Für Gerechtigkeit einstehen – Christliche Sozialethik heute

Teil 1: Einführung

Von Judith Wolf

Hinwendung: Aus christlicher Perspektive entsteht Gerechtigkeit, wo sie nach dem Vorbild Jesu zuerst den Armen, Schwachen und Kranken zugute kommt. Die Grundfrage der christlichen Sozialethik lautet deshalb: Welche Strukturen, Institutionen, Verfahren und Normen sind nötig, um eine Gesellschaft so zu gestalten, dass auch die Schwächsten zu ihrem Recht kommen? Nach einer Einführung in die Aufgabenstellung christlicher Sozialethik fragt die neue vierteilige Serie danach, was dies für aktuelle Themen bedeutet: für den Umgang mit Flüchtlingen, für die Gesundheitsversorgung bei knapper werdenden Mitteln, für die Bildung der Kinder.

"Laudato si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus" - so lautet der Titel der im Juni veröffentlichten Enzyklika von Papst Franziskus (vgl. S. 4). Ihm geht es darin nicht einfach um den Schutz der Umwelt, ihm geht es ums Ganze: um die unantastbare Würde des Menschen, seine Verantwortung für die nachfolgenden Generationen und die Achtung der Natur. Er wendet sich an alle Menschen guten Willens und ruft zu einer gemeinsamen Anstrengung, einer neuen universalen Solidarität auf. Franziskus äußert sich in seinem Lehrschreiben zu einem der drängendsten Probleme unserer Zeit.

Er stellt sich damit in die lange Reihe der Päpste, die aktuelle soziale Fragen aufgegriffen und damit zu zentralen Fragen des Glaubens gemacht haben, angefangen bei Papst Leo XIII., der 1891 mit der Enzyklika "Rerum novarum – Über die Arbeiterfrage" den langen Reigen der Päpste eröffnete, die sich einmischten in die gesellschaftlichen Herausforderungen. Es waren die Not und das Elend der Arbeiter, die bei Christen die Einsicht wachsen ließ, dass nicht nur konkrete Sorge, sondern dass gesamtgesellschaftliche Strukturreformen notwendig waren, um deren Situation nachhaltig zu verbessern: von den Sozialversicherungen bis hin zu gewerkschaftlichen Vertretungen und Mitbestimmungsrechten.

Seitdem haben die Päpste immer wieder solche Herausforderungen aufgegriffen. Konzilspapst Johannes XXIII. hat unter anderem mit der Enzyklika "Pacem in terris – Über den Frieden der Völker" einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Menschenrechte geleistet. Paul VI. griff mit dem Schreiben "Populorum progressio – Über die Entwicklung der Völker" die Fragen der Solidarität für die ganze Welt auf. Johannes Paul II. veröffentlichte 1987 die Enzyklika "Sollicitudo rei socialis – Die soziale Sorge der Kirche", in der er eine deutliche Kritik am Fortschrittsoptimismus übte und die Option für die Armen als wichtiges Beurteilungskriterium gesellschaftlicher Zustände aus christlicher Perspektive einführte.

Daneben stehen zahlreiche weitere Dokumente der Päpste und nationaler Bischofskonferenzen. Die Enzyklika "Rerum novarum" war auch die Initialzündung zur Gründung von Lehrstühlen, an denen sich eine christliche Sozialethik entwickelte, die vor dem Hintergrund der Theologie gesellschaftliche Probleme analysiert und bewertet und ihre Ergebnisse in den Dialog mit anderen Wissenschaften zurückspiegelt. Grundlage dafür ist, was sowohl im Alten als auch im Neuen Testament gilt: dass Gottes- und Nächstenliebe eine Einheit bilden, dass Glaube und Weltverantwortung untrennbar zusammengehören und dass der Mensch der bevorzugte Ort der Gegenwart Gottes ist.

Jesu Hinwendung zu den Armen, Schwachen und Kranken bildet den Bezugspunkt katholischer Sozialverkündigung und christlicher Sozialethik: Sie stehen im Fokus, wenn aus christlicher Perspektive nach Gerechtigkeit gefragt wird.

Christliche Sozialethik fragt deshalb: Welche gesellschaftlichen Strukturen, Institutionen, Verfahren und Normen sind für eine gerechte Gesellschaftsgestaltung notwendig? Wie müssen gesellschaftliche Veränderungen gestaltet werden, damit sie den Schwächsten zugute kommen? Wie können diese befähigt werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, und wie kann ihre Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen sichergestellt werden? Die Verhältnisse einer Gesellschaft müssen so verändert werden, dass sie prinzipiell jeder Person die Chance einräumen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und einen vernünftigen Lebensplan zu verwirklichen.

Die Felder, mit denen sich die christliche Sozialethik heute beschäftigt, sind vielfältig. Es geht um Fragen der Bildung, des Gesundheitswesens, um Fragen nach gerechten weltweiten Handelsbeziehungen, nach globalen Konfliktlösungen, nach Geschlechterbeziehungen, aber auch um ganz neue Themen, wie sie sich zum Beispiel im Zusammenhang mit der Digitalisierung ergeben, wenn es etwa um den Schutz der Persönlichkeit im Internet geht. Es geht um Integration und Aufnahme von Flüchtlingen.

Dabei lebt christliche Sozialethik vom Gespräch mit anderen Wissenschaften. Sie ist darauf angewiesen, die Wirklichkeit aus vielen Perspektiven wahrzunehmen. Erst wenn eine möglichst umfassende Analyse vorliegt, kann die Situation beurteilt und anschließend wieder im Dialog mit Wissenschaft, Politik und Gesellschaft nach Lösungen und Übereinkünften gesucht werden. Die christliche Sozialethik versucht auf diese Weise, in den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Dialog die Perspektive des christlichen Glaubens einzubringen. Ziel ist es, die Fragen nach der Gerechtigkeit vor allem aus der Perspektive benachteiligter Menschen offenzuhalten, neue Lösungsmöglichkeiten zu suchen und auch die Widerständigkeit christlichen Glaubens in die Debatte einzubringen.

Nicht ein Normengerüst mit unumstößlichen Vorgaben soll daraus entstehen, sondern die immer wieder gemeinsame Suche mit allen Menschen guten Willens nach der besten Lösung. "Prüft alles und behaltet das Gute" ist deshalb ein wichtiger Grundsatz im Diskurs aus christlich sozialethischer Perspektive. Dafür braucht es die Offenheit, die eigene Meinung und Position weiterzuentwickeln, wo immer neue Erkenntnisse dies erfordern, und um die Einsicht, dass die Wahrheit oft mehrere Facetten hat. In der pluralen und multireligiösen Gesellschaft ist es notwendig, im Gespräch mit den anderen Religionen die Frage danach zu stellen, was gerecht ist, und gemeinsam gesellschaftlichen Konsens zu suchen. Nur so kann eine Gesellschaft über das Ganze des Menschen im Gespräch bleiben.

Auch vor diesem Hintergrund kommt die Enzyklika des Papstes "Laudato si" zum richtigen Zeitpunkt. Franziskus bietet die Kirche als Partnerin in diesem Dialog an: Am Be-ginn des 21. Jahrhunderts muss die Menschheit umsteuern, um neu auszuloten, was Gerechtigkeit auch angesichts von Klimawandel und Umweltzerstörung heißt.

Die promovierte Theologin Judith Wolf ist Dozentin für Sozial- und Medizinethik an der Katholischen Akademie des Bistums Essen "Die Wolfsburg" und deren stellv. Direktorin.

Stand: 20.12.2017