Begleitung am Ende des Lebens

Palliativ-Pflege ermöglicht das Bleiben zuhause

Von Constanze Bandowski

Während die Politik über Sterbehilfe streitet, bieten Hospize und Palliativpflege Hilfe dabei, die letzten Tage des Lebens lebenswert zu machen. Viele Menschen möchten zuhause sterben. Speziell ausgebildete Pflegekräfte erfüllen ihnen diesen Wunsch.  

Bevor Karen Rosenfeld ihre Schicht beginnt, schlüpft sie in ihre Dienstkleidung. Die besteht an diesem Tag aus einer taubenblauen Baumwollweste, einem türkisfarbenen Seidentuch und dazu passenden Ohrringen. "Wir tragen bewusst kein klassisches Weiß, um uns von der normalen Pflege abzugrenzen, aber es ist trotzdem ganz wichtig, die Sachen nicht zu Hause zu tragen", sagt die erfahrene Krankenschwester. "Das hier habe ich nur bei der Arbeit an. Wenn ich mich nach dem Dienst umziehe, lasse ich auch die Patienten zurück."

Sie braucht Tricks wie diesen, um sich in ihrem Privatleben abgrenzen zu können. Sie ist Palliativ-Pflegerin, das heißt, sie begleitet Schwerstkranke, Sterbende und deren Angehörige in der letzten Phase des Lebens. Jeden Tag besucht sie nach ihren "normalen" Pflegepatienten einen oder zwei Menschen, für die das medizinische System nichts mehr tun kann. Sie gelten als "austherapiert", man kann für sie nichts weiter tun, als die Schmerzen zu lindern, die Angst vorm Sterben zu schmälern und den Übergang vom Leben in den Tod so gut wie möglich zu gestalten.

Im Gegensatz zur klassischen Pflege soll die Palliativ-Pflege nicht heilen, sondern die Symptome lindern. Seit 2007 besteht darauf ein gesetzlicher Anspruch, die Kosten übernehmen die Krankenkassen. "Pallium kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Mantel", erklärt die Fachfrau. "Wir halten den Patienten sozusagen einen schützenden Mantel hin, der am Anfang viel zu groß für sie ist und in den sie erst hineinwachsen müssen. Aber am Ende, wenn sie all ihre Ängste, ihre Wut und ihre Schmerzen angeschaut haben, passt er ihnen meistens." Dann können sie loslassen und aus dem Leben gehen. Im besten Fall verbessert sich ihr Zustand ein letztes Mal, und sie verbringen noch ein paar schöne Wochen oder Monate mit ihren Liebsten.

Wenn das passiert, erfüllt es Karen Rosenfeld mit Freude und Stolz: "So etwas ist unbezahlbar." Das gilt für die Pflegerin wie für den Patienten, vor allem aber für die Angehörigen. "Sie leiden in der Regel am meisten." Denn eins steht fest: "Sterben ist richtig schlimm." Und das muss man aushalten können. Nervenschmerzen können zum Beispiel kaum behandelt werden, da helfen selbst die stärksten Opiate oft nicht.

Sie selbst hat sich mit Tod und Sterben arrangiert. Seit vier Jahren arbeitet die gelernte Krankenschwester neben der Altenpflege auch mit Palliativ-Patienten beim Hamburger Roten Kreuz. Vier Wochen lang lernte sie gesetzliche Grundlagen, Medikamentengabe und die spezielle Pflege von Sterbenden. In Rollenspielen ging sie jede erdenkliche Situation durch, die auf sie zukommen könnte. "Die Ausbildung war ein Geschenk", findet die 48-Jährige. "Man beschäftigt sich dabei auch mit seinem eigenen Leben – das ist wie eine Art Therapie."

Trotzdem: Bei dieser Arbeit gerät man immer wieder an seine Grenzen. Trauer und Tränen gehören ebenso dazu wie Erleichterung, Frustration oder Freude. "Man kriegt ganz schön viel ab und darf das auf keinen Fall persönlich nehmen." Meistens gelingt ihr das auch. Manchmal schafft sie es aber trotz aller Professionalität nicht. Dann redet sie mit ihren Kollegen über ihre Zweifel, Wut oder Enttäuschung.
"Es gibt Momente, da muss auch ich weinen", sagt Karen Rosenfeld. Wenn es ihr dann nicht gelingt, die Tränen zurückzudrängen, geht sie vor die Tür und lässt sie laufen.

"Das hilft", sagt sie und lächelt. Danach kann sie weitermachen, zum Beispiel die Lieblingsgetränke der Sterbenden in Mini-Portionen einfrieren und ihnen in den Mund legen. "Das darf auch Rotwein sein", schmunzelt sie. Sie wendet Aromatherapie und bestimmte Massagetechniken an, um den Atem zu beruhigen, streichelt Hände und redet mit den Angehörigen, zur Not auch Tacheles. "Da muss man schon mal ganz klar sagen: Ihr Mann stirbt. Sonst verdrängen manche das immer weiter."

Karen Rosenfeld kennt die Phasen des Sterbens: "Die meisten  stehen zunächst unter Schock, wenn sie die Diagnose erfahren. Dann suchen sie einen Schuldigen und probieren alternative Methoden aus, weil sie die Tatsache einfach nicht akzeptieren wollen. Nach einer Phase der Trauer und Depression nimmt man sich etwas vor, das man unbedingt noch einmal erleben will." Wie der 40-Jährige, der ein letztes Mal in den Heidepark wollte. Selbst die ungewöhnlichsten Wünsche versuchen Karen Rosenfeld und ihr Team zu ermöglichen. Danach akzeptieren die meisten ihr Schicksal und verabschieden sich von ihren Liebsten.

Ihre Mutter ist in ihren Armen gestorben. Schmerz und Kummer waren riesig, da konnte auch die Ausbildung nicht helfen. "In so einem Moment bist du ganz Kind", sagt Karen Rosenfeld. "Da hilft keine Professionalität." Aber sie ist froh, ihre Mutter auf dem letzten Weg begleitet zu haben. Sie weiß aus dieser Erfahrung auch, wie wichtig Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung sind. "Es ist wirklich schön und tröstlich für die Angehörigen, wenn sie wissen, was der Sterbende wollte."

Viele reden jedoch nicht über das Lebensende. Der Tod bleibt tabu. Er macht sprachlos, er macht Angst. Oder er bringt Streit und Abgründe zutage. "Die Leute sterben, wie sie gelebt haben", sagt die Pflegerin. Diese Erkenntnis hat auch ihr eigenes Bewusstsein verändert: "Mir ist klar geworden, mit wie vielen unwichtigen Dingen wir uns dauernd beschäftigen. Beim Sterben wird nicht gelogen." In einem Hospiz will sie dennoch nicht arbeiten. "Das wäre mir zu viel. Ich brauche die Abwechslung. Ich brauche das Leben."

Stand: 04.01.2018