Der lange Atem der Hoffnung

Carola Thimm hat nach fünf Jahren ein Wachkoma überwunden. Ihre Familie hat immer an sie geglaubt

Von Sandra Gerke

Als ihre Tochter auf die Welt geholt wurde, war Carola Thimm seit vier Monaten im Wachkoma. Wie baut man ein neues Leben auf, wenn einem fünf Jahre fehlen? Wie ein gutes Verhältnis zur eigenen Tochter, an deren Geburt man nicht bewusst Anteil hatte? Carola Thimm (47) erzählt von ihrem Weg zurück, den ihr vor allem ihre Mutter bereitet hat, und sagt: "Ich habe meine Würde nie verloren."

Ein Baby! In ihrem Bauch! Jahrelang hatten Carola Thimm und ihr Mann vergeblich auf diese gute Nachricht gewartet. Dass der Wunsch nun Wirklichkeit zu werden scheint, das ist nach einer Fehlgeburt und der anschließenden entmutigenden Diagnose ihres Frauenarztes eine echte Überraschung.

Dass sie wegen der Schwangerschaft ihrer großen Leidenschaft, dem Tauchen, nicht nachgehen darf, nimmt sie gerne in Kauf. Was als Hobby begann, hat die ehrgeizige Frau aus Preetz immer weiter professionalisiert. Neben ihrer Arbeit im Sozialministerium in Kiel ist sie eine der erfolgreichsten Tauchlehrerinnen Norddeutschlands.

Als Carola Thimm am Pfingstmontag 2004 von Kopfschmerzen geplagt wird, hält sie eine Runde Walken für genau das Richtige. Im fünften Monat schwanger, bricht sie an diesem 31. Mai auf zu einem Lauf, bei dem etwas geschieht, das ihr alles, an dem ihr Herz hängt, entfremden wird. Vieles endgültig, einiges zumindest für lange Zeit.

In ihrem Gehirn platzt ein Aneurysma. Sie überlebt zwar, aber taucht komplett ab: ins Wachkoma. Als ihre Tochter am 17. September auf die Welt geholt wird, bekommt Carola Thimm davon nichts mit. Tochter Marie wird in ihren ersten Lebensjahren die eigene Mutter nur im Krankenhaus und Pflegeheim erleben. Das jedoch möglichst intensiv. Brita Thimm nimmt die Enkeltochter schon früh immer wieder mit. Die Kleine liegt zunächst einfach nur auf dem Bauch ihrer Mutter. Später beginnt sie, mit ihren kleinen Fingern das Gesicht zu ertasten und auf ihr herumzuklettern. Vielleicht liegt darin das Geheimnis ihres Überlebens: Brita Thimm, Carolas Mutter, glaubt einfach fest daran. Und wenn Carola aufwacht, soll sie ein gutes Verhältnis zu Marie haben. Dieser Wunsch ist stärker, stärker als die Prognosen der Ärzte, die das Hoffen auf ein Wunder nicht leicht machen.

Während ihr Mann mit der Situation kaum umgehen kann und sich immer weiter zurückzieht, bleibt die Mutter bei ihr, auch als immer mehr Jahre vergehen. Unermüdlich besucht sie ihre Tochter, liest und spielt ihr Musik vor, erzählt. Einiges davon, so wird sich später zeigen, ist sehr wohl zu ihr vorgedrungen, auch wenn es zunächst nicht den Anschein hatte.

Selbst als Carolas Vater an Krebs erkrankt und stirbt, vernachlässigt die Mutter ihre Tochter nicht. Im Gegenteil: Im Rollstuhl nimmt die Familie sie mit zur Beerdigung. Das sorgt auf dem Friedhof für geschockte Gesichter. Natürlich haben die Medikamente und der Bewegungsmangel die Patientin auch optisch enorm verändert. Nichts erinnert an die sportliche, witzige Frau, die sie einmal war. Die Blicke der anderen zu ertragen, muss hart sein für die Mutter – und im Nachhinein auch für Carola. Doch die zeigt sich selbstbewusst: "Ich habe meine Würde nie verloren, deshalb musste ich sie mir auch nicht zurückerkämpfen."

Längst liegt sie zu dieser Zeit nicht mehr in einer Klinik, sondern in einem Pflegeheim. Dort werden die Medikamente umgestellt, und ihre Mutter erkennt sofort eine Veränderung. Es scheine, beschreibt sie später, "als ob ein leichter Vorhang zur Seite geschoben worden wäre, als würde Carola bewusster wahrnehmen können, was um sie herum geschieht."

Außerdem taucht ein Mensch auf, der es schafft, in ihre versunkene Welt vorzudringen. Johann, ein Pensionär, erfährt bei seinem ehrenamtlichen Besuchsdienst, dass diese jüngste Altersheimbewohnerin gerne getaucht ist – wie er selbst. Fortan widmet er sich ihr besonders. Eines Tages fällt ihm eine Geste ein, mit der sich Taucher unter Wasser verständigen. Mit einem "O", geformt aus Daumen und Zeigefinger, fragt er, ob sie ihn verstehen kann. Und plötzlich hebt Carola Thimm ihre rechte Hand – und tut es ihm gleich. Es ist Anfang 2009, und sie ist tatsächlich wieder aufgetaucht.

Was folgt, gelingt langsam, aber stetig, dank der Menschen, die immer an sie geglaubt haben und dank ihres ausgeprägten Ehrgeizes. Sie muss alles neu lernen. Laufen zum Beispiel. Und sprechen. "Mama!" ist ihr erstes verständliches Wort. Das nächste kommt über ihre Lippen, als sie begreift, dass das kleine Mädchen, das sie immer besucht, ihre eigene Tochter ist: "Marie!"

Der Herzenswunsch nach einem Kind hat sich für Carola Thimm erfüllt, das erträumte Familienleben jedoch nicht. Es gelingt ihr zwar, ein gutes Verhältnis zu ihrer Tochter aufzubauen, so wie es ihre Mutter für sie erhofft hatte. Doch der Ehemann hat sich in der Zwischenzeit neu verliebt. Mit Marie wohnt er eine halbe Stunde von Preetz entfernt. Carola Thimm akzeptiert, ihr Mädchen nur jedes zweite Wochenende zu sich holen zu können. Bei dieser schweren Entscheidung hatte die Frührentnerin nicht nur die Gefühle Maries im Blick. "Ihr Vater kann ihr wesentlich mehr bieten als ich, weil er ein volles Einkommen hat. Ich hatte am Anfang nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung, da hat sie nicht mal ein eigenes Zimmer gehabt."

Trotz aller seelischen und körperlichen Anstrengungen bekommt sie weiteren Auftrieb. Nicht beim Tauchen, das bedeutete zu viel Druck für ihren empfindlichen Kopf. Sie lernt im Fitness-Studio ihren neuen Freund kennen, über den sie sagt: "Man kann ihm vollständig vertrauen." Drei Jahre sind sie inzwischen ein Paar.

Vertrauen. Als sie danach gefragt wird, was sie sich für die zukünftige Beziehung zu ihrer Tochter wünscht, ist dies das Wichtigste. Marie ist vor wenigen Wochen elf Jahre alt geworden. Sich nahe sein, auch wenn man sich nicht täglich sehen kann, das ist das Ziel. Mit ihrer eigenen Mutter läuft es so. Auch die 74-Jährige hat noch einmal eine neue Liebe gefunden – im 250 Kilometer entfernten Oldenburg. Carola Thimm gönnt es ihr, die so viel für sie getan hat, von Herzen.

Auch sie selbst ist viel unterwegs. Mit dem Buch, das sie mit einer Journalistin über ihre Zeit im Wachkoma geschrieben hat ("Mein Leben ohne mich", Patmos 2015), ist sie immer wieder Gast in TV-Talkrunden und auf Fachtagungen. "Mir macht das Spaß. Und es ist auch notwendig", sagt sie über diese Arbeit. Viele Rückmeldungen hat sie auf ihre Geschichte bekommen. "Nach einer Lesung kam zum Beispiel einmal eine Frau auf mich zu. Einem nahen Verwandten hat sie im Wachkoma so zur Seite gestanden wie meine Mutter mir. Er starb zwar irgendwann. Aber die Frau sagte, durch mein Buch wüsste sie nun, dass das, was sie für ihn getan hat, auch bei ihm angekommen ist."

Macht sie sich Sorgen um ihre Zukunft? Carola Thimm verneint vehement. Schließlich gibt der Platz im Leben, an dem sie sich heute sieht, auch keinen Anlass zur Angst. Sie beschreibt es so: "Ich war ganz unten auf dem Meeresgrund und habe es tatsächlich geschafft, mich aus dem zerstörten Schiffswrack zu befreien, mir meine Luft einzuteilen und mich durch das grüne Dunkel bis an die Oberfläche hinaufzukämpfen. Dorthin, wo die Sonne scheint und ihre Strahlen hell und freundlich auf den Wellen glitzern."

Stand: 20.12.2017