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Die Zukunft der Arbeit hat längst begonnen

Der Ständige Ausschuss "Frauen und Erwerbsarbeit" befasste sich auf seiner Jahrestagung mit dem Thema "Arbeit 4.0". Foto: kfd/Beate Behrendt-Weiß

Jahrestagung des Ständigen Ausschusses "Frauen und Erwerbsarbeit"

28. November 2017:

Die Veränderungen in der Arbeitswelt durch die zunehmende Digitalisierung standen im Mittelpunkt der Jahrestagung des Ständigen Ausschusses "Frauen und Erwerbsarbeit", die vom 24. bis 26. November im Erbacher Hof in Mainz stattfand.

Unter der Überschrift "Arbeit 4.0 - Chance für Frauen" diskutierten die Delegierten Aspekte eines neuen Arbeitsmarktes, der mit Schlagworten wie Digitalisierung, Automatisierung, Selbststeuerung oder neuen Kommunikationsformen einhergeht und unter dem Label "Industrie 4.0" oder "Arbeit 4.0" zusammengefasst wird.

Der Prozess ist gestaltbar

Viele Menschen begegnen dieser Entwicklung mit Skepsis, Sorge und Gefühlen von Angst und Ohnmacht. Welche Chancen dieser Arbeitsmarkt mit sich bringt, aber auch welche Gefahren und Risiken er birgt, diese Fragen beleuchteten die Referentinnen der Jahrestagung aus unterschiedlichen Blickwinkeln und nahmen dabei besonders die Situation erwerbstätiger Frauen in den Blick.

Drei Punkte wurden in diesem Zusammenhang vor allem deutlich: Die Zukunft der Arbeit hat längst begonnen, der Prozess ist unumkehrbar und er ist - allen Horrorszenarien zum Trotz - nicht festgelegt, sondern gestaltbar.

"Arbeit 4.0" sei keine Zukunftsmusik, so Jutta Schmitz vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen, "wir stecken vielmehr schon mitten drin".

An über 80 Prozent aller Arbeitsplätze werden heute digitale Informations- und Kommunikationstechnologien eingesetzt - in der Arbeit im Büro bzw. im Home-Office genauso wie in der Produktion, wo Mitarbeiter z. B. von Datenbrillen effizient unterstützt werden. Und der Wandel wird rasant weitergehen: Das "Internet der Dinge" wird in naher Zukunft Produkte aus dem 3D-Drucker möglich machen; Automaten werden sich selbst optimieren und Alltagsgegenstände sind mit Chips, Antennen und Sensoren ausgestattete und über das Internet verbunden.

"Die Frauensicht fehlt"

Im Zuge von "Arbeit 4.0" und dem Bemühen, Deutschland wettbewerbsfähig zu halten, verlieren Teile der klassischen Erwerbsarbeit mehr und mehr an Bedeutung. Vor allem Routineaufgaben werden künftig von Robotern in Soft- oder Hardware ersetzt werden. Auch entstehen komplett neue Geschäftsmodelle und Arbeitsplattformen.

"Aber in der gesamten Diskussion fehlt die Frauensicht vollständig", erläuterte Jutta Schmitz. "Hier kommen geschlechtsspezifische Unterschiede gar nicht vor." Laut Studien erlebten bereits heute viele erwerbstätige Frauen eine höhere Arbeitsbelastung durch die Digitalisierung, wohingegen nur rund 20 Prozent den versprochenen Effekt einer besseren Vereinbarkeit von Sorge- und Erwerbsarbeit bestätigen.

Dass Digitalisierung und Automatisierung mehr Männer- als Frauenarbeitsplätze betreffen, weil Frauen vielfach in Dienstleistungsbereichen mit Personenbezug tätig sind, führe auch dazu, dass sich geschlechtsspezifische Ungleichheit verfestigt. "Sorgetätigkeit muss viel mehr als Wirtschaftsleistung gedacht werden", so Schmitz.

Einen Einblick in die junge Unternehmenskultur gab Sabine Rottmann von der ruhr:HUB GmbH, einer Initiative von sechs Ruhrgebietsstädten, die Unternehmen und Start-ups der digitalen Wirtschaft unterstützt und vernetzt. Kennzeichnend für die Start-up-Szene, so die Referentin, sei die Flexibilität und Schnelligkeit im Bereich Kommunikation. Trotzdem würde der persönliche Kontakt wertgeschätzt, so dass viele "Freeworker" sich beispielsweise in offenen Gemeinschaftsbüros zusammenfinden.

Zudem würden Hierarchien flacher und althergebrachte Statussymbole oder Titel bedeutungslos. "Für Geld allein arbeitet heute keiner mehr", berichtete Rottmann. Stattdessen stehen vermehrt Sinn-Fragen und die Forderung nach einem Kulturwandel im Raum, der nicht mehr die Kriterien "höher, schneller, weiter" zur Maxime hat. "Teamarbeit und viele eher als weiblich bezeichnete Eigenschaften gewinnen an Bedeutung", erläuterte die Wissenschaftlerin, "selbst wenn alte, männlich geprägte Strukturen und bürokratische Hürden dieser Entwicklung mancherorts noch im Weg stehen."

Chancen der Digitalisierung

Auch die Wirtschaftsjournalistin Sabine Hockling, die das Thema aus arbeitsrechtlicher Sicht beleuchtete, sieht trotz struktureller Ungerechtigkeiten für Frauen in der Arbeitswelt große Chancen in der Digitalisierung, die mehr Freiheit, Mobilität und Flexibilität bedeuten kann. "Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen!"

Dazu gehörten rechtliche Fragen zu Arbeits-, Gesundheits- oder Datenschutz genauso wie Aspekte der Selbstsorge und Eigenverantwortung der Beschäftigten, um in einer Arbeitswelt mit ständiger Erreichbarkeit, hohen Anforderungen, wechselnden Teams und Arbeitsorten, befristeten Arbeitseinsätzen und permanenten Veränderungen als Mensch gut bestehen zu können.

Die Jahrestagung unter der Leitung von Sprecherin Ingrid Müller und Bundesverbandsreferentin Gisela Göllner-Kesting hat mit "Arbeit 4.0 - Chance für Frauen" ein hoch aktuelles Thema aufgegriffen, das die Delegierten des Ständigen Ausschusses in ihrer Arbeit auf jeden Fall weiter verfolgen wollen. Dabei wurde eindrucksvoll deutlich, dass dieser Prozess einer bewussten Gestaltung bedarf, wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht auf der Verliererseite stehen sollen.

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