Alte Liebe rostet nicht

Wenn aus der Jugendliebe eine Verbindung fürs Leben wird

Von Jutta Oster

Die erste Liebe, die für immer hält - das ist heute fast eine Ausnahme. Doch Karin und Thomas ist gelungen, was sich viele Menschen wünschen: Sie gehen seit 36 Jahren als Paar durchs Leben. Routine oder Langeweile sind ihnen dennoch fremd. Die beiden erzählen, was ihre Liebe trägt und warum es etwas Besonderes ist, wenn man so viel Geschichte miteinander teilt.

Jugendliebe - da denkt man vielleicht an zerknüllte Zettel, die heimlich unter den Tischen in der Klasse weitergereicht wurden. An die Frage "Willst du mit mir gehen?" mit den Ankreuzmöglichkeiten "Ja", "Nein" oder "Vielleicht". An das erste Händchenhalten auf dem Schulhof und verunglückte Küsse. An lange Gespräche mit der besten Freundin, großes Schwärmen und noch größeren Liebeskummer.

Wenn Karin und Thomas (Namen geändert) an die Anfänge ihrer Liebe zurückdenken, fallen ihnen Bücher ein, viele Bücher. Die meisten Exemplare gaben sie der Bibliothekarin allerdings ungelesen zurück. Der Gang in die Stadtbücherei ihres rheinischen Heimatortes war ein guter Vorwand für die damals 14-, 15-Jährigen, um sich heimlich zu treffen.

Erst am 7. Juli 1981, mit 16 Jahren, wurde ihre Verbindung langsam offiziell. Da gingen sie zum ersten Mal Hand in Hand auf dem Weg zu seinem Fußballtraining. Seitdem gehen die beiden - mit einer Unterbrechung während der Abitur- und ersten Studienzeit - gemeinsam durchs Leben.

Vor 26 Jahren haben Karin und Thomas, beide heute 52, geheiratet. Sie haben drei Kinder im Alter von elf bis 22 Jahren. Ein Schwarz-Weiß-Foto ihrer Hochzeit hängt an der Wand des Wohnzimmers am Rande einer Stadt im Münsterland. Die beiden lachen darauf über das ganze Gesicht, nicht das typische aufgesetzte Strahlelächeln in die Kamera des Fotografen, sondern einander an.

Will man das alte Sprichwort auf seinen Wahrheitsgehalt überprüfen, gewinnt man bei ihnen schnell den Eindruck: Stimmt, alte Liebe rostet wirklich nicht. Wenn Karin und Thomas gemeinsam am Tisch sitzen und ihre Liebesgeschichte erzählen, flirten sie fast ein wenig miteinander. Da lacht sie darüber, dass er damals fast einen Kopf kleiner war als sie. "So ein richtig starker Kerl warst du ja nicht gerade." Er pariert mit Selbstironie: "Meine Freunde haben mir in der achten Klasse geraten, ein Trittbrett an Karins Knie zu befestigen, damit ich einigermaßen auf Augenhöhe bin."

Die beiden kennen sich bereits seit der fünften Klasse. Wie ist das, wenn man einen langen Lebensweg miteinander teilt? In Zeiten von Internet-Partnerbörsen mit Suchprofil und Persönlichkeitstests zählt für Karin und Thomas, dass sie sich einfach zueinander hingezogen fühlten, dass sie niemals jemanden suchen mussten, der zu ihnen passt. "Wir standen nie unter dem Druck, den Partner fürs Leben zu finden. Wir hatten uns einfach", sagt Karin.

Von Anfang an war da das Gefühl, zueinander zu gehören. Thomas, der deutlich nüchterner und zurückhaltender wirkt als seine lebhafte Frau, gebraucht das Wort "Seelenbeziehung", um die besondere Verbindung zu Karin zu beschreiben. Die beiden sind sich einig: "Wir leben nicht wegen gemeinsamer Interessen zusammen, oder weil wir uns so ähnlich wären oder so verschieden, sondern einfach aus Liebe."

Die beiden kennen auch die Familien und damit die Wurzeln des jeweils anderen sehr genau. Karin hat sogar noch Thomas' Vater gekannt, der früh verstorben ist. Sie glaubt, dass die lange gemeinsame Geschichte ihr hilft, ihren Mann besser zu verstehen und eine noch größere Nähe zueinander zu entwickeln. In jedem Fall sind die beiden aneinander und miteinander während der vergangenen 36 Jahre gewachsen, wie sie bestätigen.

Thomas, eher der Naturwissenschaftler, glaubt, dass er durch Karin eine viel tiefergehende Sicht gewonnen hat. Karin findet, dass Thomas sie geerdet hat, dass sie durch ihn mit beiden Beinen auf dem Boden steht. "Wir sind sehr verschieden in unserer Wahrnehmung. Das ist manchmal anstrengend, aber meistens hilft es, die Welt auch aus einer zweiten Perspektive zu sehen."

Ihr Erfolgsrezept einer lange Liebe in Zeiten, in denen in Deutschland jede dritte Ehe geschieden wird? "Wir reden ständig miteinander", sagt Thomas. Für beide ist klar, dass die Liebe in ihrem Leben oberste Priorität hat. Aber ist bei den beiden nicht irgendwann in 36 Jahren das Gefühl aufgetaucht, dass sie etwas verpasst haben? Karin schüttelt entschieden den Kopf. "Da wir gemeinsam ein sehr reiches Leben führen, kommt dieses Gefühl nicht auf", sagt sie. "Dabei konzentrieren wir uns aber nicht nur auf uns selbst. Jeder hat auch sein eigenes Umfeld." Dennoch hat es in den vielen gemeinsamen Jahren auch schwere Zeiten gegeben.

"Man muss verstehen, dass es Wellen gibt, die auf und ab gehen", hat die Therapeutin Eva Jaeggi einmal in einem Gespräch mit der Zeitung "Die Welt" über lange Lieben gesagt. Die Wellen sind auch in Karins und Thomas' Beziehung manchmal höher geschlagen, vor allem nach der Geburt ihrer Tochter vor 22 Jahren. Die Geburt des ersten Kindes hat das Paar - wie so viele andere - zurück in die klassische Rollenverteilung katapultiert, die sie niemals wollten.

Sie, die zuvor als Lehrerin arbeitete, kümmerte sich jetzt um Kind und Haushalt, er schrieb an seiner Doktorarbeit und machte bald darauf Karriere in seinem Beruf. Mit zwei weiteren Kindern und Diensteinsätzen im Ausland wurde die Rollenteilung im Laufe der Jahre weiter verfestigt. "Ich habe zeitweilig das Gefühl gehabt, dass wir uns immer nur nach Thomas richten mussten. Immer standen seine Ziele im Mittelpunkt", sagt Karin. Inzwischen hat sich das relativiert, die Kinder sind größer, und Karin arbeitet wieder in ihrem alten Beruf.

Vor einem Jahr hat das Paar Silberhochzeit gefeiert und zu einem großen Fest eingeladen. Das war beiden wichtig. Karin holt ein Fotoalbum aus dem Schrank und zeigt die Bilder der Feier, sie legt das Schwarz-Weiß-Foto ihrer Hochzeit dazu. "Wir haben schon viel Spaß miteinander gehabt, oder?"

Die Silberhochzeit wollten Karin und Thomas feiern, weil sie beide eine große Dankbarkeit empfinden. Die Liebe bedeutet beiden mehr, als nur gut zusammenzupassen. "Da ist etwas anderes dabei, das schwer zu beschreiben ist", sagt Thomas. "Gottes Geschenk und unser eigenes Dazutun trifft es vielleicht am besten."

So etwas wie Langeweile oder Routine in ihrer Beziehung haben sie bisher noch nicht gespürt. "Und besonders lang haben sich die 36 Jahre auch nicht angefühlt", findet Karin, auch wenn ihre Liebe schon eine echte Geschichte hat. "Schade, dass Sie nicht für eine Jugendzeitschrift arbeiten. Sonst würde ich den Jugendlichen gerne mit auf den Weg geben, dass das Glück einer langen Liebe nicht unerreichbar ist und auch gar nicht so viel Arbeit bedeutet, wie es immer heißt."

 

Stand: 20.12.2017