"Frau und Mutter"-Serie: 30 Jahre Mauerfall
Geschichten zur Einheit: Oktober 1989

Der Weg zur friedlichen Revolution 

Vielleicht hätte man sie als "Oppositionelle" gehen lassen, wenn sie einen Ausreiseantrag gestellt hätte. Doch die DDR und damit ihre Heimat zu verlassen, kam für kfd-Frau Angelika Pohler und ihre Familie nicht in Frage. Sie wollte mehr Demokratie und vor allem: Freiheit des Glaubens.

Von Jutta Laege

Die 68-jährige Leipzigerin, katholisch getauft, wirkte in den 1980er-Jahren in der Friedensbewegung der evangelischen Kirche mit. "Wir waren Außenseiter", sagt sie. Doch in der christlichen Gemeinschaft war sie unter Gleichgesinnten. Als aus den Friedensgebeten im Oktober 1989 die friedliche Revolution wurde, war Angelika Pohler mittendrin.

Beim Blick auf ihre Werke im Atelier in Leipzig lässt sich erahnen, was Angelika Pohler umgetrieben hat in all den Jahrzehnten. Der Zyklus ihrer "Labyrinth-Bilder" wirft Fragen auf: Welcher Weg ist der meine? Wohin führt er mich? Wer führt mich?

Die Grafikerin und Buchgestalterin ist die Tochter schlesischer Eltern, die nach der Vertreibung aus ihrer Heimat in Leipzig landeten. Auch ihr späterer Ehemann und die Schwiegereltern stammen aus Schlesien.

Und so bewegt sich der Neuanfang im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat DDR, der Atheismus propagiert und die Konfessionen abschaffen will, bescheiden und in kleinen Bahnen.

"Ich bin im besten Sinne katholisch sozialisiert", erzählt die Künstlerin. Sie tritt weder in die Pionier- noch in die Jugendorganisation (FDJ) der DDR ein und feiert auch keine Jugendweihe. "In der Schule machten die Lehrer dreckige Witze über Priester und über den Vatikan. Diese Außenseiterrolle muss man erst mal aushalten!"

Die Ökumene war und ist uns ein Riesenanliegen, weil wir nur so überleben konnten"

Doch es gibt andere Gemeinschaften: In der Liebfrauengemeinde in Leipzig und später in der angrenzenden St. Martinsgemeinde bildet sich über die Jahre ein ökumenischer Freundeskreis heraus. "Die Ökumene war und ist uns ein Riesenanliegen, weil wir nur so überleben konnten", resümiert Angelika Pohler. Die Katholiken waren und sind bis heute eine kleine Minderheit.

In den 1970er-Jahren darf die junge Frau immerhin studieren - als "Arbeiterkind" drückt der Staat bei ihr wohl beide Augen zu. Die Pohlers, inzwischen zu viert (Angelika, Konrad und zwei Töchter), leben fortan in ihrer Nische, die Gemeinde bleibt Anlaufstelle, man verbringt gemeinsam die Ferien, tauscht sich aus und findet sich ab den 1980er-Jahren in den Vorläufer-Gruppen der Friedensgebete wieder.

"Natürlich sind wir bespitzelt worden", erinnert sich die 68-Jährige. "Über die Nachbarn wurde unser Telefon abgehört und verschaffte sich die Stasi Zutritt in die Wohnung."

Was wie eine Szene aus dem Film "Das Leben der anderen" klingt, war für DDR-Bürger zumindest immer im Bereich des Denkbaren. Zumal, wenn man zu den "Oppositionellen" gehörte.

Denn spätestens mit den regelmäßigen Friedensdekaden "Fasten und Beten für den Frieden", die die evangelische Kirche immer im Herbst organisiert und an denen die Pohlers teilnehmen, sind die DDR-Sicherheitskräfte alarmiert. "Wir waren auf ihrer Liste."

Über die Leipziger Frühjahrs- und Herbstmessen suchen die Aktivisten Kontakt zu Friedensgruppen aus dem Westen, unter anderem Pax Christi in Frankfurt. So bildet sich lange, bevor der große Umbruch stattfindet, der friedliche Widerstand.

Herbst 1989: Die DDR blutet aus

Im Herbst 1989 hätte dennoch alles kippen können. Tausende sind zu dem Zeitpunkt über die ungarisch-österreichische Grenze geflohen, die Ausreise der DDR-Flüchtlinge aus der Prager Botschaft ist nach jenem denkwürdigen Balkon-Auftritt des bundesrepublikanischen Außenministers Hans-Dietrich Genscher seit dem 30. September bewilligt. Der alte Arbeiter- und Bauernstaat blutet aus.

Wer will jetzt noch bleiben? In Leipzig sind es Hunderttausende, die sich nach den Friedensgebeten in der Nikolaikirche, maßgeblich von den Friedensgruppen und dem inzwischen verstorbenen Pfarrer Christian Führer organisiert, zu den "Montagsdemonstrationen" treffen.

Angelika Pohler erinnert sich: "Am 18. September hatte unsere katholische Gruppe das Friedensgebet zu gestalten, wir suchten Texte aus und sorgten für musikalische Begleitung. Unsere große Tochter spielte am Altar Gitarre. An diesem Montag gab es kein Durchkommen mehr. Die Kirche war einschließlich aller Gänge und Emporen brechend voll. Und draußen warteten Polizeiketten und Hundestaffeln."

Das Suchen von passenden Texten für die Friedensgebete gestaltete sich immer als mühsame Angelegenheit. "Außer der Bibel war kaum etwas verfügbar und wir mussten uns ja auch genau überlegen, was wir sagen und vorlesen durften", berichtet die Grafikerin. Sie gestaltete Handzettel und Plakate, vervielfältigte sie heimlich in ihrer Dunkelkammer und verteile sie in Friedenskreisen.

Sie und ihre Mitstreiter wissen zu dieser Zeit, dass sie immer mit einem Bein im Gefängnis stehen. "Das Gefühl war ganz schwierig. Wir waren fixiert darauf, den Frieden herbeizubeten", sagt Angelika Pohler.

"Als wir nach dem Gebet durch die Ketten der Vopos (Anm. der Redaktion: Volkspolizisten) mussten, haben wir nur unsere Kinder fest an uns gehalten." Für die hatten die Pohlers sogar eine Bevollmächtigung zur Betreuung geschrieben: "Um im Falle einer Verhaftung deren Einweisung in staatliche Heime zu verhindern."

Sie sind in diesen Tagen so gut es geht gewappnet. "Wir hatten immer eine Zahnbürste, ein bisschen Kleingeld zum Telefonieren und einen Zettel mit unserem Namen dabei", erzählt Angelika Pohler.

Falls man verhaftet würde, sollte man den Zettel aus der Tasche fallen lassen. "Damit die anderen Bescheid wussten. Denn es konnte sein, dass man tagelang verschwand. Das war eine heiße Zeit."

Draußen am Leipziger Ring formieren sich die Massen zu den ersten Demonstrationen. "Friedlich" wird das Motto dieser Tage. "Was die Menschen in Leipzig wollten, war Veränderung", sagt die Künstlerin. Auf Plakaten fordern die Demonstranten Demokratie, Reisefreiheit und freie Wahlen und ermahnen Polizei und Stasi: "Keine Gewalt".

Der friedliche Protest geschieht mehr und mehr unter den Augen einer staunenden Weltöffentlichkeit. Und die Blicke der Berichterstatter sind in diesem Herbst auf Osteuropa gerichtet.

Am 7. Oktober feiert die DDR ihren 40. Jahrestag mit großem Brimborium in Ostberlin. Was die Kameras dort festhalten: Einen realitätsentrückten Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, eingerahmt von einer SED-Altherrenriege und einem bedeutenden Staatsgast namens Michail Gorbatschow, dessen Satz in die Geschichte eingehen sollte: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Die DDR-Führung versucht noch, sich und ihr System zu retten. Honecker wird entmachtet, Egon Krenz übernimmt. Doch in Leipzig vertrauen sie dem "Kronprinzen", der Monate zuvor den blutigen militärischen Einsatz der Chinesen gegen die Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gelobt hatte, noch weniger.

"Wir sind das Volk"

Der 9. Oktober soll in die Leipziger und die deutsch-deutsche Geschichte eingehen. Die Stimmung unter den Montagsdemonstranten ist angespannt. Es geht die Angst um, weil die Sicherheitskräfte, für die Krenz als ZK-Sekretär verantwortlich ist, in erhöhte Gefechtsbereitschaft gesetzt worden sind. 8.000 Polizisten, Kampfgruppenmitglieder und NVA-Soldaten stehen bereit. In den Krankenhäusern sind die Blutkonserven aufgestockt worden.

Die Nikolaikirche ist schon gegen 14 Uhr mit rund 600 SED-Mitarbeitern besetzt worden. Und draußen versammeln sich trotz der drohenden Gefahr einer "chinesischen Lösung" 70.000 Bürger nach den Friedensgebeten.

Angelika Pohler erinnert sich: "Es gärte unheimlich. In den Betrieben und auf der Straße. Und wir wussten nicht, wie sich die russische Seite verhält. Da konnte man weiß Gott nur beten und hoffen."

Es bleibt friedlich. Die Demonstranten ziehen von der Nikolaikirche zur Stasizentrale, der "Runden Ecke", stellen dort Tausende Kerzen auf und die Staatsmacht greift nicht ein.

 "Wir sind das Volk", schallt es durch die Straßen. Es sind einfach zu viele, um sie zu stoppen! Das Wunder der friedlichen Revolution - in diesem Herbst in Leipzig nimmt es seinen Anfang. Einen Monat später fällt in Berlin die Mauer.

In der nächsten Ausgabe lesen Sie: 9. November 1989 - Berliner kfd-Frauen aus Ost und West erinnern sich an den Mauerfall

 

 

Stand: 25.09.2019