Kampf, Gesang und theologischer Rat

Prophetinnen in der Bibel

Dritter Teil der Serie "Gerufene Rufer - die Propheten: Mittler zwischen Gott und den Menschen"

Von Ilse Müllner

Prophetinnen? Prophetinnen! Hulda, Noadja, außerdem eine Frau im Jesajabuch, kultisch aktive Frauen in den Samuelbüchern und bei Ezechiel, dazu Mirjam, die Prophetin, die mit Gesang und Tanz den Auszug Israels aus Ägypten anführt. Und schließlich die Verheißung des Joel, die das Pfingstereignis der Apostelgeschichte durchflutet: "Eure Söhne und Töchter werden Propheten und Prophetinnen sein."

Noch vor wenigen Jahren rieten manche Fachleute jüngeren Kolleginnen davon ab, wissenschaftlich zu den biblischen Prophetinnen zu arbeiten: Zu wenig Material gäbe es für eine solche Untersuchung. Mittlerweile hat sich in der Fachwissenschaft die Einschätzung herumgesprochen, dass das prophetische Amt nicht auf Männer beschränkt ist. Mehrere Bibelwissenschaftlerinnen haben dazu beigetragen, die Prophetinnen der hebräischen Bibel ins Bewusstsein zu heben.

Schon an der Seite des Mose, der als größter biblischer Prophet die Fundamente legt, steht eine Frau. Seine Schwester Mirjam ist bekannt als Sängerin und Tänzerin des Exodus, des Auszugs aus Ägypten. Die wenigsten wissen aber, dass Mirjam auch als Prophetin eine besondere Rolle in der Kommunikation zwischen Gott und dem Volk Israel spielt. Die Übersetzungen bezeichnen – wie der hebräische Urtext – Mirjam zwar als Prophetin, reduzieren sie dann aber zu einer Vorsängerin. Exodus 15,21 wird in der in den Gemeinden gebräuchlichen Einheitsübersetzung so übersetzt: "Und Mirjam sang ihnen vor." Eigentlich müsste es aber heißen, dass Mirjam "für sie", also in Stellvertretung des Volkes, sang. Dann ist sie nicht länger in der Rolle der Chorleiterin zu sehen, sondern sie nimmt die prophetische Mittlerrolle zwischen dem Volk und Gott ein, indem sie das Geschehen als Gottes Handeln deutet.

Mirjam gerät an anderer Stelle mit Mose – und schließlich mit Gott – in Konflikt. In Numeri 12 kritisieren die Geschwister Mirjam und Aaron Mose wegen seiner Ehe mit einer Nicht-Israelitin. Gott selbst nimmt seinen "Knecht Mose" in Schutz und betont dessen Sonderstellung. Bestraft wird nur Mirjam. Das Volk aber stellt sich vor sie, es weigert sich weiterzuziehen, ohne Mirjam mitzunehmen. Der Todesort Mirjams wirft ein letztes Licht auf diese widersprüchliche Persönlichkeit: Mirjam stirbt in Kadesch, was übersetzt "Heilig" heißt. Mirjam ist eine sperrige Gestalt, eine Frau, die sich nicht in ein Schema pressen lässt: prophetisch, politisch, widerspenstig, heilig.

Auch im Kontext der Prophetin Debora geht es um eine Schlacht. Wie im Exodusgeschehen wird auch hier das erzählte Ereignis in einem Lied besungen. Das Richterbuch (Kapitel 4 bis 5) schildert zwei Mal dieselben Ereignisse, zunächst als Erzählung und dann als Lied. Die erzählte Epoche, die Richterzeit, ist die zwischen Israels Besiedlung des Landes und der Königszeit. Es ist eine Zeit, die durch Instabilität und Bedrohung gekennzeichnet ist. In den Erzählungen über diese Epoche treten als große politische und militärische Gestalten Richter hervor. Und eben auch eine Richterin: Debora, deren Name "Biene" bedeutet.

Sie tritt im vierten Kapitel des Richterbuches in die Erzählung ein, als bereits der düstere Hintergrund von Israels Gottesferne und damit zusammenhängend höchster militärischer Bedrohung ausgemalt ist. Debora wird als Richterin und Prophetin eingeführt, entsprechend verhält sie sich. Sie gibt ihre Einschätzung des politisch Notwendigen als Gotteswort zu erkennen und kann den zögerlichen Feldherrn Barak davon überzeugen, in den Kampf zu ziehen. Allerdings nur unter der Bedingung, dass Debora selbst mit in die Schlacht zieht. Barak verlässt sich also nicht auf das Gotteswort, sondern auf die Prophetin als Person. Denn obwohl ihm durch das von Debora vermittelte Gotteswort der Sieg angekündigt war, stellt er Bedingungen. Debora lässt sich darauf ein, und ist – anders als die meisten Frauen der hebräischen Bibel – damit in einer militärischen Führungsrolle. Als Prophetin eröffnet Debora die Reihe der prophetisch begabten Menschen, die die jüdische Bibel im Kanonteil "Prophetie" vorstellt. Kein Mann, sondern eine Frau steht als erste in der Nachfolge des Mose; und sie führt auch die Linie der Prophetin Mirjam fort.

Auch die obersten Beamten des Königs Joschija gehen auf der Suche nach einem Gotteswort nicht zu einem der männlichen Propheten, die im 7. Jahrhundert vor Christus in Jerusalem gewirkt haben, sondern sie suchen eine Frau auf – so erzählt es das zweite Königsbuch im Kapitel 22. Die Prophetin Hulda soll dabei helfen, jenes merkwürdige Buch zu interpretieren, das bei Bauarbeiten am Jerusalemer Tempel gefunden wurde. König Joschija nimmt in den Darstellungen der Königsbücher eine Sonderrolle ein: Er ist einer der ganz wenigen, denen nachgesagt wird, den Willen Gottes zu suchen – das Urteil über die anderen Könige ist vernichtend. Dementsprechend schockiert ist Joschija nach der Lektüre des verschollenen, nun wiedergefundenen Buches – wahrscheinlich eine Urform des Deuteronomiums –, das deutlich aufzeigt, wie sehr sich Israel gegen den Willen Gottes verhält.

Was ist zu tun? Ohne den berufenen Rat, ohne inspirierte Auslegung dieses schockierenden Textes kann keine Lösung gefunden werden. Aus diesem Dilemma soll nun die Prophetin helfen. Huldas Prophezeiung richtet sich einerseits an die Bevölkerung Jerusalems und andererseits an den König. Während jene als Konsequenz ihres Handelns in die Vernichtung gehen, soll dieser aufgrund der Herzens– umkehr gerettet werden. Diese Unheilsprophetie bewirkt das, was solche Ansagen negativer Konsequenzen erreichen wollen: Umkehr, Veränderung.

König Joschija ergreift radikalste Maßnahmen, um das erste Gebot in die Praxis umzusetzen. Wenn nur noch der Eine Gott, JHWH, verehrt werden soll, dann muss das kultische Handeln Israels auf den einen Ort, Jerusalem, konzentriert werden. Diese Joschijanische Reform hat Jerusalem einen theologischen und liturgischen Stellenwert gegeben, der bis heute das Verhältnis des Judentums zu dieser Stadt und damit die auch gegenwartspolitisch bedeutsame Sonderstellung Jerusalems grundlegt. In diesem Prozess nimmt die Prophetin Hulda eine Schlüsselposition ein. Sie berät die staatstragenden Männer, die sich von ihr Rat holen im Namen des Königs. Dabei ist sie völlig unbeeindruckt von der politischen Macht. Einen altorientalischen König "der Mann" zu nennen (2 Kön 22,15), dazu gehört nicht nur Mut, sondern auch das Wissen darum, wer Israels eigentlicher Machthaber ist: Gott.

Diese drei namentlich genannten Frauen Mirjam, Debora und Hulda stehen für viele ungenannte. Denn männlich orientierte Texte wie die biblischen Schriften tendieren eher dazu, weibliche Wirkmächtigkeit zu verschweigen als sie überzubetonen. Dennoch führt die Spurensuche weiter: zu einer Frau im Jesajabuch (Kap 8), zu Noadja, einer Prophetin im Zusammenhang des Wiederaufbaus Jerusalems nach dem Babylonischen Exil (Neh 6), zu Frauen, die zwar nicht als "Prophetinnen" bezeichnet werden, dennoch aber Handlungsrollen einnehmen, die mit Prophetie verknüpft werden.

Schließlich führt diese Spurensuche bis in die Gegenwart, wenn damit ernst gemacht wird, sie im Licht der Verheißung des Joelbuchs zu lesen: Alle Frauen und Männer werden prophetisch reden – das Joelbuch weitet das prophetische Amt aus und überträgt allen in der Gemeinschaft die Aufgabe, die Gegenwart im Horizont von Gottes Willen zu deuten. Dazu braucht es keine Stimme von oben und auch kein Spruchband vom Himmel. Prophetie in der Gegenwart ist wach gegenüber den Vorkommnissen in dieser Welt und versteht es, politische und soziologische Analysen mit dem zusammenzubringen, was wir von Gott wissen. Prophetie in der Nachfolge Mirjams, Deboras und Huldas hat etwas damit zu tun, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sie im Horizont der Gotteswahrheit zu deuten.

Stand: 04.01.2018