Die Werkstatt des Propheten

Zur Entstehung prophetischer Bücher

Vierter Teil der Serie "Gerufene Rufer – Die Propheten: Mittler zwischen Gott und den Menschen"?

Von Ilse Müllner

Wer einen Roman von Herta Müller zur Hand nimmt, erwartet, dass sie ihn verfasst hat. Bücher, die auf dem Titelblatt Thomas Mann als Autor angeben, sind auch von ihm geschrieben. Alles andere ist Plagiat. Kein redlicher Schriftsteller, keine ehrbare Autorin kommt auf die Idee, den Stil eines berühmten Autors nachzuahmen, um ihm besondere Ehre zu erweisen. Die hier und heute geltende Vorstellung von Urheberschaft ist sehr klar in der Unterscheidung zwischen Original und Fälschung.

In der Antike war das anders. Menschen, die eine besonders treffende oder aufwühlende Botschaft hatten, wurden zur Inspirationsquelle vieler weiterer Schreiberinnen und Schreiber. Im Namen des Paulus wurden Briefe geschrieben, die gar nicht alle von ihm stammten. Im Namen Jesajas und anderer biblischer Propheten hat man über Jahrhunderte hinweg an einem einzigen großen Buch gearbeitet, es weitergeschrieben, umgeschrieben, fortgesetzt und so ständig aktualisiert.

Vergleichbar ist dieses Vorgehen vielleicht mit demjenigen großer Maler. Weder Rembrandt noch Michelangelo haben jeden Pinselstrich selbst ausgeführt. Sie hatten die Idee, das Konzept, die Kontakte – tatsächlich am Gemälde gearbeitet haben oft andere. Während aber der Meister immer die Aufsicht über das entstehende Werk behielt, reicht der Entstehungsprozess der großen prophetischen Schriften weit über den Tod jenes Propheten hinaus, der dem Buch den Namen gibt. Jesaja hat im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gelebt. Das Buch, das seinen Namen trägt, ist bis ins 5. Jahrhundert vor Christus hinein gewachsen.

Warum ist eine solche Erkenntnis heute noch von Bedeutung? Dieser Wachstumsprozess der biblischen Bücher zeigt, dass auch schon in biblischer Zeit eine wichtige Botschaft immer wieder der Aktualisierung bedurfte, um die Menschen zu erreichen. So wie die Schülerinnen und Schüler des Jesaja, so wie Schriftgelehrte und Redaktoren die Essenz dessen, was sie von Jesaja gehört hatten, in immer neue Zeiten hinein übersetzten, so können und müssen auch heute die biblischen Botschaften neu buchstabiert werden, damit sie die Menschen in der Tiefe der gelebten Gegenwart berühren.

Zuerst einmal weist dieser lange Wachstumsprozess auf eine Zeitspanne hin, in der das biblische Israel mehrere schwere Erschütterungen zu verkraften hatte. Die Lebensverhältnisse des Volkes haben sich in diesen Jahrhunderten grundlegend gewandelt. Die Geschichte Israels ist davon geprägt, dass die Großmächte des Alten Orient immer wieder die Vorherrschaft über dieses Gebiet erkämpften und die politische Selbstständigkeit erschütterten. Was sich so abstrakt anhört, hatte für die Menschen damals fundamentale Bedeutung: Kriege, hohe Steuerlasten, Überschuldung von Familien bis hin zum Verlust des bewirtschafteten Landes führten dazu, dass große Teile der Bevölkerung in Armut fielen.

Soziale Probleme, die auch heute zu beklagen sind, waren dem biblischen Israel nicht fremd: Die Schere zwischen Reichen und Armen klaffte immer stärker auseinander, arme Familien verloren jede Perspektive, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Sie wurden auseinandergerissen, weil sie ihre Kinder als Sklaven verkaufen mussten. Dazu kamen Deportationswellen, die im 8. und im 6. Jahrhundert vor Christus weite Teile der Bevölkerung aus dem Land führten und im Zweistromland ansiedelten. Das babylonische Exil, das 586 begonnen hat und 539 durch die Perser beendet wurde, prägt das Judentum bis heute. Von diesem Zeitpunkt an haben nie wieder alle Juden und Jüdinnen gemeinsam in einem Land gelebt; immer hat es jüdisches Leben in Israel und in anderen Ländern gegeben. Auch wenn der Perserkönig Kyros eine Rückkehr vieler Menschen ins Land Israel ermöglichte und den Tempel in Jerusalem wieder aufbauen ließ, so ist doch das jüdische Leben nie wieder so geworden, wie es vor der Exilszeit war.

An den prophetischen Büchern lassen sich die Spuren dieser Geschichte nachverfolgen. Prophetinnen und Propheten waren in Israel immer sensibel für die Zeit und die Umstände, in denen sie lebten. Ihre Kritik sollte das Volk und die Politiker zur Umkehr bewegen, ihre Ermutigung sollte den Menschen Hoffnung geben und sie in ihrem Handeln bestärken. Aber wann ist Kritik angemessen, wann Ermutigung? Wer muss scharf zurechtgewiesen, wer getröstet werden?

Jesaja weist das Volk Israel in Gottes Namen scharf zurecht: "Während ihr eure Hände ausbreitet, verberge ich meine Augen vor euch, auch wenn ihr noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voll Blut." (Jes 1,15) Der Gottesdienst ist ein Götzendienst, weil er die Armen arm sein lässt und keine Kritik an den ungerechten Verhältnissen übt. In aller Härte distanziert Gott sich von solcher Religiosität und kündigt denen, die so leben, Vernichtung an. Wo Propheten so sprechen, hoffen sie noch auf Veränderung. Die Ankündigung des strafenden Handeln Gottes soll Israel und Juda dazu bringen, die von Gott gewollte Gerechtigkeit durchzusetzen, die ein Lebensrecht für alle garantiert. Niemand kann sagen, er hätte nicht gewusst, wie das Leben zu führen ist: "Gott hat dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Adonaj von dir fordert: nichts andres als Recht tun und Güte lieben und besonnen mitgehen mit deinem Gott." (Mi 6,8)

Dennoch halten sich die Menschen nicht daran. Die katastrophalen Ereignisse von Exil und Deportation werden biblisch als Konsequenzen dieses Fehlverhaltens interpretiert. Die Ankündigungen der Katastrophe sollten diese eigentlich verhindern – buchstäblich in letzter Minute. Oft genug ist auch das nicht gelungen.

In jenen Zeiten aber, in denen die Menschen unter Kriegen und Verfolgung leiden, braucht es keine Ermahnungen zur Umkehr. "Tröstet, tröstet mein Volk", so beginnt der zweite Teil des Buchs Jesaja in Kap 40,1, der in eine andere Situation hinein spricht als der erste. In der Katastrophe braucht es Trost, Zuspruch, Zeichen der Hoffnung. Im Geist und in der Sprache Jesajas führen seine Schülerinnen und Schüler das Werk fort.

In den letzten Jahren hat die Bibelwissenschaft gelernt, das prophetische Schaffen auch in jenen anonymen Gruppen am Werk zu sehen, die ein solches umfassendes Werk wie das Buch Jesaja haben entstehen lassen. Propheten sind nicht nur Einzelne, die mit einer besonderen Botschaft vor Mächtige und Volk treten. Auch Gemeinschaften wirken prophetisch. Sie nehmen Impulse der großen Mittlergestalten auf, führen sie fort, vergegenwärtigen die Botschaft immer wieder.

Auch die Kirche steht in der Tradition der Propheten, zu ihrem Auftrag gehört es, am prophetischen Amt Jesu Christi teilzuhaben. Wie gelingt es also, jene Botschaften ins Heute zu tragen, die schon seit Jahrtausenden Menschen Gott näher führen?

Anmerkung

Die Bibelzitate sind der Bibel in gerechter Sprache entnommen. Wo der Gottesname JHWH im hebräischen Urtext steht, verwendet diese Bibelausgabe Ersatzbegriffe wie Adonaj (mein Herr), der oder die Lebendige, der oder die Ewige. Sie erweist damit dem Judentum Respekt, das den Gottesnamen nicht ausspricht.

Stand: 04.01.2018