„Die Koffer sind ausgepackt“

Düsseldorf hat wieder eine lebendige jüdische Gemeinde

Von Jutta Oster

Zunächst war es nur eine Idee, die zwei junge Erwachsene auf einer Reise nach Israel gesponnen haben. Mehr als 40 Jahre später ist diese Idee Wirklichkeit geworden: In Düsseldorf hat die jüdische Gemeinde ihr erstes eigenes Gymnasium eröffnet. Es ist für sie Zeichen dafür, dass das Judentum wieder eine Zukunft in der Stadt hat. Aus den beiden jungen Erwachsenen von damals wurden der Schulleiter des Gymnasiums und der Verwaltungsdirektor der Gemeinde.

Manches am jüdischen Gymnasium ist - einige Wochen nach Eröffnung der Schule - noch im Zustand des Provisoriums. In der Bibliothek stehen Umzugskartons, die Bücherregale sind noch leer. Dem umgebauten Gebäude im Düsseldorfer Stadtteil Unterrath sieht man an der einen oder anderen Stelle noch an, dass hier bis vor kurzem normaler Bürobetrieb herrschte, bevor die 39 Schülerinnen und Schüler kamen.

Der Schulhof mit seinem Kickertisch, der Tischtennisplatte und den aufgemalten Hinkelkästchen wirkt noch ein wenig leer und still für eine Schule. Der Geruch nach frischer Farbe liegt in der Luft. Und doch ist das Albert-Einstein-Gymnasium für Schulleiter Michael Bock das deutlichste Zeichen dafür, dass die Zeit des Provisoriums für die jüdische Gemeinde in Düsseldorf vorbei ist.

"Frühere Generationen haben auf gepackten Koffern gesessen - immer bereit, aus Deutschland nach Israel oder in andere Länder auszuwandern. Die Neueröffnung des Gymnasiums zeigt uns, dass die Koffer endlich ausgepackt sind.

Die jüdischen Gemeinden sehen wieder eine Zukunft in Deutschland." Während nach der Zeit des Nationalsozialismus nur noch wenige Juden in Düsseldorf lebten, weil die meisten in Vernichtungslager deportiert oder aus Deutschland vertrieben waren, ist die jüdische Gemeinde Düsseldorf mit ihren 7000 Mitgliedern inzwischen die größte in Nordrhein-Westfalen und - nach Berlin und München - die drittstärkste in Deutschland.

Vor allem die Menschen, die Anfang der 90er-Jahre aus der ehemaligen Sowjetunion nach Düsseldorf und in andere deutsche Städte gekommen sind, haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Besonders stolz ist der Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Michael Szentei-Heise, darauf, dass seine Gemeinde als sehr lebendig gilt. "Wir haben einen aktiven Sockel von 25 Prozent der Mitglieder, das finden Sie in keiner christlichen Gemeinde."

Auch für den Verwaltungsdirektor ist die Neueröffnung des jüdischen Gymnasiums, des ersten in Nordrhein-Westfalen und des zweiten in Deutschland, ein zukunftsweisendes Symbol, zumal die Gemeinde selbst vor dem Zweiten Weltkrieg kein eigenes Gymnasium hatte. "Wir sind jetzt also einen Schritt weiter."

Die Gemeinde betreibt bereits eine Kindertagesstätte und eine Grundschule in Düsseldorf, da war eine weiterführende Schule der nächste Schritt - und der Wunsch vieler Eltern. Zwei fünfte Klassen haben nach den Sommerferien am Albert-Einstein-Gymnasium angefangen. Auf Dauer sollen dort 600 bis 700 Kinder und Jugendliche zur Schule gehen. Das Gymnasium wird dafür in einigen Jahren in ein anderes Gebäude ziehen.

Die Schülerinnen und Schüler lernen Hebräisch neben Englisch ab der fünften Klasse, und natürlich wird auch jüdische Religion unterrichtet. Das Gymnasium legt außerdem Wert darauf, dass die jüdischen Feiertage und der Schabbat, der Ruhetag im Judentum, der von Freitagabend bis Samstagabend dauert, eingehalten werden. Entsprechend endet der Unterricht am Gymnasium, das als Ganztagsschule geführt wird, freitags schon um die Mittagszeit mit einer vorgezogenen Schabbatfeier. An den übrigen Tagen bekommen die Fünftklässler ihr Mittagessen in der Schule - natürlich koscher, gemäß den jüdischen Speiseregeln.

Schulleiter Michael Bock ist es wichtig, die jüdische Identität seiner Schülerinnen und Schüler zu stärken, sodass sie "zu modernen Juden werden, die in einer nicht-jüdischen Welt gut zurechtkommen, die offen durchs Leben gehen". Auch die Schule ist entsprechend offen gestaltet - nicht-jüdische Kinder sind willkommen, derzeit sind es vier. Für den Schulleiter ist das die beste Form der Integration. "Wie kann man sich besser verstehen lernen, als wenn man miteinander zur Schule geht? Wir wollen einen Ort der Begegnung schaffen."

Die Schule wird in der jüdischen Tradition geführt, aber Bock hat ebenso die Vision, dass sie zu den modernsten in Düsseldorf gehören soll. Jedes Kind arbeitet dort mit einem Tablet-Computer, statt an Tafeln schreibt man an abwischbare Wände, und die Schüler sitzen auf rollbaren Stühlen - mit denen sie derzeit noch Rennen in den Klassenräumen fahren.

Für Michael Bock hat sich mit der Eröffnung des Albert-Einstein-Gymnasiums ein Lebenstraum erfüllt. Der Sohn eines KZ-Überlebenden aus der Pfalz ist selbst auf ein jüdisches Gymnasium in Straßburg gegangen und weiß, wie sehr ihn das in seiner Identität als Jude gestärkt hat. Bis heute hält er Kontakt zu Mitschülern aus ganz Europa. Um die Düsseldorfer Schule zu leiten, ist der 68-Jährige aus seinem Ruhestand zurückgekehrt. "Zwei Jahre hat mir meine Frau zugestanden, na, ja, es könnten vielleicht auch drei werden."

Streng bewacht ist das Gymnasium, genauso wie die Synagoge und die weiteren jüdischen Einrichtungen in der Stadt. Wer in die Schule gelangen will, muss zuerst durch eine Sicherheitsschleuse gehen. Auf diese Vorsichtsmaßnahmen kann die Gemeinde nicht verzichten. Nach den Anschlägen von Paris ist die Wachsamkeit in der jüdischen Gemeinde Düsseldorfs noch ein wenig größer geworden.

Dennoch will der Verwaltungsdirektor Michael Szentei-Heise sich "nicht von jedem schlimmen Ereignis in Bockshorn jagen lassen und an Auswanderung denken", wie er in einem Interview mit der Zeitung "Rheinische Post" sagte. "Historisch betrachtet: Es kann doch nicht sein, dass Hitler im Nachhinein Recht bekommt und Deutschland judenfrei wird." Ohnehin sei die Situation in Deutschland mit der in Frankreich nicht vergleichbar.

Derzeit wächst die Gemeinde in Düsseldorf - ein optimistisches Signal, nachdem sich vor rund 70 Jahren kaum jemand vorstellen konnte, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland geben würde. "Heute haben wir ein Angebot für alle Altersgruppen, von der Wiege bis zur Bahre", so Szentei-Heise. Neben Kindertagesstätte, Grundschule, Gymnasium, Jugendzentrum, einem Sportverein und der Kultur-Akademie unterhält die Gemeinde das Nelly-Sachs-Haus, eine Einrichtung für Seniorinnen und Senioren.

Wer Lebensmittel kaufen möchte, die den jüdischen Speiseregeln entsprechen, kann das im Geschäft "Kosher King" tun, das beispielsweise koscheren Wein oder Matzen anbietet, dünne Brotfladen aus Israel. Israelisches Essen gibt es im Düsseldorfer Restaurant "Die Kurve". Inhaber Elad Peri aus Israel hat sich aber dafür entschieden, sein Restaurant nicht mehr koscher zu führen, sonst müsste er Freitag- und Samstagabend wegen des Schabbats schließen, und das rechnet sich nicht für ihn. Orthodoxe Juden kommen jetzt nicht mehr in das Restaurant, aber immer noch gehört ein Teil seiner Gäste zur jüdischen Gemeinde. Die anderen möchten einfach jüdische Spezialitäten probieren. Schließlich soll das Restaurant vor allem Ort der Begegnung sein - genauso wie das Gymnasium und die anderen jüdischen Einrichtungen in Düsseldorf.

Stand: 20.12.2017