Wo soll meine letzte Heimat sein?

Über die eigene Bestattung oder über die von Familienangehörigen zu reden, ist nicht ein­fach. Die Beschäftigung mit dem Tod ist heutzutage ein Tabuthema. Dabei ist es den Menschen wichtig, wo ihre letzte Heimat sein soll, wie Autorin Susanne Ellert im Gespräch mit ihrer Mutter und einer Freundin feststellte.

Mein Vater starb sehr früh und für meine Mutter vollkommen unerwartet. Plötzlich sei da dieser Satz in ihrem Kopf gewesen: "Er wird ganz allein dort auf dem Friedhof sein."

Die Familie meines Vaters, von uns abgesehen, wohnte nicht vor Ort, seine bereits verstorbenen Großeltern waren an anderen Orten begraben. Meine Mutter erinnert sich: "Es war in meiner ersten Trauer. Ich dachte dabei gar nicht an mich. Sondern an ihn. Ich musste ihn allein lassen und bedauerte, dass er dort ohne jemanden aus seiner Familie auf dem Friedhof liegen sollte."

Doch im Laufe der Zeit wandelte sich dieses Bild, jetzt hat sie ein versöhnlicheres gefunden: "Nein, er ist dort nicht allein. Er ist dort begraben, wo er sich heimisch fühlte und seinen Lebensmittelpunkt hatte."

Individuelle Vorstellungen

Alexander Helbach von der Verbraucherinitiative für Bestattungskultur Aeternitas stellt bei der heutigen Bestattungskultur eine Verschiebung hin zu mehr Individualität fest.

Die meisten Bestattungen heute sind Feuerbestattungen, aber: "Die Bestattungsformen werden vielfältiger." (Siehe Kasten). Wichtig sei den Menschen heute vor allem, dass sie zu dem Ort, der ihr letzter Ruheort sein soll, eine Verbindung haben. Da muss es heute nicht zwangsläufig ein Friedhof sein.

Meine Freundin Kordula Montkowski ist da ein passendes Beispiel. Im Gespräch erfahre ich: Sie hat eine sehr individuelle Vorstellung von ihrer letzten Heimat.

"Ich weiß, dass dieser Wunsch leider sehr unrealistisch ist, aber ich würde gerne verbrannt und in Assisi auf der Wiese an der Basilika verstreut werden", erzählt sie mir. Dieser Gedanke sei ihr schon mit Anfang 20 gekommen. "Assisi ist für mich der schönste Ort der Welt. Ursprünglich entstand die Idee natürlich auch aus meiner Begeisterung für den heiligen Franziskus heraus."

Die klassische Bestattung im Erdgrab kann sie sich nicht vorstellen. "Ich finde den Moment, wenn der Sarg ins Grab gelassen wird, für die Angehörigen immer am traurigsten." Bei einer Urnenbeisetzung hingegen sei das dann so abstrakt, dass man es besser ertragen könne, glaubt Kordula.  

Für meine Mutter war eine Feuerbestattung lange unvorstellbar. "Ich bin damit aufgewachsen, dass man sich als Katholikin nicht verbrennen lässt", erzählt sie.

Während mein Vater noch in einem Erdgrab beigesetzt wurde, denkt meine Mutter für sich selber inzwischen anders. "Mir fallen heute keine Gründe mehr gegen eine Feuerbestattung ein." Egal, ob nun Erd- oder Feuerbestattung - auch ihr ist, so sagt sie, der Ort am wichtigsten - verbunden mit dem Gefühl, dort zu bleiben, wo ihr Lebensmittelpunkt war.

Pflegeleichte Gräber

Den Rückgang der Erdbestattungen erklärt Alexander Helbach so: "Immer mehr Menschen wünschen sich pflegeleichte Gräber." Das habe zeitliche und finanzielle Gründe, aber sei auch der Tatsache geschuldet, dass Familien nicht mehr an einem Ort leben. Manchmal sei schlicht niemand mehr da, der das Grab pflegen könne. "Auch ist das Bedürfnis, diesen Ort zu besuchen, nicht mehr so groß", so Helbach.

Dem Sterbenden ist der Ort wichtiger, dem Angehörigen hingegen nicht mehr so sehr. Das bestätigen auch meine Mutter und Kordula. "Es geht eher um Erinnerungen, besondere Zeiten. Ich denke zum Beispiel am Geburts- oder Sterbetag an die Verstorbenen, oder im Gottesdienst beim stillen Gebet", erzählt Kordula.

Meine Mutter wählte den Standort des Grabes für meinen Vater übrigens danach aus, dass sie und wie Kinder auf dem Schulweg einfach mal vorbeigehen konnten.

Was wir auch getan haben. Inzwischen geschieht das nicht mehr so häufig. "Ich finde es gut zu wissen, wo er ist. Deswegen habe ich das Grab auch noch nicht aufgegeben. Aber ich brauche es nicht, um mich zu erinnern. Das mache ich lieber im Alltag", sagt sie. Ihre eigene letzte Heimat möchte sie gerne einmal neben meinem Vater haben.

Hintergrund

Bestattungen in Deutschland

In Deutschland sind zwei Bestattungsarten erlaubt: die Erd- und die Feuerbestattung. Laut Bundesverband der deutschen Bestatter sind inzwischen 54,5 Prozent der Bestattungen Feuerbestattungen.

Die Beisetzungsarten sind vielfältig: Vom Wahlgrab über das Baumgrab, die Grabeskirche, eine Urnenwand oder die Seebestattung wird die Auswahl größer.

Jedoch besteht in Deutschland der Friedhofszwang. Verstorbene dürfen nicht auf privaten Grundstücken bestattet oder ihre Asche an jedem Ort verstreut werden. Eigene Wünsche zum Beispiel in einer Bestattungsvorsorge-Vereinbarung festzuhalten, entlastet Angehörige.

Sterbegeldversicherungen oder andere finanzielle Vorkehrungen können gegebenenfalls die Angehörigen absichern.

Weitere Infos: www.bestatter.de

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Stand: 24.10.2018