Frauen und Rente

Erwerbsbiografien sorgen oft nicht ausreichend für das Alter

Von Katrin Raith

Margot Mester (Name von der Redaktion geändert) nimmt sich einen Apfel, Salat und etwas Brot aus der Kiste, sorgfältig verstaut sie die Lebensmittel in ihrem alten Rollwagen. Einmal die Woche verteilt die Tafel des Seniorennetzwerks Sülz im wohlhabenden Kölner Westen Lebensmittel – ausschließlich an bedürftige Senioren. Bis zu 35 Frauen und Männer kommen, längst gibt es eine Vormerkliste. Auch diesmal hat sich vor der Tür eine Schlange gebildet, geduldig warten die Menschen, reden wollen die meisten nicht.

"Wer gibt schon gerne zu, dass er arm ist", flüstert Margot Mester. Sie bekommt 408 Euro Rente, dazu Grundsicherung. Wenn Miete, Strom, Heizung und Telefon bezahlt sind, bleibt kaum etwas übrig. Pullover und Hose hat die 74-Jährige aus der Kleiderkammer, die Haare macht sie sich selbst, und zu essen gäbe es ohne die Tafel nur das Nötigste. Eigentlich bräuchte sie wegen ihrer wunden Füße Schuhe mit Einlagen, aber die sind teuer. Sie trägt Gummi-Clogs – auch jetzt, mitten im Winter.

Wie viele Frauen ihrer Generation hat sie sich darauf verlassen, dass ihr Mann für sie sorgt. 30 Jahre hat sie in seinem Geschäft gearbeitet, die Tochter großgezogen und die Schwiegereltern gepflegt. Dann ließ er sich scheiden, und sie blieb ohne Absicherung zurück. "Wie dumm wir damals waren", bedauert Mester. Heute leidet sie vor allem unter den eintönigen Tagen, der Einsamkeit: "Ich kann nichts unternehmen. Für alles braucht man Geld: Selbst der Kaffee im Seniorenkreis kostet einen Euro, aber den habe ich nicht." Eigentlich lohne es sich nicht, morgens aufzustehen, flüstert sie.

Margot Mester ist kein Einzelfall: Ende 2012 waren knapp eine halbe Million Frauen und Männer über 65 Jahre auf die sogenannte Grundsicherung im Alter angewiesen. Damit hat sich die Zahl der Bedürftigen innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Tatsächlich dürften es noch weit mehr sein: Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung vom September 2012 ging davon aus, dass 68 Prozent der Rentner, die Anspruch auf diese Leistung hätten, aus Scham, Angst oder Unkenntnis erst gar keine staatliche Unterstützung beantragten.

Altersarmut trifft insbesondere Frauen in den alten Bundesländern. "Mit weniger als 500 Euro monatlich ist die gesetzliche Rente von Frauen dort im Durchschnitt halb so groß wie die von Männern", sagt Edda Schliepack, Bundesfrauensprecherin des Sozialverbandes Deutschland (SoVD). Das liege an der typischen Erwerbsbiografie von Frauen: "Sie zahlen eben nicht ein Leben lang voll in die Rentenkassen ein, weil sie für die Kinder aussetzen, Teilzeit arbeiten oder mit Minijob nur dazuverdienen." Hinzu komme, dass Frauen oft in besonders schlecht bezahlten Berufen arbeiteten, dem sogenannten Niedriglohnsektor. Wer wenig einzahle, bekomme auch nur wenig heraus.

Daher treffen die Rentenkürzungen der vergangenen Jahre diese Frauen besonders, denn die gesetzliche Rente ist noch immer das Haupteinkommen im Alter. Eine private Zusatzvorsorge können sich gerade diejenigen, für die es besonders wichtig wäre, nicht leisten: "Wer als Friseurin einen Hungerlohn bekommt oder sich als Alleinerziehende mit zwei Kindern durchschlägt, der kann nichts für die Riester-Rente abknapsen", betont Edda Schliepack. Da wird es dann eng im Alter.

Durch ihre Arbeit weiß auch Kerstin Noell, dass niemand vor der Altersarmut gefeit ist und keineswegs nur bildungsferne Schichten betroffen sind. Noell ist Seniorenberaterin bei der Diakonie in Köln. "Das geht manchmal ganz schnell. Krankheit, Tod des Partners, aber auch immer höhere Mieten machen arm", sagt sie. Sie erfährt in ihren Gesprächen täglich, wie oft das Geld knapp ist. „Was in der Rentendebatte zu wenig berücksichtigt wird, sind die steigenden Kosten im Alter“, findet Noell. "Wenn Sie alt sind, müssen Sie mehr für Gesundheit und Pflege ausgeben. Sie brauchen vielleicht eine Hilfe im Haushalt oder Geld für Taxifahrten, weil Sie nicht mehr so mobil sind." Zum Problem würden zunehmend auch die steigenden Energiekosten: "Ich betreue einige Ältere, die heizen nur ein einziges Zimmer in ihrer Wohnung aus Angst vor der nächsten Abrechnung. Das finde ich wirklich tragisch."

Inzwischen hat auch die Politik das Thema als große Herausforderung entdeckt. Das zeigt der Koalitionsvertrag, in dem die neue Regierung unter anderem die Mütterrente festschreibt. Höchste Zeit, wie Edda Schliepack vom Sozialverband Deutschland findet: "In Zukunft werden immer mehr Ältere mit einem äußerst niedrigen Einkommen zurechtkommen müssen." Nötig sei eine umfassende Reform des Rentensystems, die auch Frauen gerecht werde. So wie die sogenannte Mütter-Rente.

Diese sieht höhere Bezüge für Mütter von vor 1992 geborenen Kindern vor. Zwei statt einem Rentenpunkt wird für Erziehungszeiten gutgeschrieben. 28,14 Euro monatlich pro Kind macht das aus für Frauen im Westen, 25,74 Euro für Frauen im Osten. Von einer "Frage der Gerechtigkeit" spricht Schliepack: "Gerade jene Frauen der Nachkriegsgeneration verdienen Unterstützung. Sie haben oft mehrere Kinder geboren, mussten zuhause bleiben, weil sie keine Alternative hatten." Ziel bleibe aber die völlige Angleichung mit jüngeren Müttern. Denn Frauen, die ab 1992 Kinder entbunden haben, erhalten immer noch mehr, nämlich drei Rentenpunkte.

Auch Ruth Brand, stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, bei der auch die kfd Mitgliedsverband ist, hält die "Mütterrente" für wichtig, da sie der besonderen Erwerbsbiografie von Frauen Rechnung trägt: "Es heißt doch immer, die Rente solle die ‚Lebensleistung‘ würdigen." Von anderen Konzepten wie der abschlagsfreien Rente mit 63 Jahren profitierten Frauen dagegen nur wenig. Brand: "Da wird stets vorausgesetzt, dass 35, 40, 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt wird." Sie halte es daher für sinnvoller, die gesetzliche Rentenversicherung zu stärken und die betriebliche Altersvorsorge auszubauen.

Einig sind sich Ruth Brand und Edda Schliepack darin, dass zudem die Hauptursache der Altersarmut von Frauen bekämpft werden muss. Schliepack: "Frauen sollten im Erwerbsleben von ihrem Lohn leben können und im Alter von ihrer Rente." Dabei betont Ruth Brand, 85 Jahre alt: "Frauen dürfen nicht darauf vertrauen, dass andere es für sie richten, weder Staat noch Ehemann. Sie müssen selbst vorsorgen, um im Alter eigenständig abgesichert zu sein."

Mobilisierung hatte Erfolg: kfd-Mitglieder haben Mütterrente den Weg bereitet

Düsseldorf. Dass die Rente für Frauen, die vor 1992 Kinder geboren haben, noch in diesem Jahr um einen Rentenpunkt angehoben werden soll, wertet der kfd-Bundesverband auch als seinen Erfolg. "Die Mobilisierung unserer Mitglieder hat der Diskussion um die Mütterrenten den entscheidenden Impuls gegeben", ist sich Bundesvorsitzende Maria Theresia Opladen sicher. Bereits 2012 hatte die kfd gemeinsam mit dem Katholischen Deutschen Frauenbund eine entsprechende Unterschriftenaktion durchgeführt, an der sich mehr als 202.000 Menschen beteiligten.

Nach der Bundestagswahl im vergangenen September startete die kfd gemeinsam mit anderen katholischen Verbänden eine Postkartenaktion und rief ihre Mitglieder auf, sich an ihre Bundestagsabgeordneten zu wenden. Insgesamt mehr als 390.000 Postkarten waren abgerufen worden – davon 190.000 von kfd-Mitgliedern. Mit den Karten warben die Absenderinnen darum, sich für eine Rentenreform einzusetzen, die Altersarmut verhindert, das solidarische, leistungsbezogene System stärkt und Erziehungs- und Pflegezeiten besser anerkennt.

In ihrem Positionspapier "Gleichstellung von Frauen und Männern im Lebensverlauf" setzt sich die kfd ein für "eine deutliche Aufwertung der Rentenanwartschaften für die Pflege von Angehörigen. Das heißt, einen Rentenpunkt pro Jahr Pflege unabhängig von der Pflegestufe. Diese Rentenanwartschaften sind auch nach Eintritt ins Rentenalter anzurechnen." Im Koalitionsvertrag steht nun zwar der Satz: "Wir werden prüfen, ob die Anrechnung von Pflegezeiten in der Rentenversicherung verbessert werden kann", aber keine konkrete Zusage.

Trotzdem: "Die Verankerung der Mütterrente im Koalitionsvertrag von Union und SPD ist nicht nur ein wichtiger Schritt hin zu mehr Generationengerechtigkeit", so Maria Theresia Opladen. "Die Angleichung der Rentenanwartschaften für Kinder, die vor 1992 geboren wurden, verhindert auch die Altersarmut vieler Frauen, die in den nächsten Jahren in Rente gehen. Wir werten dies als einen großen Erfolg unserer Bemühungen." red

Stand: 04.01.2018