"Wir verteidigen eine lebenswerte Zukunft"

Europa, ein historisches Friedensprojekt oder doch eher ein überholtes Gemeinschaftsmodell, das in der globalisierten Welt nicht mehr mithalten kann? Abschotten, austreten, aufgeben? Bloß nicht, sagen die vielen EU-Befürworter, die sich in diesen Wochen wieder versammeln, um für ein geeintes Europa zu kämpfen. "Pulse of Europe" ist eine der Initiativen. "Frau und Mutter" sprach mit deren Gründerin Sabine Röder.

Von Jutta Laege

Frau und Mutter: Sie sind kürzlich mit dem Erich-Fromm-Preis für herausragendes gesellschaftspolitisches Engagement geehrt worden. Das Bundesverdienstkreuz haben Sie auch schon. Was bedeuten Ihnen derartige Auszeichnungen?

Sabine Röder: Diese Auszeichnungen gelten natürlich der gesamten Bewegung "Pulse of Europe" und den vielen Menschen, die sich dabei engagieren. Wir freuen uns über alle Maßen über diese Anerkennungen, weil sie zeigen, dass unser Anliegen und unsere Botschaften in der Gesellschaft ankommen und vernommen werden - und wir so tatsächlich etwas bewirken können.

Der unerwartete Brexit im Juni 2016 und die Wahl von US-Präsident Donald Trump im November 2016 waren die entscheidenden Auslöser für die Gründung von "Pulse of Europe". Wenn Sie heute auf Europa schauen: Ist Europa überhaupt noch am Puls der Zeit, also zeitgemäß?

Europa, in dem Fall konkreter, die Europäische Union, ist wahrscheinlich das modernste politische Gebilde, das es derzeit gibt. Es ist auf gemeinsamen Grundwerten gebaut und hat uns Europäern eine bisher einzigartige Phase von Frieden, Kooperation und Wohlstand beschert.

Angesichts dessen kann doch niemand ernsthaft behaupten, die EU sei am Ende, verbraucht, veraltet und von gestern. Dass sie bei Weitem nicht perfekt ist, versteht sich von selbst. Wie auch?

Trotz ihrer Unvollkommenheit ist die Europäische Union das beste Europa, das uns bisher gelungen ist."

Gemessen an staatlichen Entwicklungszyklen steckt sie noch in den Kinderschuhen. Leider geben ihr im Moment viele nicht die Entwicklungszeit, die sie natürlicherweise bräuchte. Das Projekthafte, das der Union innewohnt, wird überwiegend verkannt, und dabei übersehen, dass sie trotz ihrer Unvollkommenheit das beste Europa ist, das uns bisher gelungen ist.

Und dass es keine einzige gute Alternative gibt, als weiter daran zu arbeiten. Die globalen Herausforderungen lassen sich doch nicht von den kleinen europäischen Nationalstaaten stemmen! Wir verteidigen deshalb keinen langweiligen Status Quo, sondern eine lebenswerte Zukunft.

Die Initiative startete in Frankfurt und ist inzwischen auf dem ganzen Kontinent vertreten - wer macht dabei mit und warum?

Menschen, die sich - allesamt ehrenamtlich - für den Erhalt eines vereinten Europas einsetzen, sich gegen den rückwärtsgewandten, aber leider erstarkenden Populismus und Nationalismus wenden, die einen Beitrag dazu leisten möchten, dass es auch in Zukunft ein vereintes, demokratisches Europa gibt:

Ein Europa, dessen Gesellschaft auf Achtung der Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsvielfalt, Toleranz und Respekt baut. Leider ist dieses Europa derzeit gravierend bedroht, und die Angriffe kommen von innen wie von außen. Deshalb gilt es jetzt, uns zu verteidigen.

Was bestärkt Sie, für dieses Europa zu kämpfen?

Allem voran meine Kinder. Wir tragen die Verantwortung für die Gestaltung unserer Zukunft und ich bin mir bewusst, dass von uns allen echter Einsatz gefragt ist. So banal es klingen mag: Freiheit wächst nicht auf Bäumen. Frieden ist kein Naturgesetz.

Freiheit wächst nicht auf Bäumen. Frieden ist kein Naturgesetz."

Wir haben es uns aber zu gemütlich gemacht in unserer Wohlstandsgesellschaft und sind träge geworden. Dabei weiß man, dass die Demokratie nie an ihren Feinden scheitert, sondern an der Untätigkeit der Demokraten.

Was macht "Pulse of Europe" in diesen Wochen vor der Europawahl konkret?

Wir haben eine Kampagne entwickelt, die ganz konkret auf die Steigerung der Wahlbeteiligung abzielt. Unter 45 Prozent bei der letzten Europawahl können wir uns dieses Mal nicht leisten. Denn dann werden die Befürchtungen, dass ein signifikanter Anteil der Sitze im Parlament an erklärte EU-Gegner geht, die letztlich das Ziel verfolgen, die Institutionen von innen heraus zu zerstören, wohl traurige Realität.

Wir haben zusätzlich zahlreiche eigene öffentliche Veranstaltungen, Diskussionsrunden, Lesungen, Schulveranstaltungen oder auch eine Poetry-Slam-Reihe. Daneben laufen unsere "HausParlamente", ein Verfahren der Bürgerkonsultation durch die Politik, an dem sich jede und jeder im eigenen Rahmen beteiligen kann.

An Möglichkeiten, sich zu engagieren und sich einzubringen, fehlt es jedenfalls nicht. Und wie gesagt, es ist derzeit notweniger denn je, dass wir alle runter vom Sofa kommen und deutliche Zeichen setzen.

Die EU kostet nur Geld, ist ein Bürokratiemonster, kassiert nationale Interessen - was sagen Sie den EU-Kritikern?

Nationale Egoismen und Alleingänge werden oft als Verfolgung nationaler Interessen missinterpretiert. Dabei wird leider übersehen, dass doch das eigene Wohl und Wehe von dem der Nachbarn abhängt. Dieses Denken muss endlich einer neuen europäischen Dimension weichen.

Nur der Blick durch die größere Brille wird es uns ermöglichen, die EU sinnvoll weiterzuentwickeln."

Auch diejenigen, die sich ständig im Klein-Klein der Gurkenkrümmung und anderer Regularien verhaken, verstellen sich den Blick auf die Wichtigkeit Europas. Durch die Gleichsetzung der Europäischen Union mit Regulierungswut - teilweise berechtigt, teilweise unberechtigt - verblasst die größere Perspektive - sozusagen "Gurkenkrümmung statt Frieden". Nur der Blick durch die größere Brille wird es uns ermöglichen, die EU sinnvoll weiterzuentwickeln.

Europa steht vor riesigen Herausforderungen im globalen Gefüge: Was sind aus Ihrer Sicht die drei dringendsten Aufgaben im internationalen Kontext?

Die Herausforderungen sind so gewaltig und mannigfaltig, und täglich kommen neue hinzu, dass es schwerfällt, sich hier auf die dringendsten festzulegen. Ganz sicherlich aber können Maßnahmen zu effektivem Klima- und Umweltschutz, Schutz der inneren und äußeren Sicherheit und verbindliche soziale Standards nur gemeinsam erreicht werden.

Warum sollen die Menschen am 26. Mai wählen gehen?

Ganz einfach: Weil sie ihre Zukunft wählen. Tun sie es nicht, machen es andere für sie.

DAS IST "PULSE OF EUROPE"

"Pulse of Europe" ist eine 2016 in Frankfurt gegründete Bürgerbewegung, die sich für den Erhalt und die zukunftsfähige Gestaltung eines vereinten Europas einsetzt.

Sie finanziert sich ausschließlich aus Spendengeldern, verfolgt keine parteipolitischen Ziele, ist keiner Interessengruppe verbunden und überkonfessionell.

"Pulse of Europe" ist in 21 europäischen Ländern und in 106 deutschen Städten aktiv. Jeden ersten Sonntag im Monat treffen sich die Befürworter um 14 Uhr zu Kundgebungen. Dabei geht es hauptsächlich darum, Präsenz zu zeigen und ein Zeichen zu setzen.

Infos und Aktionsstädte: www.pulseofeurope.eu

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Stand: 17.04.2019