100 Jahre Frauenwahlrecht - 100 Jahre Frauengeschichten

Seit Frauen am 19. Januar 1919 erstmals wählen durften, haben sie sich nicht mehr von ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung abbringen lassen. In dieser Serie stellen wir starke Frauen aus zehn Jahrzehnten vor, die Politik, Gesellschaft und Kirche prägten und für Freiheit, Glauben und Gleichberechtigung eingetreten sind. Alle historischen Frauenporträts im Überblick

Folge 2: Margarete von Wrangell (1877 - 1932)

 

"Jedenfalls weiß ich, wofür ich kämpfe" 

Es ist das Jahr 1877: Königin Victoria von Großbritannien wird zur Kaiserin von Indien proklamiert. Der amerikanische Erfinder Thomas Edison erzeugt eine Tonaufzeichnung auf einer bespannten Stahlwalze, die er zum Phonographen weiterentwickelt. Dem französischen Physiker Louis Paul Cailletet gelingt die Verflüssigung von Sauerstoff. In diesem Jahr wird am 7. Januar Margarete von Wrangell geboren. 43 Jahre später wird sie Deutschlands erste Professorin. 

Von Nadine Diab

Die Eltern, aus einer deutsch-baltischen Adelsfamilie, entscheiden sich für den Namen "Magarita" - so steht es zumindest auf dem russischen Taufschein.

Entzückt von ihrer kleinen Tochter übersetzen sie den Blumennamen Margerite ins Englische und nennen das Kind Daisy. "... am ersten Tag des Weihnachtsfestes wurde unser Daisychen (Margarete) geboren. Wir empfingen dieses Geschenk als eine besondere Gnade Gottes", schreibt Mutter Ida von Wrangell über ihr drittes Kind. Mutter und Tochter sollen zeitlebens ein sehr enges Verhältnis haben.

Bereits die Kindheit Margarete von Wrangells ist geprägt von umfassender Bildung, die sie wissbegierig aufsaugt. Die Kinder wachsen mehrsprachig auf, ihr Vater kämpft als Offizier für den russischen Zaren. Er stirbt noch in ihrer Kindheit, genau wie die ältere Schwester. Großvater und die andere Schwester werden folgen.

Nichts schreckt sie ab, alles traut sie sich zu

Die einzige Vertraute: ihre Mutter. In der Schule ist Margarete "Daisy" unter den Besten. Homer und Vergil liest sie im Original. Arithmetik, Naturkunde, Philosophie: Schon damals will sie immer mehr wissen, immer tiefer in die Materie dringen. Nichts schreckt sie ab, alles traut sie sich zu.

1894 legt sie das Lehrerinnenexamen ab und unterrichtet an einer Mädchenschule. Doch sie will mehr. Einfach mehr. Von Wrangell spürt tief in sich den Ruf des Lebens, doch wohin?

1898 schreibt sie einer Freundin: "Ich versuchte es mit Religion. Dann versuchte ich es mit Philosophie; lauter leere Verstandessätze und nie ein kleines bisschen Leben oder Nutzen davon. Also das ist das Leben, worauf man sich gefreut hat? Kommt denn wirklich gar nichts Packendes, Lebendes, Lebenslohnendes?

Bruder Nikolai erkrankt an Tuberkulose. Er weiß, dass er unheilbar krank ist, und erfüllt sich seinen Lebenstraum: In Zürich studiert er Chemie, stirbt dort. Auch Margarete wird schwer krank, bekommt Depressionen. Wohin nur mit ihrem Leben? Die Krankheit rüttelt sie wach. Im Sommer 1903, mit 26 Jahren, beschließt sie, Naturwissenschaften zu studieren. Die Familie ist entsetzt. Was für eine verrückte Idee! Was für eine Emanzipation!

Die Mutter stellt sich hinter ihre Tochter. Doch es wird nicht einfach. Die Universitäten damals - noch zu sehr von Männern dominiert. Ehefrau und Mutter: Das ist die Aufgabe der Frau Anfang des 20. Jahrhunderts, das ist ihre Berufung. Darin sind sich die meisten Zeitgenossen einig.

Frankreich und Italien lassen seit 1870 Frauen an der Universität zu. Doch Deutschland ist weit hinten. Nur in einem einzigen deutschen Land dürfen sie die Hochschulen besuchen: in Baden ab 1900.

Weiter forschen, weiter lernen, weiter entdecken

Mit 27 Jahren beginnt Margarete von Wrangell das Studium der Chemie und Botanik in Tübingen. Besonders hat es ihr die organische Chemie angetan. 1909 promoviert sie mit "Summa cum laude". Doch sie will mehr.

Weiter forschen, weiter lernen, weiter entdecken. Ihre Herkunft ist ihr Glück. Sie muss nicht arbeiten, kann es sich leisten, im Ausland zu forschen. Ihre Wissbegierde führt sie zu den renommiertesten Denkern ihrer Zeit. Ein Jahr arbeitet sie im Labor des Chemikers William Ramsay in London, ein weiteres Jahr in Paris bei Marie Curie.

In Estland übernimmt sie die Leitung der Versuchsstation des Estländischen Landwirtschaftlichen Vereins. Ihre Aufgabe: Kontrolle von Saatgut, Futter und Düngemitteln.Ihre Vision: Mineraldünger, die sich aus Kalium, Phosphorsäure und Stickstoff zusammensetzen. Doch die Oktoberrevolution im Jahr 1917 setzt allem ein Ende. Margarete wird für mehrere Wochen inhaftiert. Am Ende geht die Wissenschaftlerin zurück nach Württemberg.

"Direktor Warmbold holt die arbeitslose und vertriebene junge Wissenschaftlerin nach Hohenheim und verschafft ihr eine Stelle an der Hohenheimer Landwirtschaftlichen Versuchsstation. Fast so, als wäre kein Krieg, keine russische Revolution und keine deutsche Kapitulation gewesen, führt Margarete ihre Forschungen zur Phosphorsäurefrage fort", sagt der Experte Professor Ulrich Fellmeth, Leiter des Archivs der Universität Hohenheim.

Ich habe viele Kämpfe in meinem Berufe."

1920 reicht sie ihre Habilitationsschrift über "Die Gesetzmäßigkeiten der Phosphorsäureernährung der Pflanzen" ein.  Eigentlich ist der Weg zur Professur jetzt frei. Doch in der Praxis sieht es anders aus.

Eine Frau als Professorin an einer deutschen Hochschule? Der Widerstand regt sich gegen sie, Neider lassen Plagiatsvorwürfe laut werden. Hat sie am Ende alles gar nur abgeschrieben?

Wieder mal kämpft von Wrangell und gewinnt am Ende. Am 10. März 1923 wird ihr die ordentliche Professur für Pflanzenernährung an der landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim übertragen.

"Ich habe viele Kämpfe in meinem Berufe. Ich bin der erste ordentliche weibliche Professor in Deutschland. Bin zudem durch einige wissenschaftliche Größen anerkannt worden. Das hat mir die Feindschaft vieler eingetragen, aber mein Institut ist eine Schöpfung, die von dauerndem Wert und Nutzen bleiben wird. Jedenfalls weiß ich, wofür ich kämpfe", schreibt sie 1931 an ihre geliebte Mutter.

Knapp ein Jahrzehnt leitet sie erfolgreich das Institut. Dann stirbt Deutschlands erste Professorin mit nur 55 Jahren im März 1932 an einem Nierenleiden.

Vergessen ist sie jedoch nicht: Seit 1997 schreibt das Land Baden-Württemberg das Margarete-von-Wrangell-Habilitationsprogramm aus, um qualifizierte Wissenschaftlerinnen zur Habilitation zu ermutigen.

Die wichtigen Frauen des Jahrzehnts 1919 -1929

Einzige Meisterin des "Bauhaus" war von 1927 bis 1931 Gunta Stölzl. Nicht der Meisterrat, sondern die Angehörigen ihrer Werkstatt, der Weberei, hievten sie in diese Position.

In Frankreich erfand unterdessen Coco Chanel das "kleine Schwarze", das bis heute einen Klassiker in der Damenmode darstellt.

Hedwig Dransfeld, Vorsitzende des Katholischen Frauenbundes ab 1912, gehörte ab 1919 zu den ersten Frauen der Nationalversammlung und setzte sich für eine frauenfreundlichere Sozialpolitik ein.

Stand: 28.01.2019