Krankheit des Alters

Vor 150 Jahren wurde Alois Alzheimer geboren

Von Stephanie Meyer-Steidl

Es ist ein Wort, das Angst einjagt, laut einer aktuellen Umfrage fast jedem zweiten Deutschen: Alzheimer. Das A-Wort ist zum Schrecken einer langlebigen Gesellschaft geworden. Denn das Leiden, das diesen Namen trägt, hat mittlerweile die Ausmaße einer Volkskrankheit angenommen.

Hierzulande ist etwa eine Million Menschen von Alzheimer betroffen. Es ist eine Krankheit des Alters, die meisten haben das 85. Lebensjahr überschritten. Jenseits des 90. erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für diese Form der Demenz auf über 40 Prozent. Und mit der weiter steigenden Lebenserwartung wird es künftig immer mehr Erkrankte geben. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Häufigkeit zunimmt", bestätigt der Internist Michael Büttner. In seiner Praxis in der Nähe von Landsberg ist die Zahl der Patienten in den letzten Jahren ebenfalls gestiegen und liegt im zweistelligen Bereich. Doch nicht bei jeder Art von geistigem Verfall und Demenz liege sofort auch eine Alzheimer-Erkrankung vor, betont Büttner.

Demenz – wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet das Wort "ohne Verstand" – bezeichnet einen Zustand, in dem verschiedene Bereiche des Gehirns durch krankhafte Veränderungen in ihrer Leistung beeinträchtigt sind. Unterschiedliche Ursachen können einer Demenz zugrunde liegen, die häufigste ist die Alzheimer-Erkrankung. Sie geht einher mit charakteristischen Ablagerungen im Gehirn, den sogenannten Plaques. Neben anderen Faktoren sind diese Plaques wahrscheinlich verantwortlich für die Zerstörung von Nervenzellen und Nervenzellenkontakten. Mit der Zeit führt der Zerfall zu Gedächtnis- und Orientierungsstörungen, zur Verminderung des Sprachvermögens und zu Persönlichkeitsveränderungen. An dieser spezifischen Form von Demenz leiden circa zwei Drittel aller Betroffenen: Rund 60 Prozent der Dementen haben also Alzheimer.

Erstmals wissenschaftlich eingeordnet wurde die Krankheit von dem Arzt und Neurologen Alois Alzheimer. Geboren am 14. Juni 1864 im unterfränkischen Marktbreit, studierte Alzheimer Medizin und arbeitete zunächst in der "Städtischen Heilanstalt für Irre und Epileptische" in Frankfurt am Main. In den Folgejahren beschäftigte er sich intensiv mit dem menschlichen Gehirn und veröffentlichte dazu einige Forschungsarbeiten. Seit 1902 war er an der Psychiatrischen Klinik in München tätig, leitete dort das hirnanatomische Labor.

In einem Vortrag vor Fachkollegen Ende des Jahres 1906 stellte er das Krankheitsbild von Auguste Deter vor, einer kurz zuvor im Alter von 55 Jahren verstorbenen Patientin. Als Auguste D. sollte sie in die Geschichte eingehen. Die von ihr erhaltenen Bilder zeigen eine verhärmte Frau mit verlorenem Blick und einem von tiefen Falten durchfurchten Gesicht. Alois Alzheimer hatte mehrere Gespräche mit ihr geführt und eine umfangreiche Krankenakte angelegt. Demnach litt Auguste D. unter massivem Gedächtnisschwund und Halluzinationen, sie wusste ihren eigenen Namen nicht mehr und war nicht fähig, ihren Mann zu erkennen. Nach ihrem Tod fanden sich bei der Obduktion im Gehirn auffällige Ablagerungen, die Hirnrinde und Bestandteile der Nervenzellen wiesen starke Veränderungen auf. Für Alzheimer waren diese Beobachtungen neu und wiesen auf eine bis dahin wissenschaftlich noch nicht klassifizierte Erkrankung hin.

Es war ein Meilenstein in der medizinischen Forschung. Später sollte diese Entdeckung nach ihm benannt werden: "Morbus Alzheimer". 1915 starb Alois Alzheimer im Alter von 51 Jahren an den Folgen einer schweren Infektion. Seine Methoden zur Diagnostik der nach ihm benannten Krankheit werden auch 100 Jahre später zum Teil immer noch angewandt.

Doch damals wie heute gilt: Für Morbus Alzheimer gibt es noch keine Heilung. Der Verlust von Nervenzellen ist mit Medikamenten nicht zu stoppen oder gar rückgängig zu machen. Zwar arbeitet die pharmazeutische Industrie fieberhaft an neuen Tabletten, Therapien oder Impfungen. Doch nach anfänglicher Euphorie erwiesen sich die frisch entwickelten Präparate in der Vergangenheit bald stets als nicht wirksam. Alzheimer schien und scheint unbezwingbar. Dazu passend vermeldete im Jahr 2012 die "Süddeutsche Zeitung" sogar das "Ende der Alzheimer-Forschung".

Trotz aller Rückschläge geht die Suche aber weiter, und in regelmäßigen Abständen sorgen Nachrichten über – vermeintliche – Erfolge für Furore. Beispielsweise im März dieses Jahres, als US-Forscher über einen neu entwickelten Bluttest informierten, mit dem sich die Krankheit angeblich zu 90 Prozent vorhersagen lasse.

Über die Ursachen für den Ausbruch von Morbus Alzheimer ist sich die Wissenschaft uneins. Immer wieder genannt werden Gefäßverkalkung, Herz-Kreislauf-Leiden oder auch zu starke Belastungen mit Substanzen wie Aluminium. Handfeste Beweise gibt es dafür allerdings nicht.

Und lässt sich vorbeugend etwas tun gegen die Krankheit des Vergessens? "Bluthochdruck ist wohl ein wesentlicher Risikofaktor für Demenz. Den Blutdruck entsprechend einzustellen, scheint als vorbeugende Maßnahme am ehesten geeignet zu sein", sagt Internist Michael Büttner. "Ansonsten sind körperliche Aktivität, eine geistig anregende Freizeitgestaltung und soziale Kontakte zu empfehlen." Die Wirksamkeit von bestimmten Nahrungsmitteln oder Vitaminzusätzen sei dagegen bisher nur wenig belegt. Gegenüber der Meldung einer deutsch-französischen Forschergruppe, die im April dieses Jahres Koffein als neue Wunderwaffe gegen die Ablagerungen im Gehirn feierte, zeigt sich Büttner skeptisch: "Wer gerne Kaffee trinkt, soll das weiterhin tun. Ob Koffein tatsächlich gegen Demenz vorbeugen kann, muss sich erst noch erweisen."

Wenn die Krankheit erst einmal ausgebrochen ist, gilt es, so gut wie möglich damit umzugehen. Annehmen statt verleugnen sei der erste Schritt, so die Empfehlung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Und sich so weit wie möglich auf den Kranken einzulassen, herauszufinden, was noch geht – und was nicht. In seinem lesenswerten Buch "Die magische Welt von Alzheimer" erzählt der Autor und Psychogerontologe Huub Buijssen von seinen Erfahrungen mit Alzheimer in der eigenen Familie. Er würdigt die Betroffenen in ihrem Anders-Sein und versucht, die Angst vor der Krankheit zu lindern, ja, ihr sogar positive Seiten abzugewinnen. "Das Verhalten von Dementen hat eine Bedeutung", schreibt Buijssen. Unverstellt und frei von Benimmregeln seien ihre Gefühlsäußerungen, und in dieser Phase des Lebens, die stark der eines Kleinkindes ähnele, gehe es um die elementarsten Dinge überhaupt: um Angst und Trost, um Traurigkeit und Freude, um Liebe und Zuneigung. "Demente Menschen sind die Dolmetscher dessen, was auch uns im Innersten antreibt und was auch wir am meisten wollen." Damit forderten sie ihr Gegenüber heraus und könnten zu Lehrmeistern werden: "Ein dementer Mensch verschafft uns einen Einblick in unsere eigene Seele."

Literatur
Huub Buijssen: Die magische Welt von Alzheimer. 25 Tipps, die das Leben mit Demenzkranken leichter und erfüllter machen, Beltz Verlag
Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil, dtv
Sarah Leavitt: Das große Durcheinander. Alzheimer, meine Mutter und ich, Beltz Verlag

DVD Vergiss mein nicht. Ein Film von David Sieveking (2013)

Stand: 04.01.2018