Mit Klassenkampf zum Frauenwahlrecht

Ein denkwürdiger Tag, dieser 19. Januar 1919. Erstmals konnten Frauen im Deutschen Reich das jahrzehntelang geforderte Frauenwahlrecht umsetzen: Sie durften die Abgeordneten der Deutschen Nationalversammlung bestimmen und konnten sich selber wählen lassen. Eine ihrer Vorkämpferinnen erlebte diesen historischen Tag nicht mehr: Rosa Luxemburg. Vier Tage zuvor, am 15. Januar 1919, wurde die Kommunistin von ehemaligen Frontsoldaten ermordet. 

Das Frauenwahlrecht und die sozialistische Revolution - beides gehört für Rosa Luxemburg untrennbar zusammen. Ihr Herz schlägt für die Sache der Arbeiter, für eine Diktatur des Proletariats. Ihre Forderung nach einem Wahlrecht für Frauen ist für sie jedoch nur Mittel zum Zweck.

1912 argumentiert sie im Artikel "Frauenwahlrecht und Klassenkampf": "Das Frauenwahlrecht ist für den heutigen kapitalistischen Staat ein Greuel und Schrecken, weil hinter ihm die Millionen Frauen stehen, die den inneren Feind, die revolutionäre Sozialdemokratie stärken würden."

Sie kritisiert die meisten bürgerlichen Frauenrechtlerinnen, "die sich im Kampfe gegen 'die Vorrechte der Männer' wie Löwinnen gebärden", aber dennoch "im Besitz des Wahlrechts wie fromme Lämmlein mit dem Tross der konservativen und klerikalen Reaktion gehen" würden.

Feines Gespür für die Kraft ihrer Worte

Rosa Luxemburg wird am 5. März 1871 in der Kleinstadt Zamocz in Russisch-Polen geboren und wächst in bescheidenem Wohlstand auf. 1880 zieht die Familie nach Warschau, Tochter Rosa besucht dort das Gymnasium. Sie ist begabt, erbringt ausgezeichnete Leistungen, lernt mehrere Sprachen und hat ein feines Gespür für die Kraft ihrer Worte. Später wird sie eine brillante, scharfzüngige Rednerin und Journalistin.

Noch als Schülerin beginnt sie, sich linkspolitisch zu engagieren, ist in Zirkeln der verbotenen polnischen Linkspartei aktiv. Gerade volljährig, droht ihr daher 1889 die Verhaftung. Sie flieht in die Schweiz und schreibt sich für Natur- und Staatswissenschaften und Nationalökonomie an der Universität Zürich ein, die als erste im deutschsprachigen Raum Frauen zum Studium zulässt.

1897 wird ihre Dissertation "Die industrielle Entwicklung Polens" als Beitrag zum Kampf um die Gleichberechtigung gerühmt, als "eine neue Begründung des Anrechts der Frau auf Gleichheit mit dem Manne, sofern dieses Anrecht überhaupt noch einer Begründung bedürfte", wie es in einer zeitgenössischen Rezension heißt.

1893 begründet sie die Partei Sozialdemokratie des Königreiches Polen mit. Im selben Jahr, mit 22 Jahren, tritt sie erstmals auf einem internationalen Podium auf und beeindruckt auf dem II. Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress die Prominenz der Arbeiterbewegung.

100 Jahre Frauenwahlrecht - 100 Jahre Frauengeschichten: Seit Frauen am 19. Januar 1919 erstmals wählen durften, haben sie sich nicht mehr von ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung abbringen lassen. 

In dieser Serie stellen wir starke Frauen aus zehn Jahrzehnten vor, die Politik, Gesellschaft und Kirche prägten und für Freiheit, Glauben und Gleichberechtigung eingetreten sind. Folge 1: Rosa Luxemburg (1871 - 1919)

Weitere berühmte Frauen aus dieser Zeit:

Marie Curie: Erhielt 1903 als erste Frau den Nobelpreis (Physik)
Clara Zetkin: Initiierte den Internationalen Frauentag, der erstmals 1911 begangen wurde
Marie Juchacz: War am 19. Februar 1919 die erste Weibliche Rednerin in der Nationalversammlung.

Ende des 19. Jahrhunderts will sich Rosa Luxemburg auch im Deutschen Reich engagieren, in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), benötigt dafür aber die deutsche Staatsbürgerschaft. Die gebürtige Polin geht eine Scheinehe ein, die nach fünf Jahren wieder geschieden wird.

Heimisch fühlt sich Luxemburg in Deutschland allerdings nicht, "alles und alle sind mir fremd", schreibt sie. Dennoch wird sie zu einem Gesicht der deutschen und auch der europäischen Arbeiterbewegung.

Für ihre Überzeugungen in Haft

Sie lehrt an der SPD-Parteischule, wird Wortführerin der Parteilinken, ist überzeugte Pazifistin und greift immer wieder den deutschen Militarismus und Imperialismus an. Wegen Majestätsbeleidigung, Anreizung zum Klassenhass und Aufruf zur Kriegsdienstverweigerung wird sie zu Haftstrafen verurteilt. Insgesamt 48 Monate sitzt sie für ihre Überzeugungen im Gefängnis.

Den Ersten Weltkrieg erlebt sie größtenteils in Haft. Die russische Februar- und Oktoberrevolution 1917 begrüßt sie, warnt aber vor einer Diktatur der Bolschewiki mit dem berühmten Satz: "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden."

Als sie am 8. November 1918 entlassen wird, steht Deutschland als Kriegsverlierer vor einem grundlegenden politischen Umbruch. Die November-Revolution krempelt das Land um. Mittendrin: Rosa Luxemburg.

Parlament als Bühne für den Kampf

Sie befürwortet einen umfassenden gesellschaftspolitischen Umsturz und gründet mit Karl Liebknecht 1918/1919 die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Luxemburg dringt darauf, dass sich die KPD an den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 beteiligt. Sie will das Parlament als Bühne für den Kampf gegen den demokratischen Parlamentarismus nutzen, doch die Mehrheit der KPD-Mitglieder will die Diktatur des Proletariats ausschließlich durch Massenstreiks und bewaffnete Aufstände errichten.

Während des Januaraufstandes in Berlin Anfang 1919 wird es für Luxemburg gefährlich. Als Regierungsfeindin droht ihr die Verhaftung. Doch sie bleibt in der Hauptstadt, wechselt ständig ihre Wohnung.

Am 15. Januar 1919 wird sie von reaktionären Freikorpssoldaten verschleppt, verhört, misshandelt und ermordet. Sie wird 47 Jahre alt. Ihr Sarg bleibt leer, als er am 25. Januar symbolisch mit weiteren Opfern des Januaraufstands in Berlin zu Grabe getragen wird.

Luxemburgs Leiche wird erst Ende Mai gefunden. Die maßgeblich an den Morden beteiligten Offiziere werden im gleichen Monat von einem Kriegsgericht freigesprochen.

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Stand: 18.12.2018