Fastenzeit: In die Macht-Balance kommen

Chance, sich seiner Rolle in Arbeits-und Privatleben bewusster zu werden

Verzichten in der Fastenzeit. Das heißt, die Praline in der Schachtel lassen, die schicken Schuhe im Laden, das Auto in der Garage. Was aber, wenn wir das Weglassen auf eine andere Ebene heben? Was würde es bedeuten, in der Fastenzeit Machtverzicht zu üben? Der Religions- und Kultursoziologe Detlef Pollack und die  Theologin Brigitte Vielhaus haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt und liefern interessante Denkanstöße.

Von Janina Mogendorf

Auf Macht verzichten. Ist das nicht eher eine Anregung für Wirtschaftsbosse? Irgendwie schon, aber zugleich betrifft es auch jeden von uns.

"Alle sozialen Beziehungen sind durch Macht gekennzeichnet", sagt Detlef Pollack. Für ein gelingendes Miteinander müsse es Aufgabenteilung und Zuständigkeiten, Über- und Unterordnung geben. "Im Berufsleben braucht es Entscheidungen und sinnvoll ausgeübte Macht", erklärt auch Brigitte Vielhaus. "Die Frage aber ist, wie nutze ich Macht- und Entscheidungspositionen?"

Gerade in der Arbeitswelt wird Macht häufig als Werkzeug eingesetzt. "Hier trifft man immer wieder auf Menschen, die andere bewerten, beeinflussen und unter Druck setzen, um ihre Ziele zu erreichen", so Pollack. Auf diese Weise entstünden asymmetrische Beziehungen, in denen der Mächtige seine Position ausnutze.

Oft herrsche ein solches Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau, sagt der Soziologe. "Ich beobachte an vielen Stellen eine geradezu toxische Männlichkeit, die ein kollegiales und konstruktives Miteinander sehr erschwert."

Machtstrukturen finden sich genauso auch in unserem Privatleben. "Zwischen Familienmitgliedern oder Freunden existieren Verhaltensweisen, die man sich durchaus genauer anschauen könnte", regt Vielhaus an. "Wer entscheidet zu Hause bei den Fragen: Was unternehmen wir heute? Welchen Film sehen wir uns an? Was wird gegessen? Wer wird eingeladen? Wen gehen wir besuchen? Wie schlichten wir einen Konflikt?" Sich der eigenen Rolle bewusst zu werden, sei ein erster Schritt.

Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit dazu. "Wir können versuchen, einmal nicht die 'Entscheiderin' zu sein, sondern anderen den Vorzug zu geben und eingefahrene Konfliktmuster zu durchbrechen. Es ist sicher interessant zu sehen, was geschieht", so Vielhaus.

Vielen Menschen sei gar nicht klar, an welcher Stelle sie sich in einer Machtposition befinden und Kontrolle über andere ausüben, gibt Pollack zu bedenken. "Deshalb sollten wir sensibler für solche Zusammenhänge werden und uns selbst in unseren Ansprüchen überprüfen."

Entscheidend sei dabei, anderen zuzuhören, sie als gleichberechtigt wahrzunehmen, ihre Meinung gelten zu lassen und ernst zu nehmen, so Pollack. "Und zwar so weit, dass ich versuche, ihre Perspektive einzunehmen, auch wenn ich ihren Standpunkt nicht teilen kann."

Machtverzicht hat vielmehr damit zu tun, andere Menschen in ihrer Würde zu akzeptieren und auf Augenhöhe zu behandeln."

Beim Machtverzicht geht es nicht darum, sich selbst zu erniedrigen oder klein zu machen. "Er hat vielmehr damit zu tun, andere Menschen in ihrer Würde zu akzeptieren und auf Augenhöhe zu behandeln."

Dort, wo überkommene Machtstrukturen das kaum mehr zulassen, kann es notwendig werden, das ganze System zu hinterfragen. In der katholischen Kirche herrscht ein Ungleichgewicht, das neue Wege unumgänglich macht.

"Vollmacht und Entscheidungsgewalt sind immer noch häufig an das Weiheamt gebunden und somit Männern überlassen", beklagt Vielhaus. Eine Situation, die Machtmissbrauch begünstige, wie sich in den jüngsten Skandalen des sexuellen, aber auch spirituellen Missbrauchs zeige.

"Viele Frauen und Männer berichten davon, wie die Kirche ihre Macht missbraucht hat und sie eher zu gehorsamen als zu freien Menschen erziehen wollte", so Vielhaus.

Auch Detlef Pollack ist der Meinung: "Die Kirche schadet sich selbst, wenn sie sich autoritär aufstellt." Sie sei zwar, verglichen mit den Fünfzigerjahren, sehr viel dialogischer geworden, das reiche aber nicht aus.

Die Männer in der Kirche müssen Macht abgeben."

"Gemeindemitglieder, die sich engagieren wollen, fühlen sich entmutigt und ausgeschlossen. Auf diese Weise werden sehr viele Potentiale verschenkt."

"Es wird dringend Zeit, konsequent neue Wege zu gehen", pflichtet Vielhaus bei und fordert ganz konkret: "Die Männer in der Kirche müssen Macht abgeben." Ein wichtiger Baustein sei ein Forum des "Synodalen Weges" mit dem Titel "Macht und Gewaltenteilung - gemeinsame Teilhabe am Sendungsauftrag".

"Hier wird auch darüber beraten, was getan werden müsste, um Machtabbau und eine neue und geschlechtergerechte Verteilung von Macht zu erreichen." 

Brigitte Vielhaus

Brigitte Vielhaus wurde 1959 in Ratingen geboren. Sie studierte Theologie und Philosophie an der Universität Fribourg/Schweiz. Seit 2018 ist sie Bundesgeschäftsführerin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands.

Detlef Pollack

Der Religions- und Kultursoziologe Detlef Pollack wurde 1955 in Weimar geboren. Er studierte Theologie in Leipzig und promovierte auch dort. Pollack forscht unter anderem über das Verhältnis von Religion und Moderne. Seit 2008 ist er Professor für Religionssoziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Für Brigitte Vielhaus ist klar: "Wir brauchen einen neuen Umgang mit Macht und Einfluss. Frauen und Männer sollen gleichberechtigt ihre Gaben und Fähigkeiten einsetzen, um die Kirche zu gestalten und Zeugnis für ihren Glauben zu geben."

Entscheidungsmacht dürfe nicht mehr länger an die Weihe gebunden sein. Der Verzicht und das Überdenken von Machtstrukturen und die Umverteilung kann die Kirche heilen und dabei unterstützen, neue und glaubwürdige Schritte hin zu den Menschen zu gehen.

Zurück zur Fastenzeit: Wer in den Wochen vor Ostern bewusst auf Macht verzichtet, kann damit in sich selbst und in seinem Umfeld vieles bewegen und tut dies im Sinne Gottes.

"Das Ziel des Fastens ist, sich auf den Willen und die Welt Gottes zu konzentrieren. Und Gott will die Mächtigen entthronen und die Niedrigen erhöhen, so heißt es in der prophetischen Ankündigung", erinnert Pollack. "Seine Botschaft gibt Christinnen und Christen die Kraft, Macht- und Herrschaftsverhältnisse infrage zu stellen und neu zu denken." Und jede Einzelne kann damit für sich selbst beginnen.

Stand: 28.01.2020