UNERHÖRT!

Über Respekt und Höflichkeit - und ihren Verlust in der öffentlichen Debatte

Von Christiane Florin 

Normalerweise hält sich die "Frau und Mutter"-Redaktion sehr strikt an die Regel, niemals eine herabsetzende, beleidigende Sprache zu benutzen. Die Würde eines jeden Menschen ist für die kfd und ihre Mitgliederzeitschrift ein unveräußerlicher Wert, und deshalb verbietet sich eine solche Sprache von selbst. Was aber, wenn sie zu einem gesellschaftlichen Phänomen aufsteigt und einer Verrohung Vorschub leistet, die immer alltäglicher wird? Dann müssen Redaktionen dies beim Namen nennen.

In ihrem Gastbeitrag beschreibt und analysiert die Journalistin und ehemalige Chefredakteurin der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt", Christiane Florin, ihre eigenen Erfahrungen. Am Neujahrsabend 2015 meldete mein Handy 20 neue Mails; ungewöhnlich viele für einen Feiertagsabend. Ich schaute nach und las: "Abfickhure", "Himmlerfresse", "Fotze".

Ich formuliere bisweilen selbst scharf, oft ironisch, da sind heftige Gegenreaktionen nicht ungewöhnlich. Dieses Vokabular überraschte mich aber doch. Die Betreffzeile "Editorial: Wir Meinungsdikatoren" ließ auf Rache schließen.

Wenige Tage zuvor hatte ich in der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt", die ich damals leitete, die Anzeige für einen Kongress des kirchlichen Hilfswerks "Kirche in Not" abgelehnt. Diese Anzeige warb unter anderem für eine Podiumsdiskussion mit dem Titel "Gegen den Strom von Meinungsdiktatur und Political Correctness"; es sollte um das Thema Gender gehen (Anmerkung der Redaktion: Gender ist der englische Begriff für das soziale im Gegensatz zum biologischen Geschlecht, er bezeichnet also die soziale, kulturelle und politische Bestimmung der Geschlechterdifferenz und damit auch der Geschlechterrollen).

Was mich hatte aufmerken lassen, war das Wort "Meinungsdiktatur". Es gehört eindeutig zum rechtsradikalen Diffamierungs-Jargon. Ich fragte die Geschäftsführerin von "Kirche in Not" per Mail, ob das ihr Ernst sei, die Bundesrepublik mal so eben als Diktatur zu bezeichnen. Sie antwortete ausweichend.

Danach schrieb ich jenes inkriminierte Editorial. An der Hetze gegen die plurale Demokratie wollten wir uns nicht beteiligen. Und ich wunderte mich darüber, dass sich ausgerechnet ein katholisches, genauer: ein päpstliches Hilfswerk in die Gesellschaft von Pegida und Co. begab.

Meinungsfreiheit meint auch die redaktionelle Freiheit, etwas nicht zu drucken. Man kann die Ablehnung der Anzeige für falsch halten, mir politologische Spitzfindigkeit vorwerfen oder Aversionen gegen konservativ-katholische Kreise. Mit Kritik hatte ich gerechnet. Was mir aber entgegenschlug, war Hass. Einschlägige rechtsradikale Portale wie pi-news veröffentlichten Hetz-Beiträge - mit meiner Mailadresse.

So füllte sich mein Postfach mit zig "Huren" und "Schlampen". Das christliche Abendland geht unter die Gürtellinie. Ich habe fast jede Mail beantwortet und angekündigt, dass wir veröffentlichen würden. Manche legten dann noch ein F-Wort drauf, manche waren regelrecht stolz und wollten mit vollem Namen als Kämpfer wider eine Meinungsdiktatorin wie mich im Blatt erscheinen.

In einer der folgenden Ausgaben druckten wir die Zuschriften. Sie galten formal als Leserbriefe - auch wenn sie nicht von regelmäßigen Lesern, sondern von aufgehetzten digitalen Auflesern kamen. Der Abdruck ist die höchste Form der Würdigung für den Absender. So gesehen war es ein Akt der Höflichkeit, das Unerhörte im Blatt zu Gehör zu bringen. Hass-Mails ungefiltert zu veröffentlichen war damals neu, viele andere Medien griffen den Fall auf.

 "Kirche in Not" entschuldigte sich für die Beschimpfungen, auch das druckten wir. Interessant fielen die Reaktionen aus der katholischen Hierarchie aus. Die waren eher von der Sorte: "Mädel, sei nicht zu zimperlich!" Was ich denn gegen die braven Katholiken von Kirche in Not hätte, fragte mich ein Geistlicher am Rande eines Hintergrund-Gesprächs. Die Ablehnung der Anzeige sei aber auch sehr schroff gewesen, monierte ein Bischof. Das Wort Meinungsdiktatur sei doch nur eine "peppige Werbung". Verbale Gewalt sei generell schlimm, ob sie von links oder von rechts komme, sagte ein anderer.

Das stimmt immer, hier kam sie aber eindeutig von rechts, aus einem Milieu, das von konservativen, stets sittlichkeitsbesorgten Amtsträgern gehätschelt wird. Eine Diskussion über die Kernfrage, ob die katholische Kirche an ihrem rechten Rand Hetze unter dem Deckmantel der Genderkritik duldet, kam nicht zustande.

Im Anfang war das Wort, heißt es. Sprachliche Sensibilität gilt als Hobby zickiger Journalistinnen. Mehr als 90 Prozent der Zuschriften kamen von Männern. Die Reaktion wäre gewiss anders ausgefallen, wenn "Christian Florin" über dem Editorial gestanden hätte. Viele Absender flochten Erinnerungen an die DDR und die Stasi in ihre Mails ein. Ob DDR und Bundesrepublik, Hitler, Honecker und Merkel - alles gleich.

Jetzt, mehr als ein Jahr später, fällt dieses Denken schon gar nicht mehr auf: "Meinungsdiktatur", aber auch "Altparteien", "Systemparteien" oder die Aufforderung zum "zivilen Ungehorsam" gegen die Kanzlerin gehören zum Standard-Jargon der AfD und sickern in die alltägliche politische Berichterstattung. Das Thema Flüchtlinge hat den Ton deutlich verschärft. "Hure" und "Schlampe" liest sich fast nett, verglichen mit der Beschimpfung von Migranten als "Ungeziefer" und "Viehzeug".

Die einfache, kulturpessimistische Erklärung für Hass dieser Art ist der allgemeine Sittenverfall des öffentlichen Sprechens. Doch die Ursachen liegen tiefer. Wenn ich die Mails von damals noch einmal lese und den Hass des Neujahrsabends 2015 mit Abstand betrachte, fällt mir das Unverdaute auf. Die meisten Absender haben die gesellschaftlichen Großdebatten der vergangenen Jahrzehnte nicht verkraftet.

Dass Frauen publizieren und dann auch noch über die Publikationen von anderen entscheiden dürfen; dass Rollen- und Familienmodelle sich wandeln; dass Demokratie ein Wettstreit der Meinungen ist und kein Papst ex Cathedra das Ergebnis vorgeben kann - all das empfinden sie als persönliche Niederlage. Mehr noch: als Attentat einer verschwörerischen Elite. Dieses Gefühl, Opfer eines Angriffs zu sein, enthemmt.

Ausgerechnet jene, die Abendland und Anstand für sich beanspruchen, wollen sagen dürfen, was zumindest in meinem Elternhaus als unanständig galt. Sie wollen einen Mann aus dem Kongo "Neger" nennen, mich wollten sie so betiteln wie anfangs zitiert. Wer eine solche Wortwahl ablehnt, gilt als Knecht der Political Correctness (der oft verhöhnten Einstellung, die der Duden so beschreibt:

"Einstellung, die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird.", Anm. d. Red.), Höflichkeit wird zur Kapitulation vor dem "links versifften" Zeitgeist, wie es der Lieblingsautor aller Höflichkeitsverächter, Akif Pirinçci, ausdrücken würde.

Der Ethik-Experte Rainer Erlinger, bekannt von der Gewissensfrage der Süddeutschen Zeitung, deutet in seinem neuen Buch "Höflichkeit. Vom Wert einer wertlosen Tugend" die Hass-Welle auf hintergründige Weise: Unerhörte Worte wähle, wer sich unerhört fühle, schreibt er. Es ist der Schrei derer, die sich in Veränderungsprozessen übergangen fühlen, die nicht mithalten können im Wettbewerb der Positionen und Performances.

Eine Krise der Höflichkeit sei eine Krise der Demokratie, warnt Erlinger. Das entschuldigt nichts, erklärt aber doch einiges. Der bürgerliche Grundkonsens lautet, dass jeder Mensch Respekt verdient hat. Teile der bürgerlichen Mitte haben sich aus diesem Grundkonsens verabschiedet. Die Höflichkeit, die einst vor allem in konservativen Kreisen geschätzt wurde, gilt im Grenzbereich zwischen konservativer und rechtsradikaler Bürgerlichkeit als Schwäche.

Die Themen Flüchtlinge und Gender wirken besonders enthemmend, weil sie an zwei starke Pfeiler der Identität rühren: an Geschlecht und Nation. Nimmst du mir meine Identität, du Feministin oder Flüchtlingsfreundin, so nehme ich dir deine. Nach dieser Logik funktioniert der Hass. Angegriffen wird sofort die Person, nicht mehr die inhaltliche Position. Attacken ersetzen Argumente.

Auch wenn es schwerfällt: Respekt haben auch die Hass-Mail-Schreiber verdient. Reflexhafte Verachtung ist falsch, das reflexhafte Versprechen, auf die "Sorgen und Nöte" der Fremden- und Frauenhasser einzugehen, allerdings auch. Ich habe versucht, die Motive der Hasser zu verstehen. Aber ich bin in keinem Punkt mit ihnen einverstanden. Es mag eitel klingen oder selbstgerecht: Ich würde die Entscheidung wieder genauso treffen. Vor dem Hass zu kuschen, das verbietet mir der Respekt vor mir selbst.

Christiane Florin ist Redakteurin für Religion und Gesellschaft beim Deutschlandfunk und Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn. Von 2010 bis 2015 leitete sie die "Zeit"-Beilage "Christ & Welt".

Stand: 20.12.2017