"Große Dinge erwarten wir von diesem Konzil"

Die Konzilseingabe der kfd

Von Regina Heyder

In diesem Oktober jährt sich zum 50. Mal der Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils. Auch wenn es nur einzelne Frauen gab, die damals in Rom präsent waren – eine Beteiligung ließen sie sich nicht grundsätzlich nehmen. In Deutschland war es insbesondere die heutige kfd und ihre Zeitschrift "Frau und Mutter", die die Wünsche der katholischen Frauen nach Rom trugen.

Anfang Juli 1961 brachte der Kölner Kardinal Josef Frings Post auf den Weg nach Rom. Sein Brief richtete sich an die Zentrale Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils und enthielt zwei Eingaben mit Wünschen und Erwartungen des "Zentralverbands der katholischen Frauen- und Müttergemeinschaften", der heutigen kfd, und des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) an das kommende Konzil. Beigelegt war ein lateinisches Begleitschreiben des Kardinals. Er betonte darin, dass die katholischen Frauen Deutschlands in den Verbandszeitschriften "Frau und Mutter" und "Die christliche Frau" "über die Absichten unseres Papstes im Hinblick auf das Konzil" informiert worden seien und es mit ihren Gebeten begleiteten. Frings schloss seinen Brief mit der Bemerkung: "Ich weiß, dass die Stimme der Laien nicht gering zu schätzen ist, obwohl ich nicht über alle hier behandelten Fragen in gleicher Weise denke" – eleganter lassen sich grundsätzliche Unterstützung und zugleich Skepsis im Detail kaum ausdrücken. Einerseits machte sich Frings die Mühe eines hochoffiziellen lateinischen Schreibens, andererseits gab er mit souveräner Gelassenheit zu erkennen, dass er nicht alle vorgetragenen Anliegen teilen konnte.

Wie kam es zu diesen Konzilseingaben der beiden Frauenverbände – den einzigen, die bislang von deutschen Laienverbänden bekannt sind? Welche Wünsche formulierten die Katholikinnen und welche Erwartungen waren so revolutionär, dass Kardinal Frings glaubte, sich davon distanzieren zu müssen? Die Eingabe des KDFB, unterzeichnet von den Präsidiumsmitgliedern Dr. Gertrud Ehrle und Dr. Helene Weber, hatte zwei große Themen: Zum einen sollte die "Personwürde der Frau" durch die Kirche besser anerkannt werden. Besonders im Fokus standen dabei ehelos lebende, berufstätige Frauen – eine Lebensform, die nicht so recht in katholische Vorstellungsmuster passen wollte. Zum anderen wandte sich der dreiseitige Text gegen die Doppelbelastung von Frauen durch Beruf und Familie und erhoffte dazu eine Konzilsaussage.

Bei der elfseitigen Konzilseingabe des "Zentralverbands der katholischen Frauen- und Müttergemeinschaften" ist nicht nur die große Bandbreite der angesprochenen Themen bemerkenswert. Außergewöhnlich ist auch das demokratische Verfahren, in dem sie entstand – als Aktion der Leserinnen und Leser von "Frau und Mutter". Im April 1961 erschien unter der Überschrift "Große Dinge erwarten wir von diesem Konzil" ein erster Artikel, der auf das bevorstehende Ereignis einstimmen sollte. Initiatorin dieses Artikels war Anneliese Lissner als Haupt-Schriftleiterin der Verbandszeitschrift, Autorin die Präsidentin des Zentralverbands, Marianne Dirks. Allerwichtigster Beitrag von Frauen und Laien zum Konzil sei zunächst das Gebet. Außerdem solle "durch die Erneuerung unseres christlichen Lebens" schon jetzt der Boden bereitet werden, "dass diese Entscheidungen auf fruchtbaren Boden fallen" und so das Fernziel des Konzils, die Wiedervereinigung der getrennten Christen, vorbereitet werde.

Schon im Mai publizierte die Zeitschrift überraschend eine Fortsetzung: "Wir alle dürfen Wünsche äußern." Theologen der Vorbereitungskommissionen waren inzwischen an den Verband herangetreten und hatten ihn aufgefordert, eigene Petitionen in Rom vorzubringen. Schnell wurde in der Düsseldorfer Zentrale klar, dass man dabei nicht im Namen vieler hunderttausend Frauen und ihrer Familien sprechen wollte, ohne sie zuvor gehört zu haben. Deshalb baten Dirks und Lissner nun die Leserinnen, sich an diesen Überlegungen zu beteiligen und "möglichst bald, kurz und knapp" ihre Stellungnahmen der Schriftleitung zu übermitteln. Inhaltlich erwarteten sie vor allem Vorschläge zur Feier des Gottesdienstes und der Gestaltung des christlichen Lebens.

Damit hatte man offenbar den Nerv der Leserinnen getroffen. Die geäußerten Wünsche weisen ein breites Spektrum und oft eine spezifische Frauenperspektive auf, wobei Vorschläge zur Liturgie am umfassendsten waren. Weil Katholikinnen die Eucharistie als "stärkende Kraftquelle" des persönlichen Lebens feiern wollten, erbaten sie Lesungen in der Muttersprache, eine mehrjährige Leseordnung und die Einführung von Fürbitten. Die Trauung sollte mit der Brautmesse verbunden, und in die Allerheiligenlitanei sollten mehr heilige Frauen und Ehepaare aufgenommen werden. Für die Taufe, gewöhnlich kurz nach der Geburt gefeiert, wurde ein späterer Zeitpunkt erbeten, damit auch die Mütter an der Taufe ihres Kindes teilnehmen konnten.

Weitere Erwartungen waren etwa die Anerkennung konfessionsverschiedener Ehen, Änderungen des Nüchternheitsgebots und der Fastendisziplin, Abschaffung des Index oder die Wiederbelebung des ständigen Diakonats von Männern und, in einer Zuschrift, von Frauen. Zwei Zuschriften allerdings hielten sich nicht an die Maßgabe, "Fragen der kirchlichen Lehre den Theologen zu überlassen"; sie baten um "ein kirchliches Begräbnis und den Segen des Priesters" für ungetauft verstorbene Kinder und kritisierten die Auffassung, dass diese Kinder nach kirchlicher Lehre in die "Vorhölle" gelangen – ein Anliegen, das auch von einigen US-amerikanischen Bischöfen geteilt wurde und 2007 durch eine Entscheidung der Internationalen theologischen Kommission eine späte offizielle Genugtuung erfuhr.

Die "dringlichsten Leserzuschriften" galten jedoch einem anderen Thema, der Ehemoral. Ermahnungen zu einer großen Kinderzahl und die Absage an bestimmte Methoden der Empfängnisverhütung waren zwar in Predigten und im Beichtstuhl übermächtig, deckten sich aber nicht mit der Lebenswirklichkeit von katholischen Eheleuten. "Knaus-Ogino (eine Methode der natürlichen Empfängnisverhütung, Anm. der Redaktion) ist für viele Ehen keine Lösung", formulierte ein Brief pointiert.

Schon Ende Mai konnte auf der Grundlage dieser Zuschriften die Eingabe des Zentralverbandes zusammengestellt werden. Am 3. Juni 1961 hatte dann Marianne Dirks eine Audienz beim Kölner Kardinal, um ihm die Petition zu präsentieren. Dabei traten an einem Punkt deutliche Meinungsverschiedenheiten zutage, die zunächst das ganze Unternehmen zu gefährden schienen: Der Text schilderte die Gewissensnot katholischer Ehepaare mit Blick auf Verhütung und äußerte die "dringende Bitte um ein wegweisendes Wort in der Ehenot unserer Tage". Diesem Wunsch konnte und wollte sich Frings nicht anschließen, weil er ihn für theologisch chancenlos hielt (die Enzyklika "Humanae Vitae" von 1968 sollte ihm hier recht geben). Marianne Dirks allerdings gewann im Gespräch den Eindruck, "dass er den seelsorglichen Aspekt ganz in unserem Sinne teilt". Nach der Audienz warb sie nochmals brieflich und erfolgreich bei Frings um Verständnis für dieses Anliegen. Frings brachte schließlich im erwähnten Begleitschreiben seine Skepsis zum Ausdruck – und die Eingabe auf den Weg nach Rom.

Selbst wenn mit dem Konzil nicht alle der teilweise auch gegensätzlichen Hoffnungen erfüllt wurden, so konnte "Frau und Mutter" fast fünf Jahre nach der mühevollen Arbeit an der Konzilseingabe diese Aktion als Erfolgsgeschichte verbuchen: "Wie reich hat das Konzil die Bitten unserer Eingabe erfüllt, ja, wie sehr hat es unsere damaligen Erwartungen übertroffen!"

Stand: 04.01.2018