"Ich war fremd – ihr habt mich aufgenommen" (Mt 25,35)


2013 kommt die Weltgebetstagsliturgie aus dem Nachbarland Frankreich

Frankreich und Deutschland: Dass beide Staaten heute eine der wichtigsten Achsen der europäischen Gemeinschaft bilden und dass sie seit 60 Jahren zunächst der Wille zur Versöhnung und später eine echte Freundschaft verbinden würden, war bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts undenkbar. Der Weltgebetstag ist eine gute Gelegenheit, das Nachbarland und seine Eigenheiten etwas besser kennenzulernen.
Auf den folgenden Seiten präsentiert sich Frankreich mit zwei maßgeblichen Unterschieden zur deutschen Staatsordnung und Gesellschaft. Frankreich, wo rund 65 Prozent der Bevölkerung römisch-katholisch sind, ist ein laizistischer Staat, das heißt, dass Kirche und Staat strikt getrennt sind. Welche Herausforderungen und Chancen darin liegen, beleuchtet der Text "In der Schwäche liegt die Kraft".

Frankreich war stärker als Deutschland Kolonialmacht, Einwanderung und Integration sind deshalb noch wesentlicher für die Gesellschaft als in Deutschland. Davon handelt der Artikel "Zwischen Scheitern und Gelingen".

Was bedeutet es, Vertrautes zu verlassen und "fremd" zu sein? Diese Frage stellten sich zwölf Französinnen aus sechs christlichen Konfessionen, die den Gottesdienst zum diesjährigen Weltgebetstag mit dem Zitat aus der Gerichtsrede (Mt 25,35) überschrieben haben: "Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen".

Artikel 1

Zwischen Scheitern und Gelingen: Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zu integrieren, ist für das Einwanderungsland  Frankreich eine ständige Herausforderung

Von Marcus Engler

In den vergangenen  Jahrzehnten hat die Zuwanderung in Frankreich kontinuierlich zugenommen und die Gesellschaft nachhaltig beeinflusst. Doch diese Entwicklung verläuft nicht ohne Konflikte – das zeigen Wahlerfolge rechtsextremer Parteien ebenso wie Unruhen in den Vororten. Unter der neuen sozialistischen Regierung steht die Einwanderungs- und Integrationspolitik vor einem Umbruch.

Aus dem französischen Alltag sind die Einflüsse der Zuwanderung nicht wegzudenken. Die meisten Spieler der französischen Nationalmannschaft, die bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 im eigenen Land den Titel holte, stammten aus Einwandererfamilien. Im Jahr 2007 wurde Rachida Dati zur ersten Ministerin mit Migrationshintergrund ernannt und der Geschichte der Migration in Paris ein eigenes Museum errichtet. Zuwanderer und ihre Nachfahren prägen dieses Land in allen Bereichen.

Historische Entwicklung
Die Einwanderung nach Frankreich ist eng verbunden mit der Kolonialgeschichte früherer Jahrhunderte sowie einer langen Tradition der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Bereits im 18. und 19. Jahrhundert kam es im Zuge der Industrialisierung zu einem Mangel an Arbeitskräften. Der Deutsch-Französische Krieg (1870/71) und der Erste Weltkrieg (1914 bis 1918) verschärften die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Allein im Ersten Weltkrieg verloren 1,4 Millionen Franzosen ihr Leben oder waren fortan arbeitsunfähig.

Um diesen Mangel auszugleichen, schloss Frankreich unter anderem mit Italien, Polen, der Tschechoslowakei und Spanien Anwerbeabkommen. Zu Beginn der 30er-Jahre war Frankreich nach den USA – gemessen in absoluten Zahlen – das zweitwichtigste Einwanderungsland der Welt. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Wirtschaftsaufschwungs der 50er- und 60er-Jahre warb Frankreich erneut – überwiegend männliche – Arbeitskräfte aus Südeuropa und dem Maghreb an. Gleichzeitig verstärkte sich die Einwanderung aus den mittlerweile unabhängig gewordenen Kolonien. In der Wirtschaftskrise der frühen 70er-Jahre stoppte Frankreich – ebenso wie die anderen Industrieländer – alle derartigen Programme. Doch die Einwanderung nahm nicht ab, da viele Migranten ihre Familien nachholten. Die Familienzusammenführung ist seitdem die zahlenmäßig wichtigste Form der Zuwanderung.

Während lange die meisten der Einwanderer aus Europa kamen, bilden seit Mitte der 2000er-Jahre Menschen aus Algerien, Marokko und Tunesien die größte Ausländergruppe. Deutlich zugenommen hat auch die Zuwanderung aus Asien mit der Türkei an der Spitze. Mit einer Nettozuwanderung von derzeit etwa 75.000 Personen jährlich trägt die Migration zum Wachstum der Bevölkerung bei.

Aktuelle Zahlen
Nach Zahlen aus dem Jahr 2008 leben 5,34 Millionen Einwanderer – definiert als im Ausland geborene Ausländer – in Frankreich (8,4 Prozent der Gesamtbevölkerung). Davon haben 2,17 Millionen die französische Staatsbürgerschaft angenommen. Die Zweite Generation – in Frankreich Geborene mit mindestens einem eingewanderten Elternteil – besitzt fast durchweg die französische Staatsangehörigkeit.

Arbeitsmarkt
Auf dem Arbeitsmarkt sind die Zuwanderer und ihre Nachkommen noch immer erheblich benachteiligt. 2009 lag die Arbeitslosenquote bei neun Prozent für Nichteinwanderer und bei 16 Prozent für Einwanderer. Die Zweite Generation ist ebenfalls stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. Auch Migrantinnen haben einen deutlich geringeren Anteil am Arbeitsmarkt als nichteingewanderte Frauen mit vergleichbarem Alter, Bildungsniveau und ähnlicher Familiensituation. Mit ein Grund dafür, warum Einwandererfamilien über ein geringeres Haushaltseinkommen verfügen und häufiger von Armut betroffen sind als französische Familien.

Bildung
18 Prozent der Zweiten Generation, die zwischen 20 und 35 Jahre alt und in Frankreich zur Schule gegangen sind, haben keinen Schulabschluss. Bei Franzosen ohne Migrationshintergrund sind es elf Prozent.

Einwanderungspolitik
Der konservative Präsident Nicolas Sarkozy und seine Regierung (2007 bis 2012) waren in den vergangenen Jahren im In- und Ausland immer wieder für ihre restriktive und populistische Einwanderungs- und Integrationspolitik kritisiert worden. Unter Sarkozy wurde unter anderem die Burka verboten, die Abschiebepolitik verschärft und der Familiennachzug erschwert. In den Vororten gab es zudem immer wieder Konflikte, für die Sarkozy durch sein zum Teil provokatives Auftreten mitverantwortlich gemacht wurde.
Seit Mai 2012 hat Frankreich eine neue Regierung. Nach der Wahl des Sozialisten François Hollande zum Staatspräsidenten errang seine Partei auch im Parlament die Mehrheit und bildet zusammen mit den Grünen und zwei Linksparteien eine Koalition. Der Neustart in der Einwanderungs- und Integrationspolitik wird wahrscheinlich nicht so radikal ausfallen, wie dies viele erhofft haben. Große Veränderungen sind allein wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise nicht zu erwarten. Zentrales Wahlversprechen der Sozialisten im Bereich der Integrationspolitik ist die Einführung des kommunalen Wahlrechts auch für Nicht-EU-Ausländer, die seit mindestens fünf Jahren in Frankreich leben. Dafür muss allerdings die Verfassung geändert werden. Bereits im Oktober 2012 wurde die Einbürgerung erleichtert: Einbürgerungswillige brauchen nun nicht mehr unbedingt einen unbefristeten Arbeitsvertrag, Personen über 65 Jahre müssen keinen Sprachtest mehr bestehen, und der reguläre Mindestaufenthalt wurde wieder von zehn auf fünf Jahre verkürzt.

Herausforderung Islam
Spätestens seit Mitte der 80er-Jahre gibt es Debatten um die Integration von Zuwanderern – insbesondere aus den Maghreb-Staaten – und über die Grenzen des republikanischen Integrationsmodells. Parallel dazu hat sich das Spannungsverhältnis zwischen den republikanisch-glaubensneutralen Werten und dem Recht auf freie Religionsausübung weiter verstärkt und ist zu einem zentralen Streitthema geworden. Inzwischen lebt in Frankreich die größte islamische Gemeinde der EU mit etwa fünf Millionen Muslimen. 2004 wurde ein Gesetz zum Verbot religiöser Zeichen in Schulen verabschiedet. Danach sind „betont auffällige“ Symbole aller Religionen an Schulen und in öffentlichen Einrichtungen verboten. Darunter fällt auch das Tragen von Kopftüchern, das die Diskussionen ausgelöst hatte.
Für Schlagzeilen und heftige Diskussionen sorgte ein im Jahr 2011 in Kraft getretenes Gesetz, das die Vollverschleierung in der Öffentlichkeit unter Strafe stellt. Schätzungen gehen davon aus, dass in Frankreich rund 2000 Frauen leben, die eine Vollverschleierung tragen. Gegner des Gesetzes sehen in ihm einen Verstoß gegen die Religions- und Meinungsfreiheit.

Brennpunkt Vorstadt
Im Herbst 2005 hielt eine Serie gewalttätiger Ausschreitungen in den Banlieues, den Vorstädten, die Nation in Atem. Diese sind seitdem – wenngleich mit geringerer Intensität – immer wieder aufgeflammt. Doch die Unruhen waren nur der sichtbarste Ausdruck für die Probleme der von hoher Arbeitslosigkeit und geringem Bildungsniveau geprägten Banlieues. Eine zentrale Herausforderung für Politik und Gesellschaft besteht also weiterhin darin, die soziale und ökonomische Benachteiligung der Migranten und ihrer Nachkommen in den Vorstädten zu überwinden – bisherige Maßnahmen erzielten kaum Erfolge.


Artikel 2

In der Schwäche liegt die Kraft: Die katholische Kirche in Frankreich ist nahezu besitzlos – und braucht deshalb die Armut nicht zu fürchten

Von Hadwig Müller

Ungeheizt, alt und schlecht beleuchtet,  wenige Besucher, schwacher Gesang, Lieder, die auf lose gehefteten Blättern nicht zu finden sind. So spartanisch und improvisiert geht es meistens zu in französischen Gotteshäusern. Verlockend und einladend wirkt das nicht gerade – denn im Nachbarland ist die katholische Kirche arm.

Anders als in den deutschsprachigen Ländern, kann sie keine Steuern durch den Staat erheben lassen. Die französische Kirche ist auf die Spenden der Gläubigen angewiesen, sie besitzt weder Gebäude noch Grundstücke. Auch Religionsunterricht an staatlichen Schulen oder Fakultäten an staatlichen Hochschulen existieren in Frankreich nicht. Vielleicht ist es diese finanzielle Armut der französischen Kirche, die sie wenig Berührungsängste haben lässt gegenüber den Armen in der Gesellschaft. Die Tradition der Arbeiterpriester beispielsweise spielt in dem Nachbarland eine große Rolle.
Der Grund für die andere Stellung der katholischen Kirche in Frankreich ist das am 9. Dezember 1905 erlassene Gesetz, das den Laizismus, die strikte Trennung von Kirche und Staat, festschreibt. Der erste Artikel macht klar, worum es geht: „Die Republik gewährleistet die Gewissensfreiheit. Sie garantiert die freie Ausübung der Kulte …“ Damit verlor die katholische Kirche ihre Privilegien, die sie noch nach der Französischen Revolution genoss. Andererseits garantiert dieses Gesetz die Gewissens- und Religionsfreiheit, die vom Staat unabhängige Selbstorganisation der Religionsgemeinschaften, das Recht auf eine Kultstätte sowie die Neutralität der staatlichen Institutionen gegenu?ber den unterschiedlichen Bekenntnissen.
Nach 1945 nahm die Kirche immer mehr eine prophetische Rolle in der Gesellschaft ein. Es kommt zur Mission unter den Arbeitern und zu einem immer stärkeren, von den Bischöfen angeführten Engagement der Laien in Gesellschaft und Politik. Parallel dazu begann in Frankreich eine Blütezeit theologischer Arbeit, die auch das Zweite Vatikanische Konzil beeinflusste. Nach dem Konzil mehrten sich pastorale Initiativen, die auf die zunehmende Entchristlichung antworteten.

Die Bedeutung schwindet
Betrachtet man einige Zahlen zur Situation der französischen Kirche heute, stellt sich Ernüchterung ein: Von den katholisch getauften Franzosen – nach Angaben des Auswärtigen Amtes immerhin 65 Prozent der Bevölkerung – besuchen nur noch sechs Prozent den Sonntagsgottesdienst. Vor 50 Jahren war es noch ein Drittel. Umgekehrt steigt aber der Prozentsatz derjenigen (von 43 auf 67 Prozent), die es für eine wichtige Aufgabe der Kirche halten, sich gegen Armut zu engagieren. Gab es vor 50 Jahren noch knapp 40.000 Priester, sind es heute nur noch 13.000 – davon die Hälfte älter als 75 Jahre. Pfarreien und Bistümer finanzieren ihre Ausgaben hauptsächlich aus Spenden, dem „Kirchenzehnten“. Dieser schwankt regional zwischen 2,50 Euro und 20,50 Euro pro Katholik und Jahr. Die katholische Kirche in Deutschland erzielt allein aus der Kirchensteuer fast das Zehnfache der Gesamtsumme in Frankreich.

Frei und gelassen
Ihre materielle Armut schwächt die französische Kirche – zweifellos. Aber andererseits macht diese Armut sie stark: Denn sie verleiht der Kirche eine große Gelassenheit und Freiheit. Vor dem Verlust von Besitz, Einfluss und Macht braucht sie keine Angst zu haben. Sie braucht nichts festzuhalten und nichts zu verteidigen. Als innerlich frei und gelassen lässt sich auch die Haltung beschreiben, die einzelne Bischöfe und die französische Bischofskonferenz gegenüber der Armut ihrer Kirche einnehmen.
Vor allem ist diese arme Kirche nah bei den Menschen, nah bei ihren Sorgen, Nöten und Freuden. Ihren Ausdruck findet diese Nähe im Engagement von Bischof Jacques Gaillot, der sich in Paris für obdachlose Familien, für junge Arbeitslose und für Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis einsetzt. Oder im Engagement der vielen Arbeiterpriester und in den Schriften der ihnen verbundenen Madeleine Delbrêl (1904 bis 1964).
Bis heute ist die Offenheit für die Gesellschaft ein Kennzeichen der französischen Kirche. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „diaconia 2013“, das in diesem Jahr seinen Abschluss findet. Zahlreiche Gruppen und Initiativen haben sich auf Einladung der französischen Bischöfe seit 2009 intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie eine solidarische Gesellschaft aussehen soll. Dieses Projekt beweist, dass die Kirche Frankreichs schwach und stark zugleich ist.


Weltgebetstag und kfd

Seit 1972 ist die kfd Mitglied im Deutschen Komitee des Weltgebetstags der Frauen (WGT). 13 Frauenorganisationen aus neun unterschiedlichen Konfessionen sind in diesem Gremium vertreten. Es trifft alle wichtigen Entscheidungen rund um den Weltgebetstag: So verabschiedet es beispielsweise die Übersetzung der Gottesdienstordnung, gibt diese heraus und verbreitet sie. Einen besonderen Stellenwert nimmt die Entscheidung darüber ein, wie die jährliche Kollekte verwendet werden soll. Mit dieser werden Frauenprojekte in aller Welt gefördert, zum Beispiel ein Auffangzentrum im afrikanischen Mali für jugendliche Hausangestellte, die wegen einer Schwangerschaft oder erlittener Gewalt auf der Straße gelandet sind. Das Komitee unterstützt aber auch innovative Ideen wie die der ökumenischen Initiative „Weltgebetstag im Ruhrgebiet“: Einen Monat vor dem Weltgebetstag gehen die Mitglieder mit ihren Anliegen an öffentliche Orte, etwa in die Fußgängerzonen und Einkaufszentren.
Die kfd engagiert sich in der WGT-Bewegung, weil diese in fast allen Gemeinden die Gelegenheit im Jahr bietet, zusammen mit den Glaubensschwestern aus anderen Konfessionen Gottesdienst zu feiern. Der Weltgebetstag ist zu einer weltumspannenden, ökumenischen Gemeinschaft in mittlerweile mehr als 170 Ländern geworden, die sich am ersten Freitag im März in einmaliger Weise in Gebet, Spiritualität, Internationalität,
Information, Anteilnahme und Hilfe unter dem Motto „Informiert beten – betend handeln“ verbindet. Diese wichtige Bewegung will die kfd mit Kräften unterstützen – nicht zuletzt mit der Vertretung im WGT-Komitee. Sabine Harles

Sabine Harles ist Referentin beim kfd-Bundesverband und Vorstandssprecherin des Deutschen Komitees des Weltgebetstags. Dem Gremium gehört außerdem die stellvertretende kfd-Bundesvorsitzende Irmentraud Kobusch an.

Stand: 04.01.2018