Au-pair-Zeit für erfahrene Frauen

Agentur vermittelt Kinderbetreuerinnen über 50 in die ganze Welt

Von Carmen Molitor

Au-pair? Ist das nicht nur etwas für ganz junge Frauen? Weit gefehlt, denn seit drei Jahren gibt es in Hamburg eine "Granny (Oma)-Aupair"-Initiative, die Frauen über 50 Jahren einen Aufenthalt in Familien oder Projekten im Ausland vermittelt. Abenteuer und Freiheit inklusive.

Hätte es Michaela Hansen als Jugendliche geschafft, als Aupair ins Ausland zu gehen, ihre Agentur wäre wahrscheinlich nie entstanden. "Ich wäre so gerne als junge Frau in die Welt hinausgezogen", erinnert sich die 50-Jährige wehmütig, "aber ich habe mit 19 geheiratet, bekam mit 20 das erste Kind, mit 21 das zweite – da hat man genug anderes zu tun. Es blieb ein unerfüllter Lebenstraum." Als Michaela Hansen vor drei Jahren mal wieder sehnsuchtsvoll im Fernsehen eine Sendung über junge Au-pairs schaute, kam ihr eine Idee: Wieso sollten einen Job, bei dem es um Kinderbetreuung geht, eigentlich nicht auch ältere Frauen übernehmen? "Die können das doch genauso gut, wenn nicht sogar noch besser", überlegte sie sich – und wurde aktiv.

Die Hamburgerin rief "Granny Aupair" ins Leben. Eine Initiative, die es Frauen über 50 Jahren ermöglichen will, als Au-pair in eine Familie oder in ein Sozialprojekt ins Ausland zu gehen. Sie bietet eine Plattform für die Kontaktaufnahme zwischen den suchenden Familien und den reiselustigen Frauen. Mehr als 100 von ihnen vermittelte Granny Aupair in den vergangenen zwei Jahren in alle Welt – von den USA, bis hin nach China oder Neuseeland. Gedacht ist der Job als Kinderbetreuung auf Zeit, bei der die Frauen wie ein Familienmitglied behandelt werden und Kost und Logis erhalten. "Sie sollen nicht etwa als günstige Haushaltshilfen eingespannt werden", betont Hansen.

Ihre Initiative bringt die beiden Parteien zusammen, sammelt Informationen über die Bewerberinnen und die Familien. Dafür zahlen die Frauen 49 Euro an Granny Aupair, bei der Vermittlung werden noch einmal 200 Euro fällig. Alles andere liegt in der Hand der Familie und der Au-pair: Wer den Flug bezahlt, ob es ein Taschengeld gibt, wie die Unterbringung aussieht, über welchen Zeitraum der Einsatz verläuft – all das ist Verhandlungssache. Auch die Reisevorbereitung – vom Beantragen der Visa bis hin zum Abschluss von Versicherungen – liegt in der Hand der Frauen selber. Entsprechend seien es meist gut ausgebildete und reiseerfahrene Frauen, die sich für die Aupair- Stellen bewerben, berichtet Michaela Hansen.

Inge Schneider ist so eine Frau. Die heute 70-Jährige beneidete als junge Frau glühend zwei Klassenkameradinnen, die als Au-pair in die USA gingen. Sie selber hatte wie Michaela Hansen früh geheiratet und den Wunsch ad acta gelegt. Schon seit sie 30 ist, reist die Mutter dreier Kinder und ehemalige Medizinische Fachangestellte für ihr Leben gern, und zu ihren Träumen zählte es, auch einmal für einen längeren Zeitraum ein Land auch abseits der Touristenpfade zu entdecken.

Als sie über Granny Aupair in einer Zeitschrift las, dachte sie: "Das ist die Idee!" Im September 2010 schickte sie ein Profil an die Initiative und meldete sich für die Suche nach einer Familie an. In Windeseile kam eine Zusage aus Kanada, ihrem Wunschziel. Aber andere Reisepläne waren schon gemacht, Familienfeste standen vor der Tür. "Es ging mir zu schnell", erzählt Inge Schneider. Sie sagte ab. Dann tat sich erstmal nicht viel, bis im Februar und März 2011 Angebote aus Portugal, Rom, London, New York und Indien eintrafen. Zuletzt kam die Anfrage von der Insel Tasmanien, die ein südlicher Bundesstaat von Australien ist. "Prima", dachte sie, "das kenne ich noch nicht, und es ist schön weit weg!" Mehrfach telefonierte sie mit der jungen Familie – der Vater ist Deutscher, die Mutter Australierin, sie haben einen Sohn, Elliot, der damals zwei Jahre alt war. Das Paar musste sich zwischen drei Bewerberinnen entscheiden. Doch schließlich kam der ersehnte Anruf: "Wir möchten, dass Sie kommen!"

"Von da an ging alles Schlag auf Schlag", erinnert sich Inge Schneider. Sie beantragte ein Visum, buchte einen Flug und befasste sich mit dem Problem, wie man einen Koffer für fünf Monate packt, der höchstens 20 Kilo wiegen darf. Dass sie sich als Au-pair beworben hatte, wussten bis zu der Zusage nur ihre Kinder. Und die waren begeistert, wie alle, denen sie später davon berichtete: "Du bist aber mutig, sagten sie zu mir", lächelt Inge Schneider. Unmittelbar vor der Reise flatterten ihre Nerven aber doch. Sie legte sich eine Strategie zurecht: "Wenn alle Stricke reißen, setzt du dich ins Flugzeug und fliegst einfach zurück." Mit dieser innerlichen Rückversicherung reiste sie ab.

Die Gastfamilie lebt in Launceston, der zweitgrößten Stadt in Tasmanien mit rund 70.000 Einwohnern. An drei Tagen in der Woche war Inge Schneider für die Betreuung des kleinen Elliot zuständig, nämlich dann, wenn dessen Mutter arbeiten ging. Die übrige Zeit hatte sie zur freien Verfügung und nutzte sie für viele Entdeckungstouren über die Insel. Insbesondere der Vater freute sich, dass der Sohn bei der Granny-Aupair aus seiner Heimat die deutschen Sprachkenntnisse verbessern konnte. Inge Schneider ließ den Kleinen jeweils entscheiden, ob sie ihm Märchen auf Deutsch oder Englisch vorlesen sollte, und brachte ihm deutsche Kinderlieder bei. Sie mochte den Jungen sehr: "Ein ganz liebes, ausgeglichenes Kind", erzählt sie. Obwohl sie eine erfahrene Mutter und Großmutter ist, war Elliots Betreuung für sie nicht ohne: "Es ist ein verantwortungsvoller Job. Wenn man fremde Kinder betreut, ist man nervöser als bei den eigenen."

Eine wunderbare Zeit, viele neue Eindrücke und interessante Begegnungen – so ist die Bilanz der fünf Monate am anderen Ende der Welt. Es habe aber insbesondere am Anfang auch Zeiten gegeben, in denen sie sich allein fühlte und unter dem nasskalten Wetter litt, gesteht Inge Schneider. Bei der Wohnsituation musste sie Abstriche machen: Sie hatte zwar ein eigenes Zimmer, jedoch kein eigenes Bad. "Aber das geht alles", sagt sie. Mit dem Paar hatte sie von Anfang an verabredet, über aufkommende Missverständnisse und Probleme rasch zu reden. Daran hätten sich alle gehalten, und sie seien gut miteinander zurechtgekommen.

Wenn sie an den Abschied am Flughafen denkt, muss sie heute noch schlucken. Es sei ihr schwergefallen, wegzugehen, obwohl sie sich auch auf das Wiedersehen mit ihrer eigenen Familie freute. Zuhause in Köln habe sie zwei Wochen gebraucht, um auch innerlich wieder anzukommen. Manchmal saß sie auf dem Sofa und konnte kaum glauben, dass sie wirklich fünf Monate in Tasmanien gewesen war.

Offener sei sie durch die Reise geworden, selbstbewusster und freier, erzählt sie. Bald will sie das nächste Mal los, wieder als Granny-Aupair. Michaela Hansen wird sie beneiden. Die machte zwar durch ihr Engagement für viele Frauen möglich, was sie sich selbst immer erträumte. Sie selbst war aber immer noch nicht Au-pair. Keine Zeit!

Hinweis: Inzwischen vermittelt die Agentur nicht nur Kinderbetreuung, sondern auch Gesellschafterinnen. Nähere Informationen unter: www.granny-aupair.com

Stand: 04.01.2018