08. Oktober 2019 Aktuelles

Vortrag "Gewalt gegen Frauen in Kirche und Orden"

Gewalt an Frauen. © Fotolia/ Serghei

Die Theologin, Philosophin und Autorin Doris Reisinger (geb. Wagner) hat bei der Tagung "Gewalt gegen Frauen in Orden und Kirche", die am 27. und 28. September 2019 in Siegburg stattfand, den Impulsvortrag gehalten.

Es war die erste Tagung, die sich ausdrücklich mit dem Thema befasste. Schwerpunkte waren die verschiedenen Formen psychischer, geistlicher und sexueller Gewalt gegen Frauen in Kirche und Orden sowie das bislang weitgehend verdeckte Phänomen von Frauen als (Mit-)Täterinnen und -Wisserinnen.  

Veranstalterinnen waren der Bereich Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz, die Arbeitsstelle Frauenseelsorge und die Deutsche Ordensobernkonferenz in Zusammenarbeit mit kfd und Katholischem Deutschen Frauenbund (KDFB).  

Doris Reisinger gehörte bis 2011 als Nonne dem Orden "Das Werk" in Rom an. 2014 ging sie erstmals mit ihren Erfahrungen sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche an die Öffentlichkeit.  

Auszüge aus Reisingers Vortrag:  

"Was Frauen mir erzählen: Seit 2014 mein erstes Buch erschienen ist, erhalte ich immer wieder Briefe von Frauen.

Die allermeisten schreiben einfach, dass sie froh sind, dass endlich über Gewalt gegen Frauen in der Kirche gesprochen wird. Manche fügen dann hinzu, dass sie selbst betroffen sind.

Darunter sind ältere Frauen, wie die mittlerweile bald 80 jährige, die sich als junge Schwesternschülerin Mitte der 60er im Nachtdienst dem Kaplan gegenübersah, der ihr mit den Worten, er wolle sie in ihrer Weiblichkeit bestätigen, den Rock hochschob, um sie zu vergewaltigen.

Oder die Frau, der Mitte der 50er vom Pfarrer nahegelegt wurde, sie solle ihren Vergewaltiger heiraten. Was sie mir schildert ist der Rückblick auf ein Leben aus Angst, Gewalt, andauernder Erniedrigung und einem jahrzehntelangen Ringen mit dem Versuch, irgendwie trotzdem eine gute Mutter zu sein.

Da sind aber auch die Geschichten von Frauen, die viel jünger sind. Da ist die Mitte Dreißigjährige, die nach ihrem Ausstieg aus einer Gemeinschaft, in der sie geistlichen Missbrauch erlebt hat, ihre Erfahrungen in der geistlichen Begleitung bei einem angesehenen Priester aufarbeiten möchte. Er sagt ihr, sie müsse lernen, Nähe zuzulassen und sich von ihm intim berühren lassen, um ihre innere Anspannung loszuwerden.

Da ist die junge Frau, die dringend eine Anstellung sucht, und sich freut, als ihr geistlicher Begleiter und Beichtvater ihr anbietet, bei ihm als Haushälterin zu arbeiten und einzuziehen, und die dann damit konfrontiert wird, dass die Grenzlinien zwischen Anstellungs- und Begleitungsbeziehung, zwischen Wohn- und Lebensgemeinschaft zunehmend verwischen und er nach und nach Besitzansprüche auf sie entwickelt und übergriffig wird.

Nicht zuletzt sind da viele Geschichten von Ordensfrauen, die spirituellen Missbrauch und Ausbeutung erlebt haben.

Ich denke unter anderem an eine Frau in einer tätigen Gemeinschaft, die – entgegen ihrem dringenden Wunsch und ihrer entsprechenden Begabung – nicht Medizin studieren durfte, von der Generaloberin aber nichtsdestotrotz in eine ländliche Region Afrikas geschickt wurde, um dort ein Krankenhaus zu leiten, ohne Strom und fließendes Wasser und ausreichendes Personal.

Mit allem, was ihr unter diesen widrigen Umständen misslang, inklusive Menschen, die ihr unter den Händen starben, wurde sie alleine gelassen. Alles, was trotz der widrigen Umstände glückte, schrieb der Orden sich zu und nutzte es, um weitere Spendengelder einzuwerben.

Ich denke auch an eine Schwester, die im Kindergarten arbeitete und von den Eltern und Kindern besonders geschätzt wurde. Ihrer Oberin gefiel das nicht. Sie hielt ihr vor, dass derartiger Erfolg und menschliche Zuneigung unangemessen seien und wollte sie dazu nötigen, den Kindern und den Eltern gegenüber betont kühl und distanziert aufzutreten, und die dafür zu erwartende Irritation und den Rückzug der Kinder als Kreuz mit Jesus zu tragen. Die Schwester weigerte sich und verließ kurz darauf die Kongregation.

Dies ist nur ein Ausschnitt, um Ihnen eine Idee zu geben, wie verschieden – und wie aktuell – die Phänomene sind, die wir vor Augen haben, wenn wir von Gewalt gegen Frauen in Kirche und Orden sprechen.

[...] Gewalt hat viele Gesichter, auch die Gewalt gegen Frauen in Kirche und Orden. Ich möchte versuchen, einige grobe Kategorien zu schaffen, in der Hoffnung, damit eine Art Diskussionsgrundlage zu schaffen."  

Leitfragen des Vortrages

Reisingers Leitfragen lauteten:  

  1. Welche Formen von Gewalt gegen Frauen gibt es in der Kirche?
  2. Wie verbreitet ist Gewalt gegen Frauen?
  3. Was sind die Ursachen?
  4. Wie gehen die Frauen damit um?
  5. Wie geht die Kirche damit um?
  6. Vor allem aber: Was können wir tun?  

"Bei alledem ist Eines ganz klar: Die Einordnungen, die ich hier jetzt versuche vorzunehmen, sind vorläufig. Denn bislang gibt es, leider, kaum Forschung zum Themenfeld 'Gewalt gegen Frauen in der katholischen Kirche'.

Mehr als alles andere knüpft sich für mich ganz persönlich an den heutigen Tag daher die Hoffnung, dass sich das ändern könnte, dass nämlich das Problem spätestens mit unserer Veranstaltung so sichtbar geworden sein wird, dass in absehbarer Zeit einschlägige Forschungsprojekte zu diesem Themenfeld auf den Weg gebracht werden können."

Den gesamten Vortrag lesen

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Stand: 08.10.2019
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