Vielsagend – ganz ohne Worte

Kira Knühmann-Stengel übersetzt Fernsehnachrichten in die Gebärdensprache

Von Jutta Oster

Wenn Kira Knühmann-Stengel loslegt, bleibt es still. aber ihre Hände fliegen nur so durch die Luft, und ihr Gesicht verändert sich ständig, mal ist ihr Ausdruck fragend, mal augenzwinkernd, mal ernst. Die 47-Jährige arbeitet als Gebärdendolmetscherin. Beim Fernsehsender Phoenix übersetzt sie die "Tagesschau" und das "heute-journal" in die Gebärdensprache und holt damit die Welt für 80.000 Gehörlose in Deutschland ins Wohnzimmer. An anderen Tagen dolmetscht sie bei Parteiveranstaltungen, im Theater, an der Universität oder im Gericht. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Inklusion, also der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderung.

20 Uhr, Zeit für die Tagesschau auf Phoenix. Rechts im Bild erscheint Kira Knühmann-Stengel. Sie übersetzt die Worte der Moderatorin in Mimik und Gestik. Wer ihr folgt, merkt, wie bildhaft und ausdrucksstark die Gebärdensprache ist, ein echtes Polit-Theater, das da auf dem Fernsehschirm entsteht. Eine kantige, horizontale Geste am Kinn – jeder Gehörlose weiß, dass Angela Merkel gemeint ist. Diese Geste stammt noch aus der Zeit, als die Bundeskanzlerin klassischen Pagenkopf trug. Kira Knühmann-Stengel könnte auch die herabhängenden Mundwinkel andeuten. Macht sie aber nicht, das wäre Umgangssprache, und die ist im Fernsehen tabu.

Jetzt reibt die 47-Jährige die Finger, legt dann die Hände aufeinander, es geht um den Fiskalpakt, mit dem Europa die Schulden in den Griff kriegen will. Die Gebärdendolmetscherin ist mit der Nachrichtenlage und den Begriffen aus der Finanzpolitik vertraut. Sonst würde es schwierig für sie, denn sie übersetzt die Nachrichten simultan. Rund sechsmal im Monat fährt sie dafür nach Bonn, sie dolmetscht im Wechsel mit fünf Kollegen. Und das bereits seit 1997, als Phoenix startete. Zuvor hatten Gehörlose nur die Möglichkeit, die Fernsehnachrichten mit Untertiteln zu verfolgen.

Schwierige Sportlernamen

Wortspiele oder Ironie können Kira Knühmann-Stengel nichts anhaben. Für Redewendungen gibt es eigene Gesten, und bei ironischen Bemerkungen zieht die Übersetzerin die Augenbraue hoch oder malt ein Fragezeichen in die Luft. Nur wenn es um Sportlernamen geht, kommt die Mülheimerin manchmal ins Schwitzen, "ich kenne nicht jeden Fußballer mit Namen". Politiker oder Prominente, die regelmäßig in den Nachrichten vorkommen, haben ihren eigenen Gebärdennamen. Auch für jedes Land und jede größere Stadt ist eine eigene Geste festgelegt. Bei unbekannteren Menschen oder kleinen Städten nutzt die Übersetzerin das Fingeralphabet.

Manche Gebärden verändern sich auch im Laufe der Zeit: Der französische Präsident François Hollande wird momentan mit der Geste für Holland dargestellt. "Das finde ich irritierend. Hier wird sich sicher noch eine andere Gebärde durchsetzen", sagt Kira Knühmann-Stengel.

Die Gebärdensprache gilt als eigene, vollständige Sprache, genau wie Spanisch oder Französisch. Kira Knühmann-Stengel träumt manchmal sogar in der Gebärdensprache. Im Alltag schaltet sie mühelos um: Gerade tritt ihr gehörloser Mann zu ihr an den Schreibtisch, um zu klären, wer die Tochter vom Bahnhof abholt. Die beiden verständigen sich mit Gesten, dann wechselt die Dolmetscherin wieder in die Lautsprache. Sie übersetzt nahezu jeden Tag: an den Universitäten Essen, Bochum, Dortmund, in Krankenhäusern, bei Ärzten, im Theater, bei der Polizei und vor Gericht, bei Seminaren und Schulungen. Sie ist eine der wenigen Gebärdendolmetscherinnen ihrer Generation, die keine gehörlosen Eltern, sondern einfach Interesse an dem Beruf haben. Die Übersetzerin hatte eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht, doch die Jobaussichten waren nicht allzu rosig. Sie bekam die Empfehlung, sich zu spezialisieren, und ließ sich zur Gebärdendolmetscherin ausbilden, in einem Modell-Studiengang an der Universität Köln, den es heute nicht mehr gibt.

Die Kinder wachsen zweisprachig auf
Bei der Arbeit lernte sie auch ihren Ehemann kennen, Michael Stengel. Heute arbeiten die beiden zusammen bei "transignum" in Mülheim an der Ruhr, einer Agentur für Gebärdensprachdolmetschen, die Kira Knühmann-Stengel 2003 mitgegründet hat. Die beiden sind ein Ausnahme-Paar, denn die allermeisten Gehörlosen sind mit einem ebenfalls gehörlosen Partner verheiratet. Gemeinsam haben die beiden fünf Kinder zwischen 14 und 22 Jahren, die jüngste Tochter ist ebenfalls gehörlos. Das prägt den Alltag: Im Haus der Familie geht es zweisprachig zu, mal in Lautsprache, mal in Gebärdensprache. "Aber das Verhältnis ist nun mal fünf zu zwei" sagt Kira Knühmann-Stengel. "Dadurch verständigen wir uns am Tisch mehr in Lautsprache. Unsere jüngste Tochter will immer alles mitkriegen und ist schon mal beleidigt. Mein Mann ist da ganz entspannt. Er verlässt sich darauf, dass die Familie ihm alles Wichtige mitteilt." Weitere Besonderheiten: eine Blitzanlage als Klingel und ein Lichtwecker, mehr braucht die Familie nicht, denn die modernen Kommunikationsmittel, vor allem SMS und E-Mail, haben die Verständigung enorm erleichtert.

Bewusstsein geschaffen
Und wie hat sich die Situation für Gehörlose durch die UN-Konvention verändert? Vor drei Jahren hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet und sich damit verpflichtet, den rund zehn Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland eine gleiche Teilhabe in allen Bereichen des täglichen Lebens zu ermöglichen.

Seitdem wird über das Thema Inklusion viel diskutiert. "Ich sehe schon, dass sich in den vergangenen Jahren viel verändert hat", sagt Kira Knühmann-Stengel. "Gehörlose Menschen sind präsenter, haben eine bessere Lobby, verkaufen sich besser und kommen in gute Positionen. Die UN-Konvention hat ein Bewusstsein in der Gesellschaft geschaffen. Aber es muss noch vieles erkämpft werden, und für vieles fehlt einfach das Geld."

Gute Ansätze sieht sie aber bereits: Kinos, Theater, die Organisatoren von politischen Veranstaltungen bestellen Dolmetscher, damit Gehörlose gleichberechtigt teilhaben können. Die Gebärdensprache sei auf einem guten Weg, als eigene Sprache anerkannt zu werden. Und es gebe immer mehr Dolmetscher. Hat sie selbst eigentlich einen Namen in der Gebärdensprache? Hat sie. Weil sie früher immer an ihrer Bluse oder ihrem Pulli gezupft hat, ist diese Geste zu ihrem Markenzeichen geworden.

Stand: 04.01.2018