Unheilige Strukturen 

"Begünstigen die Machtstrukturen der Kirche den Missbrauch?" An der Universität Graz stand diese Frage im Mittelpunkt eines Studientages. Initiatorin und Theologin Gunda Werner spricht über Ursachen und Folgen des Missbrauchsskandals für die katholische Kirche und was Verbände wie die kfd tun sollten.

Wie konnte es Ihrer Meinung nach zu einem Missbrauch dieses Ausmaßes in der katholischen Kirche kommen?

Gunda Werner: Die im September veröffentlichte "MHG-Studie" weist deutlich darauf hin, dass sexueller Missbrauch vor allem ein Missbrauch von Macht ist.

In diesem Zusammenhang ist auf das Problem des Klerikalismus zu verweisen, weil dieser die römisch-katholische Machtform ist, die in hierarchisch und autoritärer Struktur die Kommunikation zwischen geweihtem Amtsträger und nicht geweihtem Gegenüber bestimmen kann. Nicht muss!

Aber die Versuchung ist für jene groß, die über ein unsicheres Selbst- oder Rollenverständnis verfügen. Dies ist von Bedeutung, weil die Studie auch eindrücklich darauf hinweist, dass es sowohl Hinweise auf psychosoziale Vorbelastungen bei den Beschuldigten gibt, als auch ein Risikoverhalten im Blick auf beispielsweise Substanzmittelmissbrauch.

Es kann also die Hypothese aufgestellt werden, dass für Männer, die in ihrer psycho-sozial-sexuellen Reife Defizite aufweisen, sowohl das Berufsbild als auch die Seminarausbildung und Sonderstellung des Klerikers anziehend waren oder sind.

Für "Normalsterbliche" sind die Übergriffe, auch in ihrer hohen Zahl, kaum zu begreifen. Welche unheilige Theologie hat Täter und Verantwortliche über Jahrzehnte geschützt?

Dies ist eine sehr schwierige Frage. Als Dogmatikerin, die ich mich mit den Inhalten des Glaubens und seiner gelebten Form, also der Kirche, auseinandersetze, fallen mir drei Themen ein, die sicherlich im Sinne einer 'unheiligen Theologie' eine wenig konstruktive Rolle gespielt haben:

1. Die Tabuisierung und Moralisierung der Sexualität bei gleichzeitiger Kontrolle derselben in der Beichte.

2. Das Priesterbild als reiner, unbefleckter Gottesmann.

3. Die Kirche als heilige Institution: Die Konzentration auf die Sexualität bei gleichzeitiger Tabuisierung bedeutete noch für die Generation bis zum II. Vatikanum, und in manchen Gegenden oder je nach Ausprägung des Katholischen bis heute, eine dauernde Kontrolle, dass in diesem Bereich ja nichts 'schief' geht.

Es war automatisches Thema in der Beichte, wurde also vom Reinen, vom unbefleckten Gottesmann abgefragt und kontrolliert. Kirchenhistoriker weisen hier auf die Vorstellung einer 'kultischen Reinheit' hin, die beinahe archaische Züge trägt.

Zugleich wird in dieser Beichte eine Kontrolle und Macht ausgeübt, die eine Infantilisierung auf Dauer stellt ('Beichtkind' und 'Beichtvater'). Die heilige Kirche kann selber nicht sündigen, hat aber Sünder in ihrem Schoße.

Wird diese Vorstellung sehr eng ausgelegt, kann sie eine Vertuschung und ein Nicht-Glauben der Übergriffe befördern, weil nicht vorstellbar ist, dass dies von Gottesmännern einer heiligen Institution geschehen kann.

Ist die katholische Kirche jetzt noch zu retten?

Sie ist in einer Krise, wie sie zuvor kaum da gewesen ist, hat moralische Glaubwürdigkeit verspielt. Gerade TheologInnen weisen darauf hin, dass es der römisch-katholischen Kirche gut täte, sich selbst ein Moratorium für sexualmoralische Bewertungen aufzuerlegen.

Die Verantwortung, die die Bischöfe als Täter hinter den Tätern auf sich genommen haben und deren Konsequenzen sie nun ausstehen müssen, wird wesentlich bei der Frage sein, ob die Kirche eine Zukunft als vertrauenswürdige Institution hat. Als soziale Institution wird sie eine Zukunft haben. Aber die volkskirchliche Struktur als solche steht auf dem Spiel.

Und die Konsequenzen für eine erneuerte Priesterausbildung aus den Erkenntnissen der Studie und aus dem durch Wissenschaft seit über 30 Jahren bereitgestellten Fakten und Wissen zu ziehen, steht noch aus - daran wird viel hängen.

Was sollten katholische Frauenverbände wie die kfd tun?

Katholische Frauen und Frauenverbände wie die kfd tun ja bereits sehr viel und sehr mutig! Nötig sind Aufklärung und Ernstnehmen der Ergebnisse der MHG-Studie und anderer Studien.

Dann hartnäckig dranbleiben, dass Bischöfe Konsequenzen ziehen! Am wichtigsten ist aber die Prävention. Man muss Kindern und Jugendlichen beibringen, dass sie sich wehren können und müssen, wenn sie den Eindruck haben, dass etwas nicht stimmt.

Man muss für ein Klima der Solidarität mit den Erwachsenen und Hauptamtlichen sorgen. Das gilt auch mit Blick auf Solidarität und Unterstützung der Priester und Bischöfe, die an der Situation leiden und wirklich anders leben, arbeiten und leiten wollen, denn die gibt es zum Glück ja auch!

Gunda Werner ist Professorin für Katholische Theologie und Leiterin des Instituts für Dogmatik an der Universität Graz.

Links

Texte zur Tagung

  • Begünstigen die Machtstrukturen der Kirche den Missbrauch?
    Einführung zur theologische Fachtagung am 23.11.2018 von Prof. Dr. Gunda Werner. Zum Vortrag
  • Weitere Texte und das Programm zum Studientag "Begünstigen die Machtstrukturen der Kirche den Missbrauch?" Nachlesen
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Stand: 18.12.2018