"Frau und Mutter"-Serie: 30 Jahre Mauerfall
Geschichten zur Einheit: Dezember 1989

Gemeinsam bewegen und voneinander erzählen!

Der Mauerfall vor 30 Jahren hat für die kfd in Ost und West immer noch eine große Bedeutung. "Gemeinsamkeiten stärken" lautet auch für den Frauenverband das Gebot der Stunde.

Von Jutta Laege

Besondere Daten verdienen besondere Gestaltung. Genau 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer trafen sich kfd-Delegierte aus Ost und West zur diesjährigen Mitgliederversammlung an historischem Ort - in Berlin. Vor allem, um sich auszutauschen und weiter voneinander zu lernen.

"Es ist ganz wichtig, dass wir uns gegenseitig von uns erzählen", warb kfd-Frau Angelika Pohler aus Leipzig beim Wortgottesdienst im Gemeinderaum der Versöhnungskapelle, die auf dem Gebiet des ehemaligen Todesstreifens steht.

Die Bundesvorsitzende Mechthild Heil zog aus dem Jahrestag auch für die kfd große Hoffnung: "Die Geschichte des Mauerfalls hat gezeigt: Wir können etwas bewegen, auch wenn es uns vielleicht jetzt noch sehr groß vorkommt."

"... weil es unsere Heimat war"

Die Frauen aus Ost und West waren angereist, um neben der Mitgliederversammlung auch an dem vom kfd-Bundesverband organisierten Studientag zu "30 Jahre Mauerfall" teilzunehmen. Neben einer Besichtigung des Deutschen Bundestages gab es eine Talkrunde, zu der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Berlin und der ehemaligen DDR eingeladen waren.

Prominentester Gast war der Leiter der Stasiunterlagenbehörde (BStU), Roland Jahn, der schon als junger Mann gegen die SED-Diktatur gekämpft hatte, die Friedensgemeinschaft Jena mitbegründete, inhaftiert und 1983 zwangsausgebürgert wurde.

Er protestierte vergeblich gegen seine Zwangsausreise. "Ausgesperrt wie ein Stück Frachtgut", habe er sich gefühlt. Dabei hatte er doch bleiben wollen, "nicht wegen des besseren Staates, sondern weil es unsere Heimat war". Als Journalist in Westberlin unterstützte er bis 1989 unter Pseudonym die Oppositionellen in der DDR.

Und als sich am Abend des 9. November auf den Fluren des Senders Freies Berlin die Nachricht "Die Mauer ist offen", verbreitete, "war es eine Genugtuung" für ihn. Was er dann tat? "Ich bin an den Grenzübergang, gegen den Strom nach Hause, zu meinen Eltern nach Jena gefahren.

"Wir hatten Gott sei Dank unsere Kirche, die die Türen geöffnet hatte"

Die Nacht des 9. November 1989 - dreißig Jahre danach kamen viele Gefühle wieder hoch. Christa Scholz, damals Mitarbeiterin in einer katholischen Studentengemeinde in Köpenick, berichtete von Tränen vor dem Fernseher, weil sie verpasst hatte zum Brandenburger Tor zu fahren, obwohl sie noch kurz vorher ganz in der Nähe gewesen war.

Die evangelische Pfarrerin Almuth Berger, die die Bürgerrechtsbewegung "Demokratie Jetzt" mitbegründet hatte, bekannte: "Ich hatte erst eine richtige Blockade." Jahrelang hatten sie und ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen unter dem Dach der evangelischen Kirche für Frieden, Umweltschutz und vor allem für eine menschlichere Gesellschaft gekämpft. "Wir wollten den Menschen helfen, in dieser sozialistischen Welt als Christen leben zu können."

Auch Ruth Misselwitz, ebenfalls evangelische Pfarrerin, engagierte sich in der kirchlichen Friedensbewegung und gründete 1981 mit dem "Friedenskreis Pankow" eine der größten oppositionellen Gruppen in der DDR. "Wir hatten Gott sei Dank unsere Kirche, die die Türen geöffnet hatte", sagt sie rückblickend.

In der Erinnerung an den Tag des Mauerfalls muss sie schmunzeln: "Als uns ein Freund sagte: 'Kannst Du Dir vorstellen, die haben die Mauer geöffnet?', da habe ich geantwortet: 'Ach, das wird schon nicht so schlimm werden.'" Dann habe sie doch noch die Kinder aus dem Bett geholt und sei mit ihnen
zum Grenzübergang Bornholmer Straße gefahren ...

Die Erinnerungen waren so unterschiedlich wie die Biographien. Mechthild Heil erging es wie vielen Frauen aus Westdeutschland: "Im Grunde war die DDR ja ziemlich weit weg und hat unser tägliches Leben nicht berührt."

Als sie als junges Mädchen am "gesamtdeutschen" Katholikentag 1980 in West- und Ostberlin teilnahm, sei ihr das alles "sehr konspirativ" vorgekommen. Erst Tage nach dem Fall der Mauer habe sie begriffen, was da in Bewegung kommt.

"Mauern in den Köpfen"

Der Fall der Mauer birgt viele Geschichten, ebenso, wie der Tag des Mauerbaus, der 13. August 1961. Auch darüber wurde in Berlin lebhaft diskutiert. Flucht- und Familiengeschichten wurden ausgetauscht, der Leiden auf beiden Seiten der Grenze gedacht. Sebastian Kohlhoff, Politikwissenschaftler und Mitarbeiter im Bundestag, fand am Ende viel Zuspruch, als er im Hinblick auf die Diskussionen um "Mauern in den Köpfen" dafür plädierte, die Sichtweise zu ändern. "Wir sollten mehr darüber reden, was die Gemeinsamkeiten sind und was geschafft wurde."

Er verursachte übrigens einen besonderen Gänsehautmoment im Auditorium, als er von der bewegenden Geschichte seiner Familie berichtete. Seinen Eltern gelang im Kofferraum eines Diplomatenfahrzeugs 1975 die Flucht über den Kontrollpunkt "Checkpoint Charlie". Sebastian Kohlhoff war - genau genommen - auch im Kofferraum: Seine Mutter war schwanger.

Mehr Berichte und Fotos unter: www.kfd.de/mauerfall

Stand: 27.11.2019