Leben aus geselliger Gnade

Über die unnötige, unentbehrliche Großzügigkeit

Von Fulbert Steffensky

Neulich auf einer Zugreise von Basel nach Hamburg: Ich sitze in einem Abteil mit einer italienischen Familie, Vater, Mutter und drei Kinder. Sie packen bald ihren Reiseproviant aus, Brot, Salami, Käse, Säfte und Wein. Und wie selbstverständlich laden sie mich ein, ihr Gast zu sein. Sie kennen mich nicht, wir werden uns wohl auch kaum wiedersehen, ich werde mich nicht revanchieren können. Ohne Grund und ohne weitere Absichten bin ich eingeladen. Sie kargen nicht, sie geizen nicht, sie berechnen nicht, sie sparen nicht, sie teilen.

Mir wird von diesen Menschen mehr gegeben als Brot und Wein. Sie wärmen mir den Tag mit ihren Gaben und ihrer Freundschaft auf Zeit. Ich reise viel, aber diese Reise werde ich nicht vergessen, und die Erinnerung lehrt mich, dass das Leben schön sein kann. Die Schönheit dieser Einladung bestand darin, dass sie nicht notwendig war. Ich hatte selbst ein Brot dabei und hätte auf dieser Reise nicht Hunger leiden müssen.

Die Geste meiner Gastgeber war nicht notwendig, aber sie war unentbehrlich. Unentbehrlich ist diese Großzügigkeit, weil sie mir nicht nur Wein und Brot geschenkt haben, sie haben mir das Leben heiter gemacht. Eine der schönsten Eigenschaften des Menschen ist, mit sich selbst nicht zu kargen, sich und seine Habe nicht aufzusparen.

Wer gastlich ist, kennt die Kunst der Verschwendung, er geizt weder mit sich noch mit seiner Habe. Wie Geiz eine der hässlichsten Untugenden ist, ist Gastlichkeit eine der menschenwürdigen Schönheiten. Sie kann bis zur Unvernunft gehen, aber es ist eine der schönsten Dummheiten, deren der Mensch fähig ist. Der persische Mystiker Rumi formuliert sie in einem überschwänglichen Ruf: "Kommt, kommt herein! Ich bitte euch, kommt auch ein anderes Mal! Wer ihr auch seid: Gläubige oder Ungläubige, Häretiker oder Götzenanbeter. Diese Tür ist offen für jedermann."

Großzügigkeit heißt, gastlich zum Leben zu sein. Es ist die Kunst, nicht auf sich zu bestehen und nicht dem Geist der Kaufmannschaft zu verfallen. Das Gegenteil ist geistige Enge, wie sie nicht selten bei Paaren anzutreffen ist, die nur noch berechnend miteinander umgehen. Sie notieren, wie oft wer die Küche gemacht, eingekauft und das Bad sauber gemacht hat. Jeder sitzt auf seiner Ehepfründe und bewacht seine Rechte. Der Ehefriede ist nicht mehr als ein Tauschgeschäft. Die neidische Berechnung ohne Großzügigkeit und Großmut ist überall zerstörerisch, aber sie ist vor allem hässlich.

Ein zweites Beispiel geistiger Verknöcherung ist die Sucht, Recht zu behalten. Wiederum unser komisches Ehepaar: In einer Gesellschaft erzählen sie eine Geschichte von ihrer letzten Reise. "Es war in Mailand", setzt die Frau zu erzählen an. Gleich fällt ihr der Mann ins Wort: "Liebling, du irrst, es war in Genua." Die Frau: "Es war in Mailand, ich weiß es genau, ich habe mir da noch die bequemen Schuhe gekauft." Der Mann: "Du irrst dich in letzter Zeit öfter." Die Frau, nur mühsam beherrscht: "Denk daran, wie oft du den Schlüssel verlierst."

Das ist ein Beispiel eines kleinmütigen Kriegs um das eigene Recht. Kriege dieser Art werden in Beziehungen oft geführt. Meistens lachen die Zuhörenden über die Komik solcher Rechthaber. Man könnte aber eher weinen: Gerade weil es um nichts geht, ist dieser Streit so lächerlich. Warum lässt der Mann der Frau nicht ihr Mailand und die Frau dem Mann sein Genua? Selbst wenn der eine irrt, könnte der andere den Irrtum doch großzügig übersehen. Beide können nicht auf sich verzichten und sie scheinen nur zu leben, wenn sie sich behaupten können. Welche kriegerische Auffassung vom Leben ist das?

Es geht mir bei den Beispielen nicht um die moralische Beurteilung. Es geht viel mehr um den Verrat der Schönheit. Was machen da Menschen mit sich selbst, wenn sie sich verklemmen in eine ärmliche Selbstbehauptung? Was machen sie mit anderen? Ihre Gesichter werden darüber hart und hässlich.

Großzügige Menschen widerstehen dem Geist der Berechnung. Sie rechnen sich nicht dauernd aus, was sie zurückbekommen für ihr eigenes Verhalten. Sie warten nicht darauf, eingeladen zu werden, nur weil sie eingeladen haben. Sie schätzen nicht mit berechnendem Geist den Wert eines Geschenkes, nur dass sie mit gleichem Wert heimzahlen können. Sie sind fähig, sich zu verschwenden. Sich verschwenden können - eine herrliche Kunst! Verschwenden hängt mit verschwinden zusammen. Aber man verschwindet gerade nicht, wenn man sich verschwendet. Man ist da, man ist souverän, man wird größer, wo das Herz groß wird.

Ich komme noch einmal auf meine italienischen Gastgeber im Zug zurück. Was wäre gewesen, sie hätten Brot und Wein nicht mit mir geteilt? Nun, gefehlt hätte mir nichts. Gelegentlich ist man ja froh, wenn man seine Ruhe auf Reisen hat. Aber die Reise wäre weniger charmant gewesen, weniger gesellig. Gesellig und Geselligkeit sind Grundwörter des vor einigen Monaten verstorbenen Schweizer Theologen Kurt Marti gewesen. Er spricht von dem geselligen Gott, der "teilt, mit-teilt, mit anderen teilt".

Er schreibt: "Alles erwart' ich / von der geselligen Gottheit / und ihrem Schalom." Die Geselligkeit Gottes ist jene Großmut, in der er sich selber mitteilt und austeilt an die Menschen. Die Geselligkeit Gottes ist sein großes Teilen, in dem er die Welt nicht kalt und gleichgültig lässt. Der Mensch kann nicht leben und atmen, wenn er allein Autor seines Lebens sein muss. Er kann nicht einmal allein glauben und den Sinn der Welt sehen, wenn er sich nicht auf gesellige Menschen verlassen kann, die ihren Glauben mit ihm teilen. So wiederum Kurt Marti, der den gesellig geteilten Glauben der anderen braucht, um glauben zu können.

Er bezweifelt, dass wir Selbstversorger im Glauben sein können: "Ich bin, was ich bin, durch andere; ich glaube, was ich glaube, dank anderen. Und so, mit jedem Atemzug: Leben aus geselliger Gnade." Ich kann nicht über Großzügigkeit reden, wenn ich nicht den ungeselligen Kleinmut erwähne, mit dem sich die Konfessionen das gemeinsame Mahl verweigern.

Unsere Kirchenleitungen reden miteinander, sie beten miteinander, sie küssen sich und - verstehe es, wer kann! - weigern sich, miteinander das Brot zu brechen und das große Liebesspiel zwischen Gott und den Menschen zu feiern. Ende der Großzügigkeit, Ende des Großmutes, Ende der Geselligkeit! Die Welt brennt, und wir kommen nicht über unsere armseligen Bedenken hinweg. Wie soll ich das meinen Kindern und Enkeln erklären? Wie soll ich das den Nicht-Christen erklären, die unser merkwürdiges Spielchen sehen und den Kopf schütteln?

Stand: 20.12.2017