"Hast du Kinder?" 

Wenn Frauen keine Mütter sind

Über Kinderlosigkeit wird in unserer Gesellschaft nicht gerne geredet. Gerade eine Zeitschrift, die "Frau und Mutter" heißt, sollte aber nicht darauf verzichten, findet die Redaktion. Eine Autorin schildert, wie es sich anfühlt, kinderlos zu sein. Warum sie ihr Leben meist als glücklich und ganz empfindet. Und es da doch eine Leerstelle gibt, die keine noch so spannende Arbeit, keine noch so exotische Reise ausfüllen kann. Ein Erfahrungsbericht, der so persönlich ist, dass er anonym bleiben soll.

"Wollt ihr nicht oder könnt ihr nicht?" Die Bekannte schaut mich prüfend an. Sie will wissen, warum mein Mann und ich keine Kinder haben. Mir fehlen die Worte. Selten wird von mir so direkt Aufklärung darüber verlangt, warum ich keinen eigenen Nachwuchs habe. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich verrate es nur wenigen, sehr vertrauten Menschen. Aber auch bei höflichen und dezenten Gesprächspartnerinnen ist eine der ersten Fragen in der Kennenlernphase: "Hast du Kinder?" Ich fürchte diesen Moment. Denn mein "Nein", das ich mittlerweile klar und fest sagen kann, hat fast immer ein verlegenes Schweigen zur Folge. Anstelle eines Small Talks über Geschlecht und Alter der Kleinen, über Fortschritte beim Lesen und Schreiben oder Teenagerprobleme breiten sich Leere und Ratlosigkeit aus. Es ist dann mein Job, den peinlichen Moment mit unverfänglichem Geplaudere zu überspielen, geübt lenke ich vom Thema ab. Nur schnell runter von diesem Minenfeld.

Manchmal gibt es auch andere Reaktionen: Eine Arbeitskollegin entschuldigte sich für die Frage nach dem Nachwuchs. Nie hätte sie davon angefangen, wenn sie geahnt hätte ... Oder – noch schlimmer – eine Bekannte im Sportverein sagte: "Muss ja auch nicht sein, dass man Kinder hat." Stellt jemand die K-Frage nicht, ist die Person in den meisten Fällen ebenfalls kinderlos – oder ein Mann.

Unsicherheit und Scheu machen deutlich: Kinderlosigkeit ist eines der letzten großen Tabuthemen unserer Zeit. Wer keine Kinder hat und die Begründung dafür nicht gleich mitliefert, macht sich verdächtig: ungewollt (gut und bemitleidenswert) oder gewollt kinderlos (böse und egoistisch)? Wie in sonst kaum einem anderen Bereich prallen in der Kinderfrage Welten aufeinander, berührt das Thema Nachkommenschaft emotionale und zutiefst persönliche Aspekte des jeweiligen Lebensentwurfes. Da gibt es Vorurteile und Unverständnis; Gefühle wie Trauer, Schmerz und Neid werden an die Oberfläche gespült. Auf beiden Seiten. "Wie geht es dir eigentlich als Mutter von drei Söhnen mit mir, einer kinderlosen Frau?", will ich von meiner Freundin Sabine wissen. Sie sucht nach Worten, druckst herum.

Bewusst erzähle sie mir nur wenig von ihrem Familienleben. Weil sie mich nicht quälen wolle mit den vielen Glücksmomenten ihres Alltags. "Es gibt nichts Schöneres und Sinnvolleres", versichert mir eine andere Freundin und zeigt mir das Bild ihrer vierjährigen Zwillinge. "Aber dafür hast du doch deinen Beruf", schiebt sie schnell hinterher. Spannende Projekte, Reisen, neue Kontakte, viel Abwechslung. "Ich komme wegen der Kinder ja kaum hier weg." Dankeschön. Aber Projekte können mit Kleinkindern nicht konkurrieren, das funktioniert nicht. Ob das wehtut und verletzt? Ja, tut es. Und wie. Denn im Grunde sehen meine Freundinnen in mir ein Mangelwesen, das sich zwar beruflich verwirklicht, aber das größte Glück auf Erden nie erfahren wird. Und ihre – sicher nicht bewusst gewollte – Abwertung verändert auch mein eigenes Verständnis von mir selbst. Oft fühle ich mich in der Gegenwart von Müttern als Frau zweiter Klasse.

Das ist ausschließlich mein Problem? Nein, ich glaube nicht. Denn über die kleinen Sticheleien hinaus offenbart sich hier eine wesentliche Ursache für den Graben, der sich zwischen Frauen – denn es sind fast ausschließlich Frauen – immer wieder auftut. Es geht um das Verständnis von Identität, von weiblicher Identität. Und dieses Verständnis berührt einen existentiellen Kern: Frau zu sein bedeutet immer noch, Mutter zu sein. Trotz emanzipatorischer Bewegungen, trotz der Auflösung von Rollenbildern und der Relativierung traditioneller Lebensformen ist es eine wesentliche und wesensgemäße Aufgabe des weiblichen Geschlechts, Kinder zu bekommen, sich fortzupflanzen und dafür zu sorgen, dass das Spiel des Lebens weitergeht. Bei diesem Spiel nicht mitzumachen, sich außerhalb der natürlichen Ordnung zu stellen, sich gar willentlich zu verweigern, ist fragwürdig oder zumindest irritierend. Das bekomme ich immer wieder zu spüren.

Die Politik tut ihr Übriges, um den scheinbar qualitativen Unterschied zwischen Familien, die fleißig für zukünftige Beitragszahler sorgen, und Kinderlosen zu betonen: mit höheren Steuern und immer wieder diskutierten Sonderabgaben als Strafmaßnahmen. Aber während wohl keine Frau mehr schwanger wird, um dem Staat ein Kind zu schenken, müssen sich Kinderlose für ihren Status gegenüber der Gesellschaft rechtfertigen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass ausgerechnet das Bundesfamilienministerium eine Studie veröffentlicht hat, in der sich kinderlose Frauen über "offene oder latente Stigmatisierungen" beklagen und sich "mit Vorwürfen eines sozialschädlichen Egoismus, mangelnder Verantwortungsbereitschaft für ein Kind und für nachfolgende Generationen konfrontiert sehen".

Stigmatisiert, defizitär, Frau zweiter Klasse – dabei bin ich jenseits von Mütterrunden meistens froh und zufrieden. Vieles in meinem Leben ist sinnvoll, meine Arbeit fordert und erfüllt mich, ich genieße die glücklichen Momente. Und bisweilen bin ich geradezu dankbar dafür, keine Kinder zu haben: Wenn bei der Freundin mit den Zwillingen wochenlang ein Virus das andere ablöst und die berufstätigen Eltern vor Erschöpfung fast zusammenbrechen, wenn die Nachbarin ihre Nachmittage damit verbringt, die Töchter von einem Termin zum anderen zu kutschieren, wenn die Kollegin schlaflose Nächte hat, weil der Sohn psychische Auffälligkeiten zeigt und Medikamente zur Ruhigstellung nehmen muss. Wie erleichtert bin ich dann, dass ich dem Stress der Mehrfachbelastung durch Beruf, Familie, Hobby, Ehrenamt und Selbstoptimierung, dem sich unsere Gesellschaft unterwirft, nicht ausgesetzt bin.

Ja, meistens ist alles gut so, wie es ist. Und dennoch gibt es Momente, in denen ich die Leerstelle in meinem Leben ahne und Sabine, der Freundin, recht gebe: Stimmt, diese spezielle Art von Glück werde ich nie erfahren. Das Glück, einen Menschen auf die Welt zu bringen, ihn aufwachsen zu sehen, begleiten zu können und zu wissen: Nach mir kommt da noch jemand, der das Leben weiterträgt. Wird es für mich nicht geben, und das ist traurig.

Die Schauspielerin Sophie Rois hat einmal in einem Interview gesagt: "Ich habe mich dagegen entschieden, nicht widerspruchsfrei ... Ich glaube, dass ein Kind einen Anspruch auf emotionale Sicherheit und Verlässlichkeit hat, die ich nicht bieten kann. Was nicht heißen soll, das ich mich nicht manchmal nach einem Kind sehne." Diese innere Zerrissenheit tragen alle kinderlosen Frauen, die ich kenne, mit sich herum. Frauen, die sich aus unterschiedlichen persönlichen Gründen nach langem Ringen und Überlegen bewusst gegen Kinder entschieden haben, und Frauen, die unfreiwillig kinderlos geblieben sind. Keine hat es sich leicht gemacht und keiner ist das leicht gefallen. Egoistinnen und Sozial-schmarotzerinnen habe ich unter diesen Frauen nicht kennengelernt. Aber es sind Menschen, die auffallend oft hart und gerne arbeiten, die lieben, was sie tun, und die mit ihrer Arbeit versuchen, über ihr eigenes Leben hinaus zu wirken.

Es braucht Mut dazu, aber ich würde mir wünschen, dass wir Frauen – mit und ohne Kinder – uns gegenseitig mehr voneinander erzählen. Ohne Scheu und Vorbehalt und ohne Schere im Kopf. Erzählen nicht nur über berufliche Erfolge, über die Vorzüge des Waldkindergartens oder das neue Familienauto. Sondern dass wir uns unser Glück und unsere Wunden, unsere Freuden und unsere Trauer zeigen – und dadurch nicht gleich den gesamten Lebensentwurf bedroht sehen. Dass wir uns fragen können: Warum lebst du so, wie du lebst? Und wieso nicht ganz anders? Ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig sagen können: Ja, dein Leben ist rund und voll, manchmal eine Last und bittersüß, es ist schwierig und schön. Und meines auch.

Stand: 20.12.2017