Ein Gläschen in Ehren?

Alkoholabhängigkeit im Alter

Von Regina Käsmayr

Immer mehr Frauen ab 60 trinken zu viel Alkohol. Wenn der Ehepartner stirbt, die Kinder ausziehen oder das Ende der Erwerbstätigkeit erreicht ist, ist die Gefahr am größten, von der Sucht gepackt zu werden. Die gute Nachricht: Betroffene können etwas dagegen unternehmen.

Natürlich weiß Elisabeth Schuster (Name geändert), dass es alles andere als normal ist, wenn eine Frau mit Mitte Siebzig am Steuer ihres Wagens eine Piccolo-Flasche Sekt trinkt. Doch noch vor drei Jahren hat sie dieses Wissen nicht mehr davon abgehalten. "Es war abends", erinnert sie sich. "Ich kam gerade vom Einkaufen, und der Sekt war im Angebot gewesen. Ich stand im Stau. Also habe ich eine Flasche aufgemacht." Eine ganze Weile ging es gut. Bis zu dem Moment, als sie ihre Handbremse nicht richtig anzog und in den Leerlauf schaltete. Dass der Wagen ins Rollen kam, merkte sie erst, als es schon zu spät war. Mit einem Ruck fuhr sie auf ihren Vordermann auf. "Der Schaden war lächerlich", erzählt die 78-Jährige. "Aber der Besitzer des Wagens wollte unbedingt die Polizei holen."

Was dann passierte, will Elisabeth Schuster am liebsten vergessen: Ein Alkoholtest brachte ans Licht, dass sie 0,9 Promille hatte. Noch am Unfallort entzogen die Polizisten ihr den Führerschein, ließen ihren Wagen abschleppen und brachten sie aufs Polizeirevier. "Dort steckten sie mich in die Ausnüchterungszelle und sperrten ab."

Das war das Schlimmste: die Scham, in dieser Zelle festzusitzen wie eine Kriminelle. "Wie man sich da vorkommt!" Elisabeth Schuster hat keine Worte dafür.

Tatsache ist: Der Alkoholmissbrauch bei Frauen ab 60 Jahren steigt stark an. Nach Auskunft der Techniker-Krankenkasse wurden im Jahr 2011 acht Prozent mehr Seniorinnen wegen Alkoholvergiftung stationär behandelt als in den Jahren zuvor.

"Niemand weiß, wie viele Frauen und Männer im Alter ab 60 Jahren tatsächlich von Suchtmittelmissbrauch betroffen sind, denn dieses Thema wird empirisch völlig vernachlässigt", sagt Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS). Verschiedene Datenerhebungen gehen aber davon aus, dass zwei bis drei Prozent der Männer und etwa ein Prozent der Frauen ab 60 Jahren ein schwerwiegendes Alkoholproblem haben. In absoluten Zahlen also rund 400.000 Menschen.

Wenn der Alkohol Trost spendet
"Es gibt viele alte Menschen, die hatten nie ein Alkoholproblem", weiß Gassmann. "Dann tritt eine radikale Veränderung in ihrem Leben auf, und der Alkohol bekommt plötzlich eine neue Dimension." Solche Umbruchsituationen können beispielsweise der Tod des Partners, der Übertritt vom Beruf in die Rente oder der Auszug der Kinder sein. "Von einem Tag auf den anderen müssen die Betroffenen mit Einsamkeit, Ratlosigkeit und Verunsicherung zurechtkommen. Der bis dahin unproblematische Alkoholkonsum läuft zunehmend aus dem Ruder." Oft erscheint in solchen Situationen eine Flasche Wein oder ein Gläschen Schnaps als tröstender kleiner Helfer.

Wie bei Elisabeth Schuster. Sie hatte schon mit Anfang 50, gemeinsam mit ihrem Mann, angefangen, abends Kräuterlikör zu trinken. Die Tochter war aus dem Haus, und ihr Mann brachte den Alkohol einfach mit. Das war der Grundstein für alles, was später geschah.

"Einige Jahre danach starb mein Mann, und ich bekam schlimme Depressionen", erinnert sich Schuster. "In so einer schweren Zeit hilft einem der Alkohol zunächst. Aber am nächsten Morgen wacht man auf und denkt sich: und jetzt?" Oberste Priorität war für sie schon damals, bloß nicht aufzufallen. Für die feinfühlige Frau wäre es unerträglich gewesen, wenn ihre Freunde oder Nachbarn sie in betrunkenem Zustand gesehen hätten. Auch ihre Tochter und ihre Enkelin sollten nichts davon mitbekommen. Auf Familienfeiern trank sie deshalb nur alkoholfreie Getränke. Zu Hause Wein oder Sekt, etwa eine Flasche täglich. "Aber ich bin niemals herumgetorkelt oder konnte meine Arbeit nicht mehr machen", betont sie mehrmals. Raphael Gaßmann von der DHS kennt das: "Frauen neigen in jedem Alter dazu, so unauffällig wie möglich zu trinken. Ausfallerscheinungen sind nur für Männer in Ordnung, bei Frauen geht das gar nicht."

Was viele Senioren nicht wissen: Die Alkoholverträglichkeit nimmt im höheren Alter ab, weil der Wasseranteil im Körper sinkt. Die gleiche Menge Alkohol verteilt sich deshalb auf weniger Körperflüssigkeit und führt zu einem höheren Alkoholpegel.

"Mit 70 trinkt man eine Flasche Bier und hat bereits eine leichte Gangunsicherheit", sagt Gaßmann. "Wir gehen davon aus, dass eine große Anzahl von Haushaltsunfällen unter Alkohol- oder Medikamenteneinfluss geschieht." Ein Oberschenkelhalsbruch und all das, was an Komplikationen und Infektionen folgt, kann für einen älteren Menschen tödlich enden.

Schon vor etwa fünf Jahren hatte es im Leben von Elisabeth Schuster einen Moment gegeben, in dem sie die Kontrolle verlor. Sie feierte mit Bekannten in der Bar im Erdgeschoss ihres Hauses. Auf einmal begann sie zu schwanken, ein Glas fiel ihr aus der Hand. "Es war wie ein Anfall", erinnert sich die Rentnerin. "Als ich später die Treppe hinauf ging, sah mich meine Nachbarin. Sie fragte, was mit mir los sei, weil ich nicht normal gehen würde. Da habe ich mich sehr geschämt."

Der Nachbarin und einigen Freunden vertraute sie sich daraufhin an. Sie gestand ihnen, dass sie täglich Alkohol trank, dass sie in ihrer Depression versank, sobald sie nüchtern blieb. Die meisten Eingeweihten blieben freundlich, aber keiner konnte sie richtig verstehen. "Sie meinten alle, ich solle besser auf meinen Alkoholkonsum achten. Das sagen die so leicht. Es weiß ja niemand, wie schwer das ist." Sehr viele Menschen gab es auch nicht mehr in Elisabeth Schusters Bekanntenkreis. Durch ihre Depressionen hatte sie sich bereits stark zurückgezogen. Der Alkohol dämpfte ihre Kontaktfreudigkeit zusätzlich. "Am liebsten wäre ich den ganzen Tag im Bett geblieben", erinnert sie sich.

Das Problem ansprechen – mit Fingerspitzengefühl
Der Rückzug aus dem sozialen Leben, der unsystematische Tagesablauf, Gangunsicherheiten und fahrige Ausdrucksweise sind Merkmale, an denen Außenstehende eine Alkoholabhängigkeit erkennen können. Oft fällt das Problem auch durch die vielen leeren Flaschen im Keller auf. "Es ist eine schwierige Sache, die Betroffenen darauf anzusprechen", weiß Experte Gaßmann: "In der Regel erzeugt das Widerstand." Auf keinen Fall sollte man jemandem im betrunkenen Zustand oder im Beisein anderer wegen seines Alkoholkonsums Vorwürfe machen. Stattdessen sei es ratsamer, in einem ruhigen Augenblick unter vier Augen Impulse in Ich-Botschaft zu geben. Beispielsweise: "Ich mache mir Gedanken über deinen Alkoholkonsum", "ich habe den Eindruck, dass du dir gesundheitlich damit schadest", oder auch: "Das ist mir eben aufgefallen. Du kannst ja mal darüber nachdenken." Anstatt selbst als Therapeut aufzutreten, sollte man Betroffene an den Hausarzt oder an eine Beratungsstelle verweisen. Hier lohnt der Hinweis, dass Ärzte der Schweigepflicht unterliegen und dass zahlreiche Beratungsstellen anonym per Telefon zu erreichen sind.

"Gerade bei älteren Menschen haben viele Leute die Meinung, dass sich eine Therapie nicht mehr lohne", sagt Gaßmann. Laut DHS haben Menschen über 60, die mit einer Suchttherapie beginnen, statistisch sogar deutlich bessere Erfolge als jüngere. Trotzdem: "Man hört auch Sätze wie 'Lass der Alten ihren Spaß'", weiß Gaßmann. "Aber Sucht hat niemals mit Spaß zu tun."

Der Tag in der Ausnüchterungszelle änderte für Elisabeth Schuster sehr viel. Eine solche Situation wollte sie nie wieder erleben. Deshalb ging sie zu einer ambulanten Therapiegruppe für ältere Menschen in einer Fachklinik, die auf Suchtkrankheiten spezialisiert ist. Zuerst in wöchentlichen Abständen, dann nur noch sporadisch. In der Zwischenzeit wurde sie von einem Psychologen betreut und während einiger Rückfälle unterstützt. Seit eineinhalb Jahren lebt sie nun ohne Alkohol. Doch einfach wird es niemals werden: "Ein Rückfall könnte mir immer noch passieren."

Stand: 04.01.2018