Erziehung früher und heute

Kinder, Kinder! Sie bringen einen zum Lachen, zum Dahinschmelzen - und nicht selten auch auf die Palme. Was ist der richtige Weg, den Nachwuchs zu erziehen und wie hat sich Kindererziehung in Deutschland gewandelt? Familientherapeutin Carmen Eschner hat es untersucht. 

Die Diplom-Pädagogin und Psychologische Beraterin Carmen Eschner hat im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung Elternratgeber unter die Lupe genommen und über die Ergebnisse ihrer Studie "Erziehungskonzepte im Wandel" mit "Frau und Mutter" gesprochen.

FRAU UND MUTTER: Sie haben die Zeit ab 1945 untersucht. Wodurch zeichnete sich Kindererziehung zum damaligen Zeitpunkt aus?

CARMEN ESCHNER: Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte eine autoritäre Erziehung mit willkürlichen Verboten, wenig elterlicher Einfühlung und hohem Leistungsanspruch. Sexualität war ein Tabuthema.

Die Erziehungsziele Gehorsamkeit und Unterordnung hatten höchste Priorität. Strafen gehörten zur Tagesordnung. Da gab es zum Beispiel Stubenarrest, Schläge, Liebesentzug oder die Verweigerung materieller Zuwendungen.

Früher war es einfacher, aber nicht unbedingt erfolgreicher"

Es kam auch vor, dass Kinder zur Strafe in den Keller gesperrt wurden. Allerdings lässt sich feststellen, dass es zu jeder Zeit Eltern gab - insbesondere Mütter und Großmütter -, die liebevoll und kindgerecht erzogen haben.

Hatten es die Eltern damals leichter?

Ja, Erziehung war früher einfacher. Dass Eltern Selbstzweifel oder Versagensängste in Bezug auf ihren Erziehungsstil hatten, war eher eine Ausnahme. Selbstreflexion fand kaum statt.

Durch ihre klare Machtposition und starre Regeln fühlten sich Eltern sicherer als heute. Ihre Erziehung war deshalb aber nicht erfolgreicher. Unter dem autoritären Stil litten die Mädchen und Jungen. Trotz zum Beispiel wurde nicht geduldet, dabei gehört er zur kindlichen Entwicklung. Kinder, die sich aus Angst vor Strafe anpassen, werden wohl kaum mündige Bürger.

Was waren die größten Meilen­steine auf dem Weg von der Erziehung
damals bis heute?

Für eine Liberalisierung in der Bundesrepublik, die trotz reaktionärer Gegenkräfte nicht rückgängig gemacht werden konnte, sorgten die viel gescholtenen "68er".

Auch die erste bundesweite Erziehungszeitschrift "Eltern" trat ab den 70er Jahren vehement für eine demokratische Erziehung ein. Übersetzungen von angloamerikanischen Erziehungsratgebern und -kursen - berühmte Namen waren da zum Beispiel Rudolf Dreikurs und Thomas Gordon - gaben den Eltern Handlungsanweisungen für eine demokratische Erziehung. Kirchliche und staatliche Bildungswerke sorgten für die Verbreitung.

Wie hat sich die Emanzipation der Frau auf die Entwicklung der Kinder ausgewirkt, zum Beispiel die Tatsache, dass immer mehr Mütter heute immer früher wieder arbeiten gehen?

Bis zum Schulalter sind in Deutschland 80 Prozent der Mütter nicht in Vollzeit erwerbstätig. Wissenschaftliche Studien belegen, dass auch in der modernen Gesellschaft hierzulande nach der Geburt des ersten Kindes in Familien die traditionelle Aufgabenteilung stattfindet.

Was die Frage nach den Auswirkungen auf die Kinder angeht, so kann ich aufgrund meiner Erfahrungen als Familien­therapeutin empfehlen:

  • Wenn es finanziell möglich ist, sollten Mutter und Vater Elternzeit nehmen.
  • Wenn die Mutter einen Beruf hat, der ihr viel Freude bereitet, und sie zugleich eine gute Betreuung findet, sollte sie weiter arbeiten.
  • Wer jeden Entwicklungsschritt erleben möchte, das Zusammensein mit dem Kind genießt und es sich finanziell erlauben kann, sollte den Mut haben und daheim bleiben. Es schädigt kein Kind, dass seine Mutter arbeiten geht oder dass sie zu Hause bleibt. Negativ wirkt sich hingegen aus, wenn die Gesamtsituation die Mutter unzufrieden macht.

Auf der einen Seite beobachtet man immer wieder "Helikopter-Eltern", die am liebsten jeden Schritt ihres Nachwuchses überwachen möchten, auf der anderen Seite stehen Eltern, die ihre Kinder deutlich vernachlässigen. Ist es tatsächlich eine Generation der extremen Gegensätze, die da
heranwächst?

Diese Sorge kann ich nehmen: Zu allen Zeiten gab es kleine, privilegierte Schichten - und eben Menschen in unteren sozialen Milieus. Dazwischen gibt es aber eine breite engagierte Mehrheit von Eltern, die mit gutem Bauchgefühl und gesundem Menschenverstand erzieht, wissenschaftliche Fakten berücksichtigt, bekannte Ratgeber liest, Elternkurse besucht, sich vernetzt und bei Entwicklungsstörungen professionelle Berater aufsucht.

Es wächst keine Generation der extremen Gegensätze heran"

Zum Thema "Helikopter-Eltern" lässt sich übrigens feststellen, dass zu viel Kontrolle in der Regel ebenso Schaden anrichtet wie zu wenig.

Dass in Schulen mit Schlägen "erzogen" wurde, diese Zeiten sind zum Glück längst vorbei. Welche Rolle sollte die Schule Ihrer Meinung nach heute in der Erziehung spielen?

Wir erleben zurzeit, dass politische und demokratische Bildung in vielen Familien nicht stattfindet. Deshalb müssten die Schulen auch Lernziele anstreben wie Selbstverantwortlichkeit, Leistungsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl und die Umwelt sowie das Eintreten für Demokratie und Toleranz.

Ich persönlich bezweifle allerdings, ob die oftmals überforderten Lehrer den Erziehungsauftrag in der Realität wahrnehmen können.

In welcher Epoche wären Sie selbst denn am liebsten Kind gewesen?

In den 80er-Jahren sind meine Töchter groß geworden, ich fand es eine wunderbare Zeit. Wir lebten auf dem Land - zwischen Düsseldorf und Köln - und ein Gehalt reichte noch für eine Familie mit zwei bis vier kleinen Kindern, obwohl mein Mann als junger Diplom-Ingenieur noch nicht viel verdiente.

Weder Technik noch Digitalisierung be­lasteten das Familienleben, und wir hatten alle noch das kostbarste Gut: viel Zeit.

Stand: 26.09.2018