100 Jahre Frauenwahlrecht - 100 Jahre Frauengeschichten

Seit Frauen am 19. Januar 1919 erstmals wählen durften, haben sie sich nicht mehr von ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung abbringen lassen. In dieser Serie stellen wir starke Frauen aus zehn Jahrzehnten vor, die Politik, Gesellschaft und Kirche prägten und für Freiheit, Glauben und Gleichberechtigung eingetreten sind. Alle historischen Frauenporträts im Überblick

Folge 11: Ursula von der Leyen (geb. 1958)

Lächelnd von Berlin nach Brüssel

Sie ist ehrgeizig, sie ist pflichtbewusst, sie ist umstritten. Aber sie hat es an die Spitze geschafft, wenn auch mit Verzögerung, weil drei Kandidaten für die EU-Kommission beim Parlament zunächst durchfielen. Doch eines ist ihr nicht abzusprechen: Ursula von der Leyen ist eine glühende Europäerin und muss nun den Kontinent in die Zukunft führen.

Von Nadine Diab

Beim Indianerspielen mit ihren Brüdern war sie immer Winnetou, nie Nscho-tschi. Robust, sportlich, zupackend, unkompliziert: So bezeichnen sie ihre Geschwister. Ein wenig ungewöhnlich daher der Spitzname zu Hause: "Röschen". Das klingt zart, das klingt süß, das klingt aber auch nach Dornen. Ein weiblicher Winnetou eben unter fünf Brüdern.

Ursula von der Leyen kommt am 8. Oktober 1958 als Ursula Gertrud Albrecht auf die Welt. Ihr Vater ist der CDU-Politiker Ernst Albrecht, der viele Jahre lang Ministerpräsident von Niedersachsen ist. Kurz nach der Geburt notiert Heidi Adele Albrecht über ihre Tochter: "Du bist ein sensationelles Baby, das sich nicht ins Leben hineinschreit, sondern von einem friedlichen Schlummer in den nächsten gleitet."

Sensationell ist eine starke Begrifflichkeit und irgendwie passt sie durchaus, wenn man auf Ursula von der Leyens weiteren Lebenslauf und den (vorläufigen) Höhepunkt blickt: Als erste Frau auf diesem Posten wird sie 2019 Präsidentin der EU-Kommission. Die Personalie ist bemerkenswert, denn die siebenfache Mutter und promovierte Frauenärztin war bei der Europawahl bei Weitem keine Spitzenkandidatin.

Mal wieder hat sie es allen bewiesen

Und doch, sie hat es geschafft. Mal wieder. Hat es allen bewiesen. "Für mich schließt sich jetzt ein Kreis", sagt sie kurz nach der Wahl. Die Erleichterung ist ihr anzusehen. Die Erschöpfung auch. Sie lächelt, wie sie schon so oft in ihrem politischen Leben gelächelt hat.

Von der Leyen wird in Brüssel geboren. Sie besucht die Europaschule, spricht fließend Französisch und Englisch. Als sie 14 Jahre alt ist, zieht die Familie nach Niedersachsen.

Wenige Jahre später schafft sie ihr Abitur mit einem Schnitt von 0,7. Nach dem Abschluss studiert sie Archäologie, wechselt dann zur Volkswirtschaftslehre und 1978 an die London School of Economics and Political Science. Dann folgt das Medizinstudium. Das klingt nach viel Bildung, aber noch nicht wirklich nach viel Politik.

Partei ist ihr nicht wichtig

Erst 1990 tritt Ursula von der Leyen in die CDU ein. "Sie ist eine Außenseiterin in der Welt der CDU. Als Späteinsteigerin fehlen ihr die Weihen der politischen Frühverwurzelung, in der Jungen Union war sie nie", schreiben die Journalisten Peter Dausend und Elisabeth Niejahr in von der Leyens Biographie "Operation Röschen - Das System von der Leyen". "Partei ist ihr nicht wichtig."

Von der Leyen hat über ihren Vater einen Satz gesagt, den man auch auf sie übertragen könnte. Er lautet: "Mein Vater war ins Regieren verliebt und eher zufällig in der CDU." Für Albrecht war die Politik in erster Linie kein Interessenausgleich, sondern vielmehr ein Wettbewerb um die intelligenteste Problemlösung.

Die Tochter denkt oft ähnlich, hat sich viel vom Vater abgeschaut. Auch das stellen Dausend und Niejahr in der Biographie heraus. Wie der Vater neige auch von der Leyen dazu, politische Gegner zu umarmen, statt zu entmachten. Wie der Vater setze sie ihre Interessen stets lächelnd und strahlend durch. Und genau wie ihr Vater findet sie Parteipolitik langweilig.

Vom Vater lernt sie jedoch auch, dass Inszenierung zur Politik gehört. Gerne zeigt sich der im Fernsehen. Lächelnd und strahlend natürlich. Einmal sogar singen die Kinder in der Aktuellen Schaubude "Trara, es tönt wie Jagdgesang". "Röschen" steht hinter der Mutter, lächelt ihr gewinnendes Lächeln. Es ist nur einer von vielen Medienauftritten in der Jugend. Sich zeigen, sich präsentieren, das gehört dazu.

Unter dem damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff wird von der Leyen 2003 Ministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit in Niedersachsen. Ihre Themen: bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Reformen im Gesundheitswesen.

Doch das ist nur eine Zwischenstation: schnell zieht es die zielstrebige Ministerin, deren idyllisches Zuhause Tundrinsheide bei Hannover mit den vielen Kindern und Tieren von Journalisten "Bullerbü" getauft wurde, nach Berlin. Nach der Bundestagswahl im September 2005 wird von der Leyen im Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Immer wieder gerät sie wegen der Themen Elterngeld und Krippenausbau mit Parteifreunden aneinander. Eine Initiative, mit Seitenzugriffsperren gegen Kinderpornographie-Anbieter im Internet vorzugehen, bringt ihr den Spitznamen "Zensurla" ein.

Von der Presse wir sie inzwischen "Super-Mutti" genannt

Von der Leyen nutzt geschickt die Medien, betreibt PR in eigener Sache. Als Arbeitsministerin, die von der Leyen 2009 wird, hilft sie, von der Presse inzwischen "Super-Mutti" genannt, armen Kindern, redet von warmen Speisen in ihrem "Bildungspaket" und ist dabei immer gut gelaunt und total entspannt.

Doch: "Was davon ist wirklich authentisch?", fragen sich mittlerweile ihre Kritiker. "Sie zeigt der Öffentlichkeit ein Leben aus Vaseline, ein vollkommen bruchloses Leben. Sie raucht nicht, trinkt nicht, isst keine Königsberger Klopse nach acht, liebt ihren Mann, sie hat sieben Kinder, die auf Fotos immer so aussehen, als würden sie freiwillig ihre Schuhe putzen", schreibt der Spiegel.

Auch in der eigenen Partei sorgt von der Leyen regelmäßig für Kontroversen. Einen heftigen Streit löst ihr Vorstoß aus, eine Frauenquote für Unternehmensvorstände und Aufsichtsräte zu etablieren. Am Ende kann sie sich nicht durchsetzen, auch weil Kollegin Kristina Schröder eine feste Quote ablehnt.

2013: das nächste Amt mit Macht. Als erste Frau in der Geschichte der Bundesrepublik wird sie Verteidigungsministerin. Am 17. Dezember 2013 übernimmt sie das Amt von ihrem Vorgänger Thomas de Maizière. Auf die Frage, woraus ihre Macht erwächst, antwortete von der Leyen der "taz" einmal: "Wenn du etwas erreichen willst, musst du über das kluge Instrument nachdenken".

Überstanden hat sie die Krisen bisher immer

Sie scheint es zu beherrschen, fallen doch in ihre Zeit als Verteidigungsministerin drei handfeste Krisen, die sie beinahe das Amt gekostet hätten.

2015 wird sie durch das Projekt "VroniPlag" mit Plagiatsvorwürfen in ihrer Dissertation konfrontiert. Am Ende behält sie - im Gegensatz zu Annette Schavan und Theodor zu Guttenberg Job und Titel.

Eine vom Spiegel aufgedeckte Berateraffäre bringt sie (bisher) nur ins Wanken. Während von der Leyen in schwarzer Jacke vor dem Kampfjet posiert, macht dann auch noch diemarode Ausrüstung der Bundeswehr ihr zunehmend zu Schaffen.

Auch die Causa "Gorch Fock" kostet Nerven: Die Instandsetzung des Segelschulschiffs der Marine ist deutlich teurer als geplant. Die Ministerin legt am Ende fest, dass der Rahmen von 135 Millionen nicht überschritten werden darf, ursprünglich waren 10 Millionen angesetzt.

Überstanden hat sie die Krisen bisher immer. Die jüngste geschah noch vor Amtsantritt in Brüssel. Ihre gewünschte 50-Prozent-Frauenquote für die Kommission wird von der Leyen nicht durchbringen. Bei Redaktionsschluss stand soviel fest: 12 von 27 Kommissionsmitgliedern sollen Frauen sein: Immerhin 44 Prozent!

Weitere Wichtige Frauen des Jahrzehnts 2009 bis 2019

Michelle Obama wird 2009 an der Seite ihres Mannes Barack die erste afroamerikanische First Lady der USA. Sie setzt sich für Emanzipation und Gleichberechtigung ein.

Malala Yousafzai, Kinderrechtlerin aus Pakistan, erhält im Jahr 2014 den Friedensnobelpreis. Zuvor hatte sie sich für den Schulbesuch von Mädchen in Pakistan eingesetzt und war deshalb von den Taliban angeschossen worden.

Stand: 02.12.2019