"Wir stehen hinter dir"

Als Katharina mit 14 schwanger wurde, unterstützten ihre Eltern sie und ihr Kind

Von Luise Richard

Es war Liebe auf den ersten Blick, als Katharina Homann auf dem Ultraschall das Herz ihres Kindes schlagen sah. Sie war erst 14 Jahre alt und beschloss: Dieses Kind will ich bekommen. Inzwischen ist Lia Sophie elf Jahre alt und ihre Mutter macht nach Ausbildung und Studium Karriere.

Der Flick Flack ist gekonnt, den Lia Sophie im Park vormacht. Sport und Englisch sind die Lieblingsfächer der Gymnasiastin. Das blonde Mädchen ist schlank, zierlich und ziemlich durchtrainiert. Hip Hop-Tanzen und mehrmals die Woche Leistungsturnen im Verein mit Bodenturnen, Barren und Sprung sind ihr Steckenpferd. Ihre Großmutter Heike sagt: "Sie ist immer in Bewegung."

Der Ort im Münsterland ist beschaulich, die Leute kennen und grüßen sich auf der Straße. Und wenn man - wie Heike und ihr Mann - einen Schreibwarenladen führt, ist man bekannt und lebt auch ein bisschen auf dem Präsentierteller. Dass ihre Tochter Katharina, erst 14 Jahre alt und in der achten Klasse der örtlichen Realschule, schwanger war, sorgte 2006 natürlich für Gesprächsstoff. Direkt angesprochen habe niemand sie, erzählt Heike Homann, das hätten die Leute sich nicht getraut. Aber die besonders Neugierigen versuchten, über Freundinnen und Bekannte mehr zu erfahren. Was nicht gelang.

Zum Jahreswechsel merkte Katharina, dass die Periode nur unregelmäßig kam und irgendetwas nicht in Ordnung war. Es dauerte jedoch noch eine Weile, bis sie die Mutter bat, einen Termin bei der Frauenärztin zu machen. Die Mutter war sehr beunruhigt, bekam aber erst am nächsten Tag einen Termin. Sehr nervös besorgte sie vorab einen Schwangerschaftstest. "Als ich Katharina weinen hörte, wusste ich Bescheid", sagt Heike, die damals 40 Jahre alt war.

Und Katharina: "Im ersten Moment war ich unglaublich verzweifelt", beschreibt sie ihr Gefühl damals. Damit hatte sie nicht gerechnet. "Was kommt jetzt? Was passiert grade mit mir? Was sagt der Vater dazu? Wie soll es in der Schule weitergehen?" Auf einen Schlag war alles anders. Mutter Heike und Vater Theo machten ihr keine Vorwürfe. Von Anfang an signalisierten sie ihr: "Wir stehen hinter dir, egal was kommt."

Der Vater nahm sie in den Arm. Die Eltern waren bei ihr, um mit Schule und Jugendamt alles zu regeln. Die Hebamme bereitete sie einfühlsam auf die Geburt vor. Die Mutter war bei der Entbindung dabei und blieb mit ihrer Tochter im Elternzimmer. Schließlich war diese noch minderjährig. Deshalb beantragten die Eltern für die ersten Jahre auch das Sorgerecht für die Enkelin - bis Katharina volljährig war. Viel Unterstützung kam von der weiteren Familie und aus dem Freundeskreis.

Für Katharina gab es keinen Zweifel: Schon beim ersten Arztbesuch hat sie sich für das Kind entschieden. Da war sie bereits in der 20. Schwangerschaftswoche und sie konnte das heranwachsende kleine Wesen auf dem Ultraschallbild sehen. "Im ersten Moment war ich total überwältigt, aber man wächst in die Aufgabe rein und ich hatte mir das Ziel gesetzt: Das willst du schaffen und es den Leuten zeigen", sagt die heute 26-Jährige.

Ihre eigenen Eltern ließen die Verantwortung bei der jungen Mutter, ohne sie allein zu lassen. Sie entlasteten, wenn Lia nachts weinte oder die Müdigkeit Katharina übermannte. Aber die Rollen waren klar: Katharina war von Anfang an die "Mama". Die Vormittage, während sie in der Schule lernte und dort ihre Freunde sah, betrachtete sie als "Freizeit".

Weil Heike Homann voll berufstätig ist, kümmerte sich eine vom Jugendamt finanzierte Tagesmutter, eine gute Freundin der Familie, in den ersten drei Jahren um Lia. Nachmittags saß Katharina mit der jüngeren Schwester am Küchentisch und machte Hausaufgaben; zu ihren Füßen krabbelte Lia Sophie, die in all den Jahren mitbekam: Man muss sich anstrengen und lernen, wenn man vorankommen will.

Und vorankommen wollte Katharina trotz und mit Kind. "Das war der Zeitpunkt, wo ich kapiert habe, dass es wirklich um etwas geht. Ich wusste jetzt, wofür ich lerne", bringt sie es auf den Punkt. Lia wurde am Ende der Sommerferien geboren, Katharina fehlte nur in der Mutterschutzfrist und stieg nach den Herbstferien wieder ein. Gegen den anfänglichen Widerstand der Schulleitung wiederholte sie die Klasse, denn sie wollte einen guten Abschluss machen. In der Schule war sie sogar die letzten zwei Jahre Schülersprecherin und übernahm auch da Verantwortung.

Nachmittags ging sie - wie ihre Freundinnen, die sich mit Babysitten Geld verdienten - mit dem Kinderwagen spazieren, "aber halt mit dem eigenen Kind". Sie ging zu Elternabenden in Kindergarten und Grundschule, sie bastelte wie andere Eltern auch Weihnachtsgeschenke. Nur war und ist Katharina immer die Jüngste, aber sie wird akzeptiert. Es gibt Fahrgemeinschaften und gegenseitige Unterstützung.

Die Realschule beendete sie mit einem sehr guten Abschluss, der die Grundlage fürs Fachabitur im Bereich Soziales und Gesundheit wird. Sie hätte studieren können, wollte aber zunächst eine solide Ausbildung machen. Die zielstrebige junge Frau bewarb sich und gab dabei immer auch ihr Kind an. Es gab einige Absagen, aber an der Uniklinik in Münster bekam sie nach kurzer Zeit einen Ausbildungsplatz zur Medizinischen Fachangestellten.

Auch dort lief alles wie am Schnürchen. Lia war kaum krank. Der Ablauf zuhause ist gut organisiert, jeder weiß, wann er "dran" ist, um Lia nach der Schule in Empfang zu nehmen oder zum Sport zu bringen. Der Leitende Arzt bescheinigt Katharina später: "Damit hätten wir nicht gerechnet, dass alles so unproblematisch läuft."

Sie bekommt danach ein Stipendium und absolviert nebenberuflich in Turbozeit von nur einem Jahr ein Studium zur Fachwirtin Gesundheitswesen. Seit Kurzem ist sie nun an einer Privatklinik in Münster Referentin der Geschäftsführung. Morgens verlassen Lia und Katharina gemeinsam das Haus, fahren mit dem Rad zum Bahnhof und mit dem Zug weiter zur Schule und zur Arbeit.

Der Alltag ist genau durchgeplant, aber es bleibt Freiraum für ein Essen mit Freundinnen, einen Kinobesuch oder eine Party. Und seit eineinhalb Jahren auch für einen Partner, der sich gut mit Lia versteht. "Wer Lia nicht akzeptiert, passt nicht zu mir", ist für ihre Mama klar. Mit 18 hat Katharina Homann das alleinige Sorgerecht bekommen. "Zu Lias Vater gibt es kaum Kontakt, aber sie kennt ihn, das ist wichtig. Alles andere ist ihr überlassen."

Was heißt Muttersein, was bedeutet Mütterlichkeit? Katharina und Heike Homann schauen sich an und bringen es auf den gemeinsamen Nenner: Sich kümmern, "diese Liebe zum Kind zu haben" und alles dafür zu tun, dass es ihm gutgeht. Ihm ein Gefühl von Sicherheit und Nähe zu geben. Und auch, das eigene Kind nicht mit Problemen allein zu lassen, sondern sich zu sorgen, sich aufmerksam und zugewandt mit ihm um eine Lösung zu bemühen. Die Leute, die früher geredet haben, sagen heute: Wir haben es immer gewusst, dass du es schaffst. Die Familie, da ist sich Katharina Homann sicher, hat ihr den Rückhalt dafür gegeben.

Stand: 28.08.2018