sie beide seien ja noch jung und könnten weitere Kinder bekommen. Schreckliche Sätze, die sie nicht hören wollen und die nichts besser machen.

Ein Jahr lang kann R. nicht an Sandras Grab gehen. Jeder versucht, den Verlust der toten Tochter auf eigene Weise zu verarbeiten. D. geht damals in den Wald, fällt eine kleine Birke und baut aus ihrem Holz das bescheidene Kreuz für Sandras Grab. Wie macht man weiter, wenn die Zeit eigentlich stehenbleibt?

1974: Es gibt das Sprichwort von der Zeit, die alle Wunden heilt. R.s und D.s Wunden sind nicht geheilt, und doch gibt es einen Lichtblick:

R. ist wieder schwanger. Fünf Jahre hatten sie gewartet. Absichtlich, um einem weiteren Kind einen besseren Start bieten zu können. Dann ist es passiert. Ihr Wunschkind ist auf dem Weg zu ihnen.

Am 6. Juni um 18.12 Uhr wird Lilian geboren. Nur ein paar Tage vor dem Termin. "Ist sie gesund?", fragt R. als erstes den Arzt. Sie und D. haben in den letzten Wochen große Angst durchgestanden, die Erfahrung von Sandras

Verlust ist wieder voll präsent. Doch Lilian ist gesund und wohlauf. "Du hast haargenau so ausgesehen wie sie damals. Ganz genau so, nur das entscheidende Stückchen größer", wird R. viel später der erwachsenen Lilian, die dann schon selbst Mutter von zwei Kindern ist, in einem ihrer Gespräche sagen.

Montag, 5. August 2019: Es ist eine sternenklare Sommernacht. Lilian sitzt mit ihrer fast volljährigen Tochter, ihrem Partner und ihren Eltern im gemeinsamen Garten des Hauses. Sie ist dankbar.

Dankbar für ihre Kinder, dankbar für ihre Eltern, dankbar für die Liebe um sie herum. Auch ihr eigener Sohn war fünf Wochen zu früh geboren worden. "Ich war zu jeder Zeit sicher, er wird okay sein. Nur Mama und Papa, die zu dieser Zeit in Costa Rica lebten, hatten große Angst, als sie hörten, dass es losgeht", berichtet sie.

Sie haben ein Feuer angemacht, blicken in die Flammen. "Wisst ihr, welcher Tag heute ist?", fragt Lilian ihre Eltern. "Natürlich", antwortet ihr Vater und erhebt sein Glas, "heute ist der 50. Geburtstag von unserem ersten Kind."

Das erste Kind. Das erste Kind, das tot ist. "Manchmal fühle ich mich wie zwei Töchter. Ich habe doppelt Liebe bekommen und war doppelt behütet. Heute, nachdem ich mich viel mit Familiensystemen beschäftigt habe, weiß ich: Ich war unter anderem wegen Sandra ein doppelt unkompliziertes Kind. Das Sonnenscheinchen. Sie haben es mir leicht gemacht, aber unbewusst ist das auch anstrengend. Sich ein Leben lang zu verhalten wie die einzige, älteste Tochter. Obwohl ich das nie war", sagt Lilian Kura.

In Coaching oder Therapie kommt das Thema immer wieder hoch. Es beeinflusst die eigene Persönlichkeit stark, wenn man für einen anderen Menschen irgendwie mitlebt.

Für die Beziehung ihrer Eltern war der Tod von Sandra eine große Belastung. 1969 und in den Jahren danach, da hat man so etwas nicht aufgearbeitet, wie man es heute tun würde. Man hat zwar irgendwie weitergemacht, und irgendwie hat es sogar zusammengeschweißt. Doch Heilung sieht anders aus. Deshalb tut es auch 50 Jahre später immer noch weh.

Wie wäre Sandra wohl heute? Hätte sie eine eigene Familie, eigene Kinder? Wären da Nichten oder Neffen? Ein Schwager oder eine Schwägerin? Wem sähe sie ähnlich, diese verlorene Schwester, diese verlorene Tochter? Jeder von ihnen hat ein eigenes Bild von Sandra, und jedes davon ist richtig.

Die Geschichte hat eines gezeigt: "Es ist schädlich, ein verstorbenes Kind nicht stattfinden zu lassen", sagt Lilian Kura. "Aber Sandra findet im Gespräch wieder statt. Sie hat jetzt ihren festen Platz.

Wenn man mich heute nach Geschwistern fragt, käme ich nie mehr auf die Idee zu sagen, ich sei ein Einzelkind. Ich sage immer, ich hatte eine ältere Schwester. Sie hieß Sandra und ist leider wenige Stunden nach ihrer Geburt gestorben."

Am 5. August 2019 um 20.14 Uhr versendet Lilian Kura ihren Tweet. Sandra hat ihren Platz nicht mehr nur in der Familie. Sie hat ihn nun auch in der ganzen Welt gefunden.

Alle Folgen der Serie "Schwesterherz"

Stand: 27.05.2020