Durchsichtig für die Wirklichkeit Gottes

Prophetie: wacher Verstand, klarer Blick und die Freiheit des Ausdrucks

Von Ilse Müllner

"Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!" Der Ausruf von Bertolt Brecht drängt sich so manchem und mancher in den letzten Jahren vielleicht etwas häufiger auf als in den Zeiten davor.

So vieles scheint in Unordnung geraten zu sein. Selbstverständliche Übereinkünfte gelten nicht mehr. Bedrohliche Szenarien von Gewalt und Ohnmacht rücken wieder näher, manchen sogar im wahrsten Sinn des Wortes auf den Leib.

Darstellende Kunst, Musik und Literatur, die immer schon eine präzise Wahrnehmung der Zeichen der Zeit gehabt haben, benennen die Bedrohungen, verweisen aber auch auf die Kraft, die aus den Rändern einer auf den Westen zentrierten Welt erwächst.

Die Kunstschau documenta XIV etwa stand 2018 für eine global ausgerichtete, gesellschaftskritische Kunst, die die Finger in die Wunden dieser Welt legt. Literatinnen und Literaten wie Julie Zeh, Daniel Kehlmann oder auch Michel Houellebecq entwerfen Szenarien, die den Blick auf die Wirklichkeit schärfen.

Solcher Kunst und Literatur wohnt eine prophetische Kraft inne. Sie wagt zu sagen, was ist, und tut das in einer ästhetischen Verdichtung, die erschreckt, ärgert, irritiert und darin das offen legt, was in der Alltagswahrnehmung meistens verdeckt ist. Solche Kunst hat oft auch einen moralischen Anspruch. Sie will nicht nur unterhalten oder ein ästhetisches Erlebnis anbieten, sondern auch zum Verstehen und darüber zum Handeln führen.

Für Menschen, die mit der Sprache der Bibel vertraut sind, legen sich Verbindungen zu prophetischen Gestalten nahe, die in den ersttestamentlichen Schriften gezeichnet werden. Häufig denken wir beim Stichwort "Prophetie" an Zukunftsweissagung. Das aber ist eine sehr verkürzte Vorstellung, weil sie übersieht, dass all das, was Prophetie über Zukunft aussagt, immer aus der sehr genauen Beobachtung einer jeweils aktuellen Gegenwart gewonnen ist.

Gegenwartsanalyse ist also die erste und vorrangige Qualität von Prophetie. Biblische Propheten und Prophetinnen sind aber auch Performance-Künstler; sie sprechen nicht nur, sondern machen sich durch Zeichenhandlungen verständlich. Jesaja etwa exponiert sich so weit, dass er nackt durch die Stadt läuft, um aufzurütteln, wach zu machen für ihr eigenes moralisches Versagen (Jes 20,3).

Mit solchem Handeln stellen sich Propheten oftmals neben die gesellschaftlich akzeptierte Normalität. Wenn Saul sich aufführt als wäre er verrückt (1 Sam 10), wenn Hosea eine Frau heiratet, die gegen die moralischen Normen ihrer Gesellschaft gelebt hat (Hos 1-3), wenn Jona sich unter einen Strauch setzt und nur noch sterben will (Jona 4) - dann distanziert sich prophetisches Handeln von dem, was üblich und erwünscht ist, und hält der Gesellschaft einen Spiegel vor.

Immer wieder gilt die prophetische Kritik den ungerechten sozialen Verhältnissen, der Ausbeutung der Armen, den falschen politischen Bündnissen, die Israel und Juda eingehen - also Bereichen, in denen Israels Handeln nicht den Weisungen der Tora entspricht. Die biblischen Propheten tun all das nicht aus sich selbst heraus, sie handeln, weil sie sich von Gott dazu gerufen wissen.

Ihr Reden und Handeln geschieht im Namen Gottes - es ist wohl das wichtigste Kennzeichen von Prophetie, dass sie nicht im eigenen, sondern im Namen eines Anderen spricht. Das wird sehr gut an der Berufungserzählung des Mose in Ex 3 deutlich.

Auf den Einwand des Mose, er könne nun einmal nicht sprechen und sei deshalb für diese Aufgabe ungeeignet, antwortet Gott damit, dass er ihm Aaron an die Seite geben wolle, der für Mose mit dem Volk sprechen werde: "Sprich mit ihm, und leg ihm die Worte in den Mund! Ich aber werde mit deinem und seinem Mund sein, ich werde euch anweisen, was ihr tun sollt, und er wird für dich zum Volk reden. Er wird für dich der Mund sein und du wirst für ihn Gott sein" (Ex 3,15-16).

Mit diesem letzten Satz ist nicht gemeint, dass Mose nun vergöttlicht würde, von Aaron angebetet werden solle oder ähnliches. Hier wird ausschließlich die eine Funktion des Prophetischen präzisiert: Der Prophet ist der Mund Gottes; er spricht nicht in seinem Namen, sondern im Namen des Göttlichen.

Erzählerisch wird diese Vorstellung auch dadurch entfaltet, dass der Prophet sich wehrt. Er will diese ihm von Gott zugedachte Aufgabe nicht übernehmen - ein Muster, das in der Berufungsgeschichte des Mose schon beinahe übertrieben dargestellt wird. Aber auch Jona, Jeremia und Elija sind Beispiele für eine Prophetie, die sich nicht nach diesem Amt drängt, sondern die von Gott in Dienst genommen wird - oft genug gegen den eigenen Willen.

Wir können diese vier Kennzeichen biblischer Prophetie - kritische Gegenwartsanalyse; Aufdecken von Missständen; Distanzierung von gesellschaftlichen Normen; Sprechen im Namen Gottes - als Orientierungslinien christlichen Handelns verstehen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Wissen und die Bereitschaft, nicht im eigenen Namen, sondern im Namen Gottes zu sprechen.

Deshalb ist biblische Prophetie nur zu verstehen, wenn ihr Bezug zur Tora beachtet wird, Prophetie ist Auslegung und Aktualisierung der Tora. So sichert die Prophetie, dass sie im Namen Gottes spricht und hat in den Schriften einen Maßstab, der sie daran hindert, in die Selbstbezüglichkeit abzurutschen.

Auch kirchliches Handeln muss hier seinen Ausgangspunkt finden. Der Abschied von einer Selbstbezüglichkeit, von Selbstbespiegelung und Nabelschau steht lange schon an. Es geht darum, sich wieder bewusst zu werden, dass wir als Kirche immer Verweischarakter haben, dass wir in unserem Handeln durchsichtig sein sollen auf die Wirklichkeit Gottes.

Und wir müssen uns das immer wieder fragen lassen: Lässt unser Tun in dieser Welt einen Blick auf Gott zu? Oder verstellen wir mit dem, wie wir handeln und sprechen, den Blick auf das Göttliche? In einer Welt, deren Ungerechtigkeit zum Himmel schreit, gehört die kritische Analyse der Gegenwart unbedingt dazu.

Die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten und damit auch die Ungerechtigkeit in Bezug auf Bildung, Gesundheit, Zugang zu kulturellen Ressourcen betreffen die Unterschiede von Männern und Frauen, von Menschen aus den unterschiedlichen Regionen der Erde, von Menschen aus verschiedenen sozialen Milieus, mit verschiedenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten - um nur einige wichtige Kategorien sozialer Ungleichheit zu nennen.

Ebenso wie die biblische Prophetie darauf aufmerksam macht, dass die Arbeit für eine gerechte Gesellschaft nicht durch Frömmigkeit ersetzt werden kann, sind auch wir dazu gehalten, angemessene Formen der Verbindung von gesellschaftlicher und religiöser Praxis zu finden.

Ilse Müllner ist Professorin für Biblische Theologie an der Universität Kassel.

Stand: 28.08.2018