Vorurteile wiegen schwer

Übergewichtige leiden unter gesellschaftlicher Abwertung

Von Jutta Oster

Wenig diszipliniert, dumm und faul: Das sind typische Vorurteile, die Menschen mit Übergewicht immer wieder entgegengebracht werden. Solche Stereotype wirken nicht nur ausgrenzend und verletzend, sondern können Betroffene auch krank machen.

Gisela Enders aus Berlin, Coach und Beraterin, ist selten um eine Antwort verlegen. Aber es gibt Situationen, die machen auch sie sprachlos. Neulich kam sie aus einem Restaurant, als ein Mann ihr hinterherrief: "Was kommen denn hier für dicke Maschinen heraus!" Eine passende Antwort fiel Gisela Enders in diesem Moment nicht ein. Aber sie ärgert sich über diese Art der Diskriminierung, die sie – wie viele andere Menschen mit Übergewicht – im Alltag immer wieder erlebt.

"Dicke Menschen werden mit Vorurteilen belegt", sagt Gisela Enders. "Sie gelten in der Gesellschaft als träge, faul und dumm. Man wirft ihnen vor, dass sie ungesund leben, zu viel essen und sich zu wenig bewegen – nach dem Motto 'Von nichts kommt nichts'." Im Alltag nimmt die Berlinerin auch die Diskriminierung ohne Worte wahr: Der Sessel im Theater ist für sie zu klein, der Platz im Flugzeug zu eng, die Blicke anderer auf der Straße sprechen Bände. Gemeinsam mit einigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern hat sie in Berlin den bundesweiten Verein "Dicke" gegründet, der sich für die Akzeptanz dicker Menschen einsetzt, sie selbst ist Vorsitzende des Vereins.

In Deutschland gelten nach Angaben des Robert Koch-Instituts inzwischen zwei Drittel der Männer (67 Prozent) und rund die Hälfte der Frauen (53 Prozent) als übergewichtig. Etwa ein Viertel ist stark übergewichtig, also fettleibig oder adipös. Gerade diese Menschen sind einer Stigmatisierung im Alltag ausgesetzt.

Das bestätigt Anja Hilbert, Professorin für Verhaltensmedizin am "Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum AdipositasErkrankungen" in Leipzig: "Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hat eine negative Meinung von stark übergewichtigen Menschen. Sie gelten als faul, disziplinlos, dumm und selbst schuld an ihrem Übergewicht. Natürlich gibt es auch einige positive Zuschreibungen – Menschen mit Übergewicht seien gemütlich und nicht so schnell aus der Fassung zu bringen – aber diese positiven Attribute sind deutlich weniger ausgeprägt."

Stigmatisierung wirkt sich auf das Selbstwertgefühl aus

Die Stigmatisierung hat Folgen. Das konnte Anja Hilbert in einer Studie mit 1158 Teilnehmern ab 14 Jahren nachweisen. In der Erhebung der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig und des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums Adipositas-Erkrankungen zeigte sich, dass übergewichtige Menschen die Vorurteile von außen häufig annehmen, selbst glauben, dass sie weniger leistungsfähig, diszipliniert oder attraktiv sind. Das verringert die Selbstachtung der Betroffenen und kann zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Ängsten führen.

Gerade Menschen, die ein wenig ausgeprägtes Selbstbewusstsein haben, sind besonders angreifbar. "Wenn das negative Fremdbild zum Selbstbild wird, benötigen diese Menschen psychotherapeutische Hilfe, um das schädliche Selbststigma zu überwinden", so Anja Hilbert.

Neben den Folgen für die Psyche hat diese Art von Diskriminierung auch Folgen für die körperliche Gesundheit. Die Studienteilnehmer gaben an, dass sie sich körperlich weniger fit fühlten. Eine Motivation zum Abnehmen sind die Vorurteile der Gesellschaft dagegen nicht.

Diskriminierung im Beruf, beim Arzt und in Beziehungen

Für übergewichtige Menschen hat die Stigmatisierung Folgen für fast alle Bereiche des Lebens. Tendenziell haben dicke Menschen es im Berufsleben schwerer, finden nicht so leicht einen Partner oder meiden sogar den Arztbesuch, weil sie negative Kommentare fürchten. Studien aus den USA haben gezeigt, dass fettleibige Kinder in der Schule weniger gefördert werden als normalgewichtige, das betrifft vor allem Mädchen.

Anja Hilbert hat für eine Internetseite zum Adipositasstigma (siehe "Weitere Informationen") verletzende O-Töne gesammelt, die übergewichtigen Menschen im Alltag begegnen. Da heißt es beispielsweise: "Für den Empfang brauchen wir aber jemanden mit einem gepflegten Erscheinungsbild." Oder: "Mein erstes – und einziges – Blind-Date war eine Katastrophe, als er mich gesehen hat, ist er sofort wieder gegangen." Und: "Ich werde schon komisch angeschaut, wenn ich die Wocheneinkäufe erledige. Als würde ich das alles auf einmal essen ..."

Doch woher kommt diese gesellschaftliche Missachtung? Warum reagieren viele mit so ausgeprägten Vorurteilen? Dazu gibt es verschiedene Theorien. Am anerkanntesten ist die sogenannte Attributionstheorie, nach der in westlichen Gesellschaften übergewichtige Menschen allein selbst verantwortlich gemacht werden. Je stärker der eigene Einfluss eingeschätzt wird, desto negativer fällt dann das Urteil aus. "Wir wissen inzwischen aber, dass das Körpergewicht zu einem erheblichen Teil genetischen Einflüssen unterliegt", sagt Anja Hilbert. "Es ist schwer, dauerhaft abzunehmen. Der Entscheidungsspielraum ist nicht so groß, wie es uns die Medien mit ihren Vorher-Nachher-Darstellungen glauben lassen wollen."

Besser gewappnet sein

Es ist nicht einfach, sich bei verletzenden Bemerkungen zu behaupten. Diese Erfahrung hat auch Gisela Enders gemacht: "Sich zu wehren kostet oft viel Kraft, zumal man nicht davon ausgehen kann, dass andere einem helfen werden." Die Professorin Anja Hilbert rät dazu, sich bewusst mit den Stereotypen gegenüber dicken Menschen auseinanderzusetzen, um sich innerlich davon abzugrenzen und bei Beleidigungen stärker gewappnet zu sein. Adipositas-Programme müssten stärker auch auf dieses Thema eingehen, fordert sie.

Wichtig ist ebenso, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen – Wege, die auch "Dicke e.V." oder die "Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung" in Berlin gehen. Der Verein "Dicke" bietet beispielsweise einen Online-Kurs und einen Workshop dazu an. Übergewichtige lernen in dem Seminar, ein positives Körpergefühl zu entwickeln. Damit der Name Programm wird: "Wohl in meiner Haut."

Weitere Informationen
www.adipositasstigma.de
www.dicker-verein.de
www.gewichtsdiskriminierung.de

Stand: 04.01.2018