"Jetzt müsst Ihr euren Kriegsdienst leisten"

Vor 100 Jahren mobilisierte das deutsche Kaiserreich für den Ersten Weltkrieg – auch die Frauen

Von Stephanie Meyer-Steidl

"Nun danket alle Gott" tönt es aus Tausenden Kehlen. Arme werden in die Höhe gereckt, Hüte geschwenkt, die Menge wogt und taumelt vor Begeisterung. Es ist der 1. August 1914, kurz nach 17 Uhr, auf dem Platz vor dem Berliner Stadtschloss. Soeben ist ein Offizier erschienen und hat die Mobilmachung gegen Russland verkündet.

Deutschland befindet sich im Krieg. Die Mehrheit der Deutschen befürwortet ihn und kann den Beginn der Kampfhandlungen kaum erwarten. Bis Weihnachten werde der Feind besiegt sein – das ist die einhellige Überzeugung. Viele junge Männer melden sich freiwillig für den Fronteinsatz und wollen sich bewähren im Dienst für Volk und Vaterland. "Der Krieg ... schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen", schreibt der Schriftsteller Ernst Jünger 1920 in seinem Roman "In Stahlgewittern". Über Partei-, Standes- und Religionsgrenzen hinweg eint die Kriegsbegeisterung fast alle Deutschen. Was für den militärischen Erfolg dienlich scheint, wird mobilisiert. Darunter auch die Frauen. Ihre weitreichende Bedeutung für die Truppenmoral und die damit verbundene Rolle an der "Heimatfront" werden schnell erkannt. Der Staat ruft die daheim gebliebenen Ehefrauen, Mütter und Schwestern dazu auf, die Helden im Feld "caritativ und sozial" zu unterstützen.

Um die Frauen möglichst flächendeckend für die "soziale Kriegshilfe" aktivieren zu können, gründen auf Initiative der Frauenrechtlerin und Politikerin Gertrud Bäumer die führenden Vertreterinnen der bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauenbewegung kurz nach Kriegsbeginn den "Nationalen Frauendienst". In bis dahin nicht gekannter Eintracht arbeiten darin fast alle deutschen Frauenvereine zusammen, ob sozialdemokratisch, evangelisch oder katholisch. Sie kümmern sich um Wohlfahrtspflege und unterstützen Schwangere und Familien, deren Männer im Krieg sind. Sie organisieren Volksküchen und Nähstuben für Lazarett- und Bettwäsche, für Strümpfe und Pulswärmer und rufen zur Sparsamkeit auf. Gertrud Bäumer bezeichnet dieses Engagement als "Heimatdienst" und als die "Kriegsübersetzung des Wortes Frauenbewegung".

Pazifistisch gesonnene Stimmen wie die von Anita Augspurg, Juristin und Frauenrechtlerin, oder die der Sozialistin Clara Zetkin finden in der aufgeheizten Stimmung der ersten beiden Kriegsjahre nur wenig Gehör, Friedensaktivisten erhalten Versammlungs- und Schreibverbot. Flugblätter wie das der Münchner Lehrerin Maria Zehetmaier, in dem sie den Krieg als "mit allen Mitteln einer perversen Technik ausgeführten, grausamen Massenmord" anprangert, werden kaum wahrgenommen. Die Zensur eliminiert Widerstand sofort.

Ganz klar: Der "Nationale Frauendienst" will im Rahmen seiner Möglichkeiten zum Sieg beitragen. Über das direkte soziale Engagement hinaus erhoffen sich die Frauen jedoch noch etwas anderes. Sie wollen beweisen, zu welchen Leistungen das weibliche Geschlecht in dieser außergewöhnlichen Situation fähig ist. Durch ihr Engagement für das nationale Kriegs-Projekt anerkannt, hoffen sie, in ihren Forderungen nach gleichen politischen Rechten einen bedeutenden Schritt weiter voranzukommen.

Und eine Chance zur Bewährung scheint sich auch aufzutun: Unzählige Arbeitsplätze sind verwaist, weil die Männer kämpfen oder bereits gefallen sind. Aus dieser Not heraus öffnen sich für Frauen Berufsfelder, die bis dahin nur Männern vorbehalten waren. Seit 1914 arbeiten Frauen in Industriebetrieben, in der Verwaltung und in Banken. Im Oktober 1915 stellen die Verkehrsbetriebe in München die erste Straßenbahn-Schaffnerin ihrer Geschichte ein. 

In Österreich gestattet der Kaiser im Jahr 1917 sogar die Gründung eines freiwilligen weiblichen Hilfskorps. Tausende Frauen übernehmen daraufhin militärische Hilfsfunktionen und bringen Kriegsmaterialien, Lebensmittel und Medikamente zu den kämpfenden Truppen. Frauen sind als Briefträgerinnen tätig, als Pförtnerinnen, aber auch als Weichenstellerinnen und Streckenarbeiterinnen. Oft ist diese Arbeit hart und körperlich so anstrengend, dass viele vor Hunger und Erschöpfung zusammenbrechen. Arbeitsschutz gibt es so gut wie keinen, der Lohn ist durchweg niedrig, die Arbeitszeiten betragen bis zu zwölf Stunden.

Lange ging man davon aus, dass der Krieg mit der zwar erzwungenen, aber neuen Form von Erwerbstätigkeit positiv auf die Emanzipation gewirkt habe. Doch wie neuere Forschungen zeigen, handelte es sich bei den "Kriegsarbeiterinnen" zu einem großen Teil um die gleichen Frauen, die auch zuvor schon in Lohn und Brot gestanden hatten. Ein signifikanter Anstieg von Frauenerwerbsarbeit lässt sich nicht feststellen. Dennoch muss die Ausweitung der beruflichen Möglichkeiten für manche Frauen emanzipatorischen Charakter gehabt haben. Dass das daraus resultierende neue weibliche Selbstbewusstsein Ängste weckte, zeigt das Schreiben eines Mitglieds der Heeresleitung an den damaligen Reichskanzler aus dem Jahr 1916: "Es ist ... zutreffend, daß die Frauenarbeit nicht überschätzt werden darf. Fast die ganze geistige Arbeit, die schwere körperliche, sowie alle eigentlich erzeugende Arbeit werden nach wie vor auf den Männern lasten ... Es wäre gut, wenn ... der weiblichen Agitation auf Gleichstellung in allen Berufen, und damit natürlich auch in politischer Beziehung, ein Riegel vorgeschoben würde ... Wir brauchen nach dem Kriege die Frau als Gattin und Mutter."

1917 und 1918 versucht der "Nationale Frauendienst", vermehrt weibliche Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie anzuwerben. Doch je länger der Krieg dauert, desto weniger Frauen melden sich für die gefährliche und schlecht bezahlte Arbeit in den Munitionsfabriken. Inzwischen ist die Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung abgeflaut. Immer mehr Tote sind zu beklagen, Not und Elend greifen um sich, die Lebensmittel sind knapp. Viele von Mangelwirtschaft, Kindererziehung und der Last ihres Alltags zermürbte Frauen aus der Arbeiterschicht schließen sich daher der Antikriegsbewegung in den letzten beiden Kriegsjahren an.

Als die Männer aus dem Krieg zurückkehren, überlassen die Frauen ihnen zwar in den meisten Fällen ihre Arbeitsplätze wieder. Doch der Aufbruch in andere Zeiten ist nicht mehr zu stoppen: Die Kapitulation und Revolution vom November 1918 bringen mit der Abschaffung der Monarchie in Deutschland auch das schon lange vor 1914 geforderte Frauenwahlrecht hervor. Frauen sind damit als vollwertige Staatsbürgerinnen anerkannt – eine bedeutsame Errungenschaft.

1914 hat sich ein großer Teil der Frauen im deutschen Kaiserreich von der Kriegseuphorie mitreißen lassen. Spätestens 1918 tritt an die Stelle von Enthusiasmus und Einsatzbereitschaft das Entsetzen über einen Krieg, wie ihn die Menschheit zuvor noch nie gesehen hat. Dass zwanzig Jahre später eine weitere Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes die Welt in Brand setzen wird, können sie nicht ahnen.

"Mütter, haltet die Zügel fest!"

Unter dieser Überschrift rief auch diese Zeitschrift – damals hieß "Frau und Mutter" noch "Die Mutter. Monatsschrift für katholische Frauen" – in ihrem fünften Jahrgang im September 1914 die Frauen in die Pflicht: 

"Die Männer sind draußen im Feld, vor dem Feind. Das Hauswesen und Geschäft liegt der Mutter allein ob. Sie hat keine starke Hand, die ihr hilft. Sie muss es jetzt allein machen. Darum einige wohlgemeinte Ratschläge:

  • Haltet das Geschäft aufrecht, wenn es eben geht. Die Frauen sind jetzt zum Teil unsere Hoffnung. Habt ihr mit dem Mann gearbeitet, so werdet ihr etwas vom Geschäft verstehen, genug, um es über Wasser zu halten. Wenn ihr auch nicht viel verdient, vielleicht nicht einmal genug zum Sattessen: ihr habt wenigstens Arbeit, die hilft euch über Trübsinn und sonstige Schwierigkeiten hinweg.
  • Habt ihr kein Geschäft, so bemüht euch sonst Arbeit zu finden. Vielleicht wird es den Hilfsämtern möglich, euch Arbeit zu beschaffen. Strümpfe stricken, Nähen, vielleicht leichtere landwirtschaftliche Arbeit im Garten oder Feld gibt´s immer noch. Wahrscheinlich wird auch in der Industrie sich bald wieder Arbeitsgelegenheit bieten und ihre zweckmäßige Verteilung durch die Hilfsämter oder Arbeitsnachweise organisiert.
  • Erzieht eure Kinder! Sie dürfen nicht verwildern. Betet mit ihnen, gebt ihnen Beschäftigung, sei es im Spiel, sei es in der Arbeit. Lasst sie euch nicht über den Kopf wachsen. Haltet strenge Zucht unter ihnen, besonders auch unter den Heranwachsenden. Wisst ihr allein nicht zurechtzukommen, so werdet ihr wohl im Kreise eurer Bekannten Rat und Hilfe finden. Vielleicht können die Seelsorger und Lehrer euch an die Hand gehen."
Stand: 04.01.2018