Seelsorge - zwischen Glaube, Gewalt, Abgründen und Aufarbeitung

Die Verantwortlichen der Katholischen Kirche, insbesondere die deutschen Bischöfe, stehen seit der Veröffentlichung der MHG-Missbrauchsstudie vor genau einem Jahr massiv unter Druck. Das Ausmaß der Gewalt gegen erwachsene Frauen ist dabei bislang kaum ins Blickfeld gerückt. Geistliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kirche und Orden müssen dringend aufgearbeitet werden, betont Aurica Jax, Leiterin der Arbeitsstelle Frauenseelsorge bei der DBK, im Interview.

Von Jutta Laege

Frau und Mutter: Ihre Stelle als "oberste Frauenseelsorgerin" ist bei der Deutschen Bischofskonferenz angesiedelt. Haben Sie eigentlich mehr mit Frauen oder mehr mit Männern zu tun?

Aurica Jax: Ich arbeite vor allem mit Frauen zusammen - mit meinen Kolleginnen in der Arbeitsstelle und im Bereich Pastoral der Bischofskonferenz, mit den Frauenseelsorgerinnen und den Vertreterinnen der Frauenverbände und anderer Netzwerke.

Aber natürlich gibt es auch Austausch mit den Kollegen aus der Männerseelsorge und mit den Bischöfen. Bisher habe ich in der DBK-Kommission "Frauen in Kirche und Gesellschaft" mit Bischof Bode und Weihbischof Schepers zusammengearbeitet.

Sie kennen als Theologin die Kirchengeschichte sehr genau, haben aber auch im Bereich Feministische Theologie und Genderforschung gearbeitet. Wie fällt Ihre Bestandsaufnahme zur Kirche des 21. Jahrhunderts vor diesem wissenschaftlichen Hintergrund aus?

Die römisch-katholische Kirche hat immer mit der Moderne gehadert, das begann bereits mit der Reformation und verstärkte sich in der Aufklärung. Nach der Abschottung im 19. Jahrhundert erfolgte mit dem Zweiten Vatikanum eine Öffnung zur "Welt", aber der Prozess bleibt zutiefst ambivalent. Dies betrifft auch die Situation von Frauen und ihrem Wunsch nach Gleichberechtigung in der Kirche.

Die römisch-katholische Kirche hat immer mit der Moderne gehadert"

Parallel dazu findet ein Prozess der gesellschaftlichen Entkirchlichung statt, mit dem aber alle Institutionen, auch die evangelischen Kirchen, zu kämpfen haben. Menschen binden sich nicht mehr gerne so fest an Kirchen, Parteien, Gewerkschaften etc. wie früher.

Und dann haben wir noch nicht über die "Gotteskrise" gesprochen. In der gegenwärtigen Glaubenskrise, verschärft durch die Aufdeckung der tausendfachen sexuellen Gewalt, werden nun verstärkt Forderungen nach Reformen laut, wie ja die der kfd nach einer geschlechtergerechten Kirche und der Öffnung aller Ämter und Positionen für Frauen.

Die Stimmung gerade bei diesen Themen ist aufgeheizt. Wie schätzen Sie die Rolle der kfd momentan ein?

Die kfd spielt, gemeinsam mit anderen Frauenverbänden, eine unglaublich wichtige Rolle. Sie vertritt die Anliegen Hunderttausender katholischer Frauen. Und es ist die Aufgabe meiner Arbeitsstelle, diese Anliegen ins Gespräch mit der Bischofskonferenz zu bringen.

Zugleich schätze ich es sehr, dass die kfd sich nicht auf innerkirchliche Themen beschränkt, sondern sich etwa für Nachhaltigkeit und für Rentengerechtigkeit für Frauen einsetzt.

Und dann kommt jetzt auch noch dieses schwerwiegende, wohl auch jahrzehntelang unter der Decke gehaltene Thema "Gewalt gegen Frauen in Kirche und Orden". Was wissen Sie heute darüber?

Schon 2014 erschien das Buch "Nicht mehr ich" von Doris Wagner, die ja auf unserer Tagung gesprochen hat. Mutig und schonungslos - auch mit sich selbst - schildert sie im Buch den Prozess ihrer von anderen mit einer bestimmten Theologie begründeten Entmündigung - und ihren Weg aus dem Orden.

Im Frühjahr 2019 hat außerdem die arte-Dokumentation "Gottes missbrauchte Dienerinnen" viele aufgerüttelt. Es gibt unbestätigte Schätzungen, dass mindestens ein Drittel der Ordensfrauen betroffen ist, auch von Gewalt durch andere Frauen. Neben dem Missbrauch von Priestern an Nonnen gibt es aber auch den Missbrauch anderer erwachsener Frauen durch Priester und Ordensleute, den wir ebenfalls im Blick haben.

Zur schon erwähnten Tagung kamen mehr als 100 Fachfrauen und Betroffene. Sie haben viele Erfahrungen und Berichte gehört. Was hat Sie besonders berührt?

Zu hören, wie der Glaube für die Ausübung geistlicher und sexueller Gewalt instrumentalisiert worden ist, war hart. Damit haben theologisch gebildetere Menschen - häufig Männer, aber auch Ordensfrauen - gegenüber ihren Mitschwestern ihre umfassendere theologische Bildung instrumentalisiert und pervertiert.

Berührt hat mich auch das Ringen von Frauen, die sich oft in einsamen, inneren Glaubens- und Existenzkämpfen befanden und Auswege suchen mussten - aber auch die Geschichten von Menschen, die ihnen dabei geholfen haben.

Was mich empört, ist, dass erwachsenen Frauen immer noch unterstellt wird, sie würden schon einen gewissen eigenen Anteil an dem Erlebten haben. Das ist ein gesamt-gesellschaftliches Phänomen, in diesem Fall aber ist es besonders unchristlich.

Was muss nun geschehen?

Vieles gleicht dem Umgang mit der Gewalt, die Kinder und Jugendliche erleben mussten. Wichtig ist, den Opfern zu glauben! Sie brauchen unabhängige Anlaufstellen.

Die Opfer brauchen unabhängige Anlaufstellen"

Es muss eine strafrechtliche Verfolgung der Täterinnen und Täter geben sowie eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung. Diese beinhaltet nicht ausschließlich Zahlen- und Datenmaterial, sondern auch eine Analyse der systemischen Ursachen.

Auch die theologische Dimension der Gewalt ist zu bearbeiten, die Abgründe, in die wir bei dieser Thematik schauen, und was diese mit uns zu tun haben.

Mehr Frauen in Leitungsämter - ist erklärtes Ziel der Bischofskonferenz. Bei der Besetzung von Weiheämtern mit Frauen bleiben die Bischöfe aber weit hinter den Erwartungen zurück. Doch die Kirche kann ohne Frauen kaum überleben. Wohin wird Ihrer Meinung nach der Weg führen?

Offen gestanden - ich weiß es nicht. Frauenverbände haben in jahrelanger Arbeit den Weg geebnet, trotzdem haben Aktionen wie #MachtLichtAn der kfd als auch Maria 2.0 in ihrer Wirkung alle überrascht. Die Geduld vieler Katholikinnen ist zu Ende, das muss auch den Synodalen Weg mitbestimmen.

Ich habe die Hoffnung, dass es hier weitere grundlegende Verbesserungen gibt - sonst könnte ich diesen Job nicht machen.

Frauenseelsorge bei der Bischofskonferenz

Die Düsseldorfer Theologin Aurica Jax (46) leitet seit einem halben Jahr die Arbeitsstelle Frauenseelsorge bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK).

Sie nimmt in enger Zusammenarbeit mit der Abteilung Pastoral bei der DBK, den Frauenseelsorgerinnen in den Diözesen, den Frauenverbänden und weiteren Akteurinnen die spezifischen Anliegen und Fragen von Frauen in den Blick, leistet Netzwerkarbeit und ist eine Schaltstelle des Dialoges mit den deutschen Bischöfen.

Die Ansiedlung der Arbeitsstelle bei der DBK hat historische Gründe. Sie entstand, als die kfd als katholischer Frauenverband im Nationalsozialismus verboten wurde.

Stand: 14.10.2019