Das Blitzen in seinen Augen

Gewalt gegen Frauen ist erschreckend alltäglich

Von Regina Käsmayr

Sie kannten sich seit ihrer Jugend. Er war liebevoll und nett. Wenn er sie nicht gerade würgte, prügelte und mit dem Kopf gegen die Heizung schlug. Niemand kann verstehen, warum Marion trotzdem immer wieder zu ihrem Mann zurückkehrte. Niemand außer den 5,5 Millionen Frauen in Deutschland, denen es ähnlich geht.

Das erste Mal war unspektakulär. Ein Streit auf einer Party. Zuviel Alkohol. Und eine Ohrfeige, die mehr psychisch als körperlich schmerzte. Marion* (Namen geändert), damals 18 Jahre alt, schluckte die Demütigung und versuchte, den Vorfall zu vergessen. Marc* war ihre erste große Liebe. Der Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen wollte. Doch dann passierte es wieder. Immer, wenn er Alkohol getrunken hatte, wenn sie auf einer Party angeblich zu freizügig angezogen war oder selbst ein Bier trinken wollte, ging ihr Freund auf sie los. "Er packte mich dann an der Schulter, und ich sah das Blitzen in seinen Augen", erinnert sich Marion. Dann wusste sie: Es wird Schläge geben, früher oder später.

Einmal erwischte er sie auf einer Party, deren Besuch er ihr verboten hatte. "Wenn du nicht innerhalb von zehn Minuten nach Hause gehst, passiert etwas", sagte er. Sie ging. Doch dann bekam Marc heraus, dass ein Bekannter Marion mit dem Auto heimgefahren hatte und fuhr hinterher. Kaum, dass er die Wohnung betreten hatte, packte er sie am Hals und drückte ihr mit den Handknöcheln die Luft ab. Marion wusste: Wenn sie sich wehrte, würde alles noch schlimmer werden. Doch der Wunsch zu atmen war stärker als die Angst. Da rastete Marc aus. "Er warf mich kreuz und quer durch das Zimmer, packte mich immer wieder und schlug zu." Ihr Schwager, der im gleichen Haus wohnte, kam ihr schließlich zu Hilfe. Daraufhin legte sich Marc ins Bett und schlief seinen Rausch aus.

Eine repräsentative Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend brachte im Jahr 2004 ans Licht: 40 Prozent aller deutschen Frauen haben in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt – überwiegend durch ihren Partner oder Ex-Partner. Bei 13 Prozent dieser Fälle handelte es sich sogar um strafrechtlich relevante Formen. Gewaltbetroffene Frauen kommen aus allen Schichten. Die Mehrheit lebt in Haushalten mit mittleren oder gehobenen Einkommenslagen.

Das bestätigt auch Claudia Bergelt. Die Soziologin ist Mitarbeiterin des Frauenhauses Marburg und der angeschlossenen Beratungsstelle: "Gewalt trifft alle Bevölkerungsgruppen. Zu uns kommen auch Ärztinnen, Professoren-Gattinnen und Psychologinnen. Der einzige Unterschied ist, dass diese Frauen anschließend eher in ein Hotelzimmer gehen und nicht ins Frauenhaus."

Auch Marion trennte sich nach dem schlimmen Übergriff von Marc und zog vorübergehend zu ihrer Mutter. Doch schnell war klar, dass sie ihren Freund nicht verlassen würde. "Ich sah wieder das Gute in ihm", erklärt sie. "Er weinte, entschuldigte sich und bat mich zurückzukommen." Noch bevor sie die Entscheidung selbst treffen konnte, nahm das Schicksal sie ihr ab: Marion wurde schwanger. Als sie ihrer Familie davon erzählte, schlug der Freund ihrer Mutter sie mit einem Gürtel so heftig auf den Rücken, dass sie flüchtete. Von einem schlagenden Mann zum anderen. Erst nahm Marc sie freudestrahlend auf. Aber dann machte seine Familie ihm Druck, zu heiraten. Er willigte ein. Doch vorher presste er Marion gegen einen Schrank und stellte klar: "Bilde dir bloß nicht ein, dass du mich damit an die Leine gelegt hast. Wenn du mir mein Leben kaputt machst, kannst du dich auf etwas gefasst machen!"

Als dann die gemeinsame Tochter Sofia* zur Welt kam, war es, als hätte jemand einen Schalter in Marcs Kopf umgelegt. Mit Tränen in den Augen hielt er seine Tochter zum ersten Mal im Arm, wurde fürsorglich und liebevoll. Marion vergaß, was er ihr angetan hatte. Aber nach einigen Monaten zog er abends wieder los und kam betrunken nach Hause. "Da fing es wieder an mit den blitzenden Augen", sagt Marion. Es dauerte nicht lange und er schlug erneut zu.

"Man fragt sich: Warum machen diese Frauen das jahrelang mit?", gibt Claudia Bergelt zu. Doch sie kennt die Antwort bereits aus zahlreichen Beratungsgesprächen: "Sie wollen das Familienbild aufrechterhalten und empfinden das, was passiert ist, als eigenes Versagen." Sie wollen den Beteuerungen der Männer glauben. "Dazu kommt, dass sie ihr gewohntes Umfeld nicht aufgeben möchten." Stattdessen fügen sie sich in die Spirale der Gewalt. Manche mehrere Jahrzehnte lang. Den Schritt ins Frauenhaus tun viele Betroffene nicht nur einmal, sondern mehrmals. Dazwischen kehren sie zu ihren Männern zurück. Das Hin und Her der Gefühle ist der ständige Begleiter einer geschlagenen Frau. Die Angst. Die Hoffnung. Die Unsicherheit. Die Minderwertigkeitskomplexe. Auch Liebe, jede Menge Liebe. Marion nahm sogar Schuld auf sich, fragte sich: "Habe ich es vielleicht so verdient?"

Am schlimmsten wurde die Angst, wenn Marc aggressiv wurde, während Sofia im Raum war. "Einmal tickte er wegen einer Kleinigkeit aus", erzählt Marion leise, aber gefasst. Von dem Lärm wachte Sofia auf. Marc ging zu ihr, nahm sie vorsichtig auf den Arm und beruhigte sie. Dann schlug er weiter auf Marion ein.

Mit jedem Monat wurde es schlimmer. Auf einer Montage in Ostdeutschland lernte Marc eine andere Frau kennen, zeugte mit ihr ein Kind. Als Marion es herausfand, warf er sie gegen den Kleiderschrank und knallte ihren Kopf gegen den Heizkörper. Weil sie durch das Fenster flüchten wollte, klemmte er ihre Finger ein, setzte sich auf sie, würgte sie. Diesmal musste der Schwager die Tür einschlagen, um Marion zu retten. Ihre Nase war gebrochen, ihr Gesicht grün und blau, der Abdruck des Heizkörpers prangte auf ihrer Stirn.

Trotzdem dauerte es noch ein weiteres Jahr, bis sie wirklich ging. Dazwischen kam Marcs uneheliche Tochter zur Welt, und Marion wurde wieder mit einem Jungen schwanger. Mehrmals fiel sie in ein tiefes Loch, erlitt Zusammenbrüche, kämpfte sich wieder hoch. Eine Freundin baute sie auf und erinnerte sie immer wieder daran, was passiert war. Ohne diese Unterstützung und den Rückhalt ihrer Mutter hätte sie es vielleicht nicht geschafft. Zu groß war die Versuchung, zurückzugehen.

Claudia Bergelt sagt: "Als Freundin kann man betroffene Frauen ermutigen, in eine Beratung zu gehen. Wir können ihnen die Möglichkeiten aufzeigen, die sie haben, wenn es gar nicht mehr geht." Wer Gewaltszenen in seiner Nachbarschaft mitbekommt, sollte außerdem nicht zögern, die Polizei zu rufen, denn diese ist nach dem neuen Gewaltschutzgesetz verpflichtet, einzugreifen.

Letztendlich sei es aber immer die betroffene Frau selbst, die die Entscheidung treffen muss, ihren Mann zu verlassen, weiß Marion. "An mir sind alle guten Ratschläge abgeprallt. Erst nach Jahren verstehst du, was da passiert ist. Mit dem Wissen von heute wäre ich schon beim ersten Schlag gegangen." Denn Gewalt ist niemals unspektakulär.

Gewalt überwinden

kfd macht sich für Frauen stark

Gewalt gegen Frauen hat viele Facetten. Die kfd macht sich deshalb schon seit langem dagegen stark. So förderte sie mit der Aktion "Häusliche Gewalt ist kein Schicksal" nicht nur die Enttabuisierung des Themas, sondern forderte auch die Einrichtung eines bundesweiten Notrufs für betroffene Frauen. Im März ging dann tatsächlich das bundesweite Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" an den Start. Unter der zentralen Telefonnummer 08000.116 016 erhalten Betroffene rund um die Uhr schnell und unkompliziert Beratung und Unterstützung. Das scheckkartengroße Faltblatt zur Aktion wurde deshalb um diese zentrale Telefonnummer ergänzt und kann kostenlos im kfd-Shop bestellt werden. Dort ist auch die Broschüre "Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001 bis 2010. Rückschau und Anregungen für die Weiterarbeit" erhältlich, die auch als Arbeitshilfe dienen kann.

Auch vor Ort gibt es viele Frauen, die sich einsetzen. Zum Beispiel den Arbeitskreis "Frauen stärken – Gewalt überwinden" des kfd-Diözesanverbands Trier, der nicht nur zum Thema "Häusliche Gewalt" arbeitet, sondern auch Referentinnen-Angebote zu Gewalt in Pflege, Werbung und Sprache macht. Engagiert hat sich der Trierer Arbeitskreis in den letzten Jahren auch in zahlreichen anderen Projekten. Gemeinsam mit dem Förderverein Frauenhaus Trier e.V. präsentierte er die interaktive Ausstellung "Rosenstraße 76", die auch schon in anderen kfd-Diözesanverbänden gezeigt wurde.

Weitere Ausstellungen zu den Themen "Frauen im Krieg" und "Bilder gegen das Schweigen" folgten. Ein Positionspapier wurde erarbeitet und 2005 von der Diözesanversammlung verabschiedet, Selbstverteidigungskurse gegeben und Filme zum Thema gezeigt. "Ich glaube, es verändert sich dadurch etwas", sagt Rita Monz über ihre Arbeit. "Gewalt ist kein solches Tabuthema mehr wie noch vor fünf oder sechs Jahren." rk

Stand: 04.01.2018