Die Welt in einem Dorf

Seit 50 Jahren setzt sich das Friedensdorf Oberhausen für Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten ein

Von Jutta Oster

In Ruhe gesund werden können: Diese Chance bietet das Friedensdorf Oberhausen schwer verletzten oder kranken Kindern aus aller Welt. Die Hilfsorganisation holt sie zur medizinischen Versorgung nach Deutschland, und nach der Behandlung in einem der kooperierenden Krankenhäuser erholen sie sich in Oberhausen. Aber ein Friedensdorf dürfte nicht so heißen, wenn es sich nicht auch für den Frieden einsetzen würde: Daher ermöglicht es die Begegnung mit den Kindern, die zu Gast sind.

Das Runde muss ins Eckige, so viel steht fest. Mehr Regeln braucht der Fußball nicht, den die kleinen und großen Jungen auf dem Platz des Friedensdorfes Oberhausen spielen. Die Mannschaften wechseln ständig, weil immer mehr Kinder dazukommen, irgendwann rollt ein zweiter Ball auf das Feld.

Nein, mit Abseits, Aus und Schiedsrichter hat dieser Fußball wenig zu tun - mit Fairplay und sportlichem Benehmen dafür umso mehr: Weil manche der kleinen Spieler sich mit Krücken auf den Platz wagen und nicht so schnell sind wie die anderen, spielen ihnen die erwachsenen Besucher den Ball zu. Hinterher sind alle ebenso verschwitzt wie glücklich.

Die Orthopädietechnik-Mechaniker-Klasse des Berufskollegs Mitte der Stadt Essen ist an diesem Tag zu Besuch, um die Arbeit des Friedensdorfes kennenzulernen. Die Schülerinnen und Schüler treffen dort auf rund 200 Kinder, die aus Kriegs- und Krisengebieten wie Angola, Afghanistan, Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan, Armenien, Georgien oder Gambia stammen. Weil diese Kinder schwer verletzt oder krank sind und in ihren Heimatländern nicht behandelt werden können, holt das Friedensdorf sie nach Deutschland.

Hier werden sie gleich nach ihrer Ankunft in Krankenhäusern operiert und bleiben anschließend so lange im Friedensdorf, bis sie geheilt sind oder mit ihrer Behinderung leben können. Es sind oft Armutskrankheiten, unter denen die Mädchen und Jungen leiden: Knochenentzündungen, die nie richtig behandelt wurden, oder Verbrennungen durch Haushaltsunfälle. "Einzelfallhilfe" nennt das Friedensdorf diese Arbeit, die vor 50 Jahren begann und weitgehend durch Spenden finanziert wird.

Eine wichtige Arbeit, doch dabei allein soll es nicht bleiben. Daher unterhält das Friedensdorf seit mehr als 30 Jahren auch ein Bildungswerk, das jährlich rund 100 Gruppen zu friedenspädagogischen Angeboten einlädt. Ziel ist es, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern "die Augen zu öffnen", wie Rebecca Wenzel sagt. "Wir wollen unsere Besucher über die Situation in den Ländern aufklären, ihr Mitgefühl stärken und sie dazu anregen, selbst politisch aktiv zu werden, sich in ihrem Umfeld für den Frieden einzusetzen."

Doch Wenzel weiß, dass alle Theorie grau ist, und die persönliche Begegnung mit den Kindern den stärksten Eindruck hinterlässt. Daher bleibt immer auch Zeit zum gemeinsamen Spiel. So wie an diesem Tag. Die Schülerinnen und Schüler der Berufsschulklasse treffen auf 15 Kinder. Weil sie nicht nur Zuschauer sein, sondern mit den kleinen Patienten in Kontakt kommen wollen, haben sie verschiedene Angebote vorbereitet. Tische werden gerückt, Wachstuchdecken ausgelegt. Endlich dürfen die Kinder, die geduldig vor der Tür warteten, hereinkommen.

Anfangs sind sie noch schüchtern, setzen sich lieber mit den Gleichaltrigen an den Tisch als zu den fremden Besuchern. Doch nach und nach tauen sie auf und beäugen neugierig die Bastelangebote. Es dauert nicht lange, bis die Kinder loslegen - und 1000 Stück bunten Play-Mais, eine Bastelzutat aus Maisgrieß und Wasser, zu Friedenszeichen und Sonnen, Segelbooten und Giraffen zusammengesetzt haben. Andere Kinder zieht es nach draußen, auf den Fußballplatz oder zu den Schülerinnen auf dem Dorfplatz, die mit den Kindern Seifenblasen pusten - so lange, bis das Seifenwasser verbraucht ist.

Aushalten muss man, dass die Kinder im Friedensdorf teils schwer verletzt sind. Viele sind mit Krücken, Prothesen oder im Rollstuhl unterwegs. Andere haben schwere Verbrennungen erlitten, die ihre Gesichter entstellen. Die Kinder selbst gehen selbstverständlich damit um. So wie der zwölfjährige Nassim aus Usbekistan, der einfach seine Krücken zur Seite legt, sich auf den Boden setzt und mit Kreide eine Sonne auf den Asphalt malt. Oder wie Emanuel (8) aus Angola, dessen Fuß nach hinten verdreht ist und der zwei verschiedene Schuhe trägt - und dennoch Hinkelkästchen auf den Platz zeichnet, den Stein in jedes Feld wirft und hüpft, ohne ein einziges Mal die bunte Linie zu übertreten.

Rouven aus Duisburg, mit 37 einer der ältesten Schüler der Essener Berufsschulklasse, ist von der Begegnung mit den Kindern beeindruckt. "Ich fand sie überraschend aufgeweckt und positiv. Sie hatten überhaupt keine Berührungsängste", sagt er. Die Begegnung gibt ihm auch neue Motivation für seinen Beruf - er macht wie seine Mitschülerinnen und Mitschüler eine Ausbildung zum Orthopädietechnik-Mechaniker.

"Für mich ist das ein starker Antrieb, dass ich Kindern mit Prothesen oder im Rollstuhl den Alltag erleichtern kann." Für Claudia (25) aus Essen ist das Friedensdorf "eine richtig gute Sache, die es öfter geben sollte". Trotzdem verspürt sie, selbst Mutter eines siebenjährigen Sohnes, auch ein Unbehagen. "Ich könnte mir nicht vorstellen, mein Kind so lange wegzugeben."

Damit spricht sie einen schwierigen Punkt an. Tatsächlich brechen die Kinder ganz allein nach Deutschland auf, nur mit einem Kuscheltier im Arm - in ein Land, das ihnen fremder kaum sein könnte, dessen Sprache sie nicht sprechen. Das Friedensdorf chartert für den Transport halbjährlich eine Maschine, bringt die gesunden Kinder zurück nach Angola oder Afghanistan und holt die kranken, die zuvor mit Hilfe einer Partnerorganisation vor Ort ausgewählt wurden, nach Deutschland.

Die Kinder sind dadurch oft mehrere Jahre weg von zu Hause. Rebecca Wenzel vom Bildungswerk erzählt, dass sie oft gefragt werde, warum das Friedensdorf die Kinder in ein Land wie Afghanistan zurückschicke. "Es ist unsere höchste Priorität, dass die Kinder in ihre Heimatländer, zu ihren Eltern und in ihre Kultur zurückkehren", erklärt sie.

Aus diesem Grund baut das Friedensdorf Oberhausen aber auch seine Projektarbeit vor Ort weiter aus. Sie soll dazu beitragen, dass die Kinder irgendwann in ihren Heimatländern behandelt werden können. "Unser Ziel ist es, uns selbst abzuschaffen", sagt Wenzel. In Vietnam und Kambodscha ist das bereits gelungen, dort gibt es Gesundheitsstationen, in denen jeder behandelt wird. "Unser Programm für den Frieden", nennt Rebecca Wenzel das.

Ein kleines Programm für den Frieden war für die Klasse auch der Tag im Friedensdorf. Oder wie es Berufsschulpfarrer Robert Liess formuliert, der mit seinen Klassen bereits seit zehn Jahren nach Oberhausen kommt: "Ich möchte ein Gefühl dafür wecken, was der Krieg anrichten kann. Es ist das eine, das abends in den Nachrichten zu sehen, aber es ist etwas anderes, das hautnah mitzubekommen."