Zu Gast

Über die unterschiedlichen Bedürfnisse von Reisenden und Einheimischen

Von Kerstin Kilanowski

"Die schönsten Tage des Jahres!" Nicht weniger versprechen Reiseveranstalter. Der Urlaub soll vom Alltagstrott befreien, von Hektik und Zwang und von den immer gleichen Routinen. Wer allerdings auch unterwegs ein freundlicher Zeitgenosse sein möchte, sollte seinen Freiheitsdrang mit den Gepflogenheiten der Gastgeber in Einklang halten - oder sich einfach darüber im Klaren sein, dass man in der Fremde selbst die Fremde ist. Persönliche Einsichten von Kerstin Kilanowski.

Im Verhältnis zur Bevölkerungszahl gelten die Deutschen als Reise-Weltmeister. Es geht kein Weg dran vorbei, es treibt sie in die Ferne, um tropische Landschaften zu bewundern, exotische Lebensweisen von Menschen anderer Kulturen kennenzulernen oder doch wenigstens ein wärmeres Klima zu genießen. Für ein paar Tage im Jahr Weltenbummler sein.

Reisende und "Bereiste" haben allerdings meistens unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse. Vor allem in den ärmeren Ländern dieser Welt - und dazu gehören die meisten Urlaubsziele - ist unsere Art des Ferienmachens eine ziemlich seltsame Angelegenheit. Dass sich Menschen aus freiem Willen bei 35 Grad an den Strand legen, durch schwüle Urwälder wandern oder über staubige Ruinen klettern, löst bei den Einheimischen Kopfschütteln aus.

Genauso wie die im Urlaub beliebte saloppe Freizeitkleidung. Und dabei ist keinesfalls die Rede von schulterfreien Tops in anatolischen Cafés, sondern von jenen superbequemen Lieblingsstücken, die nur in den Ferien zum Einsatz kommen. Während die Urlauberin endlich alle Fünfe gerade sein lässt, ist die Marktfrau in Mombasa oder der Souvenirverkäufer in Assuan von ihrem Auftreten düpiert.

Denn von Touristen aus Europa, die sich teure Flugtickets und komfortable Unterkünfte leisten können, aber schlampig in verbeulten Shorts und ausgeblichenen T-Shirts herumlaufen, fühlen sich die Einheimischen nicht respektiert. Die Art, sich zu kleiden, drückt vor allem in den Ländern des globalen Südens Wertschätzung aus. So sind europäische Touristen, die in Gambia oder Senegal über einen Markt bummeln, verblüfft über die aufwändigen Gewänder und kunstvollen Frisuren der Händlerinnen, die langärmligen Hemden und geschlossenen Schuhe der Taxifahrer. Zerschlissene Hosen oder verfleckte T-Shirts dagegen sind ein Zeichen blanker Not, in denen niemand freiwillig auf die Straße geht. Wer also glaubt, sich durch nachlässige Kleidung mit der einheimischen armen Bevölkerung zu verbrüdern, ist auf dem Holzweg.

Es gibt aber auch ein Gegenstück zum Touristen mit der "Im-Urlaub-lass-ich-mich-gehen"-Haltung. Mein Vater war so einer. Zum Glück reisten wir damals nicht nach Nepal oder Marokko, sondern nach Österreich. Sobald wir in Kärnten das erste Gasthaus betraten, sprach mein ostpreußischer Vater plötzlich österreichisch. Die Einheimischen runzelten bei der Dialekt-Imitation irritiert die Stirn. Spätestens nach der ersten Urlaubswoche waren Frau und Tochter in maßgeschneiderte Dirndl eingekleidet, während Vater das Hemd mit den Hirschhornknöpfen vorführte.

Ähnlich ist die Wirkung, wenn Europäerinnen sich an Kenias Stränden Zöpfchenfrisuren flechten lassen und im Batikgewand zur Weißen Massai werden. Besonders bei Reisen in kulturell fremde Länder gibt es viele Stolperfallen. Bis ans Ende meiner Tage werde ich mich schämen, wenn ich an meine Reise in eine ländliche Region Nordchinas denke. Der Dorfvorsteher machte einen lockeren, humorvollen Eindruck, und ich riss ein schlüpfriges Witzchen. Statt mir nun jovial auf die Schulter zu klopfen, erstarrte der Mann zur Salzsäule und die umstehenden Bäuerinnen verfielen in ohrenbetäubendes Schweigen. Für den Rest des Aufenthalts hatte ich mein Gesicht verloren. Dafür habe ich gelernt: Was als humorvoll oder komisch empfunden wird, differiert in verschiedenen Kulturen enorm.

Auch der Blick in bekannte Gefilde lohnt, wo die Sitten den hiesigen gleichen. Zum Beispiel in die benachbarten Niederlande. Dort ist es fast wie zu Hause, alle Holländer sprechen deutsch und sind lockere gemütliche Leute - so will es das Klischee. Den sehr international orientierten Niederländern ist es allerdings ein Dorn im Auge, dass die meisten deutschen Touristen ganz selbstverständlich in ihrer eigenen Sprache loslegen. Überhaupt ist es für deutsche Niederlande-Besucher ratsam, eher bescheiden aufzutreten. Bis heute hat man nicht vergessen, dass 1940 Nazi-Deutschland das neutrale, friedliche Land besetzte und die Bevölkerung drangsalierte.

Und woran erkennt man heutzutage die Deutschen an den weitläufigen holländischen Nordseestränden? An den Sandburgen, in die sie sich wehrhaft bis zur Brust eingraben. Für derlei Baumaßnahmen haben die Niederländer kein Verständnis. Denn Strände sind öffentlicher Raum, den niemand für sich allein in Anspruch nehmen darf. Auch nicht für ein paar Quadratmeter Sandburg. Das widerspricht dem ausgeprägten Demokratieverständnis der Niederländer.

Wie sehr sich die Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum in den verschiedenen Kulturen unterscheidet, erleben viele Reisende. Beim Schlendern durch die Altstadt-Gassen von Neapel oder das Labyrinth einer marokkanischen Kashba weiß man bald nicht mehr, ob die offenen Türen in ein gemütliches Café einladen oder ob sich dahinter das Wohnzimmer eines Privathaushalts befindet. Und führt diese romantische Gasse zu einer anderen Straße - oder in ein privates Patio? Oft fühlen sich die "Besuchten" von den "Besuchern" in ihrem Privatraum bedrängt. Nur weil sie einen Teil ihres Lebens auf Grund von beengtem Wohnraum oder heißem Klima draußen verbringen, heißt es noch lange nicht, dass Zutritt erlaubt wäre.

Genauso verunsichernd ist für viele Reisende die ungewohnte Gastfreundschaft in manchen Ländern. "Kommen Sie in meinen Laden und trinken Sie mit mir einen Pfefferminztee", ruft der türkische Teppichhändler oder der ägyptische Schmuckverkäufer. Mit starrem Blick laufen die meisten Touristen weiter, sicher, dass man ihnen nur irgendeinen Ramsch andrehen will. Wie schade - eine verpasste Chance, bei der man einem Menschen in seinem ganz normalen Alltag hätte begegnen, einfach so zusammensitzen und für einen Moment eine Andere werden können. Außerdem: Hatten Sie insgeheim nicht doch den Plan, ein hübsches Schmuckstück oder einen kleinen Teppich zu erwerben?

www.k-kilanowski.de

Stand: 20.12.2017