Klimawandel: Schafft er uns?

Oder kriegen wir die Kurve?

Christiane Averbeck, Geschäftsführerin der Klima-Allianz Deutschland appelliert im Interview mit "Frau und Mutter"-Chefredakteurin Jutta Laege an die Politik und setzt auf das starke Bündnis gesellschaftlich relevanter Gruppen.

FRAU UND MUTTER: Wir haben einen der heißesten Sommer seit Aufzeichnung der Wetterdaten hinter uns. Was erzählt dieser Sommer Ihnen über Klima, Klimawandel und unsere Zukunft?

CHRISTIANE AVERBECK: Dieser Sommer war tatsächlich ungewöhnlich heiß und trocken. Das heißt nicht, dass in Zukunft jeder Sommer wird wie dieser, aber durch den Klimawandel werden Extremwetterereignisse wahrscheinlicher. Hitze, Dürre, Starkregen, Überschwemmungen - darauf müssen wir uns in Zukunft noch häufiger gefasst machen.

Ungerecht ist, dass weltweit die ärmsten Menschen darunter am meisten leiden, obwohl sie am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben. Innerhalb dieser Gruppe sind es übrigens häufig Frauen, die besonders hart getroffen werden.

Ernteausfälle und Überflutungen führen immer häufiger zu humanitären Notlagen. Im Jahr 2015 mussten mehr als 19 Millionen Menschen nach plötzlichen Extremwetterereignissen aus ihrem Wohnort fliehen.

Hinzu kommt eine unbekannte Anzahl an Menschen, die aufgrund von Dürren und anderen langsam voranschreitenden Klimaveränderungen ihre Heimat aufgeben mussten. Der Klimawandel ist zu einer zentralen Bedrohung unserer Lebensgrundlagen geworden, vor allem im globalen Süden.

Deshalb ist wichtig, dass wir in Deutschland und weltweit endlich Taten sprechen lassen, um die globale Erwärmung möglichst auf unter 1,5 Grad zu begrenzen. Dazu haben wir uns mit dem Inkrafttreten der Klimaziele von Paris verpflichtet.

Staaten kündigen Klimaabkommen, unsere Ressourcen sind aufs Jahr gerechnet schon im Sommer aufgebraucht. An Absichtserklärungen bei Energiewende und Nachhaltigkeit mangelt es nicht - aber gefühlt dauert die Umsetzung zu lange. Schaffen wir den nötigen Wandel eigentlich noch?

Nein und Ja! Nein, wir schaffen es nicht. Wenn wir so weitermachen wie bisher, steuern wir auf eine Erderhitzung von drei bis vier Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts zu.

Das bedeutet das Ende der Welt, wie wir sie kennen: Durch einen Meeresspiegelanstieg von mehreren Metern gehen heutige Hafenstädte unter, andere Regionen der Welt werden durch Hitze und Trockenheit unbewohnbar.

Ja, wir können es schaffen, wenn wir jetzt radikal umsteuern! Die weltweiten Treibhausgasemissionen müssen so drastisch sinken, dass sie in 30 Jahren praktisch auf null sind.

Je länger wir warten, desto schwieriger wird es. Es kommt auf jedes Zehntelgrad an. Die ganze Welt muss raus aus Kohle, Öl und Gas. Wir brauchen eine ökologische Verkehrs-, Agrar- und Gebäudewende, ja einen Kulturwandel für nach­haltigen Klimaschutz in unserem gesamten Wirtschaftssystem und in unserer Gesellschaft.

Die politischen Prozesse laufen zu langsam"

Das Pariser Klimaabkommen von 2015 ist nach wie vor ein Meilenstein der internationalen Klimadiplomatie - von 195 Staaten unterzeichnet, übrigens sind auch die USA offiziell noch drin.

Allerdings mache ich mir Sorgen, dass den bahnbrechenden Worten nicht schnell genug Taten folgen. Die politischen Prozesse laufen zu langsam. In der Tat ist unsere Bundesregierung meisterhaft darin, Klimaschutz-Ankündigungen zu machen, die bisher weitgehend folgenlos blieben.

Seit 2009 sind die CO2-Emissionen praktisch nicht gesunken. Da zeigt sich, dass kurzfristige Industrieinteressen häufig stärker berücksichtigt werden als das Wohl der Allgemeinheit. Als Zivilgesellschaft wollen wir aber langfristig wirksame Verbesserungen, damit auch unsere Kinder und Enkel noch eine lebenswerte Welt vorfinden.

Die Klima-Allianz Deutschland umfasst 115 (!) Mitgliedsorganisationen, ist ein breites Bündnis aus gesellschaftlichen Gruppen, das 20 Millionen Menschen ver­eint. Wieso ist es trotz so vieler Unterstützer so schwer, Umweltschutz und Nachhaltigkeit überzeugend zu positionieren und etwas zu verändern?

Eigentlich ist es gar nicht so schwer, Klimaschutz überzeugend zu positionieren. Die Argumente liegen ja auf unserer Seite. Es mangelt nur an der Umsetzung!

Was mir Mut macht, ist das große Engagement unserer Mitglieder. Menschen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Kirchen, Umwelt, Entwicklung, Jugend, Gewerkschaften und Kultur setzen sich mit viel Elan und Sachverstand dafür ein, Klimaschutz anzupacken und praktisch umzusetzen.

Wenn wir Bündnisse schmieden, können wir Großes schaffen"

Nun muss die Dynamik noch in der Politik ankommen! Immerhin gibt es Teilerfolge: Vor ein paar Jahren war vom Kohleausstieg noch nicht die Rede, jetzt haben wir immerhin die Kommission "Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung", die Vorschläge für einen sozial gerechten und mit Paris kompatiblen Kohleausstieg erarbeiten soll, inklusive Enddatum für die Kohleverstromung in Deutschland. Das zeigt: Wenn wir Bündnisse schmieden, können wir Großes schaffen.

Was kann ich konkret als Einzelne tun und dabei das Gefühl haben, dass ich etwas bewirke?

Im Alltag gibt es viele kleine Dinge, die wir alle tun können, um das Klima zu schützen. Zum Beispiel durch die Wahl eines ökologischen Stromanbieters: Ich beziehe meinen Strom von den Elektrizitätswerken Schönau, da sie atomstromlos, klimafreundlich und bürgereigen sind.

Auch das eigene Ess- und Mobilitätsverhalten zu überdenken kann hilfreich sein - und auch noch Spaß machen! Wenn ich morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, spare ich nicht nur CO2, sondern bekomme auch noch frische Luft und gute Laune. Ich esse kaum noch Fleisch.

Bei allem persönlichen Engagement darf aber nicht hinten runterfallen, dass wir politische Entscheidungen brauchen, um unsere Wirtschaft und Gesellschaft klimafreundlich zu machen. Ohne klare Ansagen von oben wird es nicht gehen.

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Stand: 26.09.2018