Die Tür ist geöffnet

Das Jahr des Reformationsgedenkens hat die Ökumene vorangebracht

Von Stephanie Meyer-Steidl

Zwischen die beiden passt kein Blatt Papier. Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm stehen bei öffentlichen Auftritten meistens dicht nebeneinander. Vor Kameras scherzen sie oft und geben sich locker, in Diskussionsrunden betonen sie lieber Gemeinsamkeiten als Trennendes. Bei einer Veranstaltung in München halten sie lachend ihre nach oben gestreckten Daumen in die Kamera. Alles gut also in der Ökumene?

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) machen keinen Hehl daraus, dass sie sich mögen. Eine echte Männerfreundschaft. Lässt sich die persönliche Nähe zwischen den beiden Kirchenführern auch als Sinnbild für den Zustand der Ökumene am Ende des Reformationsgedenkjahres insgesamt verstehen?

Beobachter bejahen diese Frage. Denn die Stimmung ist derzeit ausgesprochen positiv, evangelische und katholische Kirche haben sich in den vergangenen Monaten in großen Schritten aufeinander zubewegt. Diese Annäherung wurde fast überall gewürdigt, ja sogar bestaunt. Vielleicht, weil sie in dieser Form nicht erwartet worden war.

"Was in der Ökumene auf den Weg gebracht wurde, kann man als außergewöhnlich bezeichnen", sagt Johanna Rahner, katholische Theologin und Professorin für Dogmatik, Dogmengeschichte und Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen. "Zum ersten Mal wurde das Reformationsfest nicht in einer Haltung der Abgrenzung, sondern konfessionsübergreifend als Christusfest begangen. Das ist bemerkenswert."

An mehreren symbolträchtigen Veranstaltungen habe sich das festmachen lassen. An der Pilgerreise von Vertretern der DBK und der EKD ins Heilige Land zum Beispiel, oder am gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim. Und dann natürlich: am Verhalten des Papstes. Mit so vielen bedeutsamen Gesten von Franziskus in Richtung Ökumene hatte niemand gerechnet.

Die Teilnahme des Pontifex am Eröffnungsgottesdienst des Lutherischen Weltbundes im schwedischen Lund war ein Paukenschlag zu Beginn des Gedenkjahres. Ungewöhnlich auch die Einladung evangelischer und katholischer Spitzenvertreter aus Deutschland zu einer Privataudienz im Vatikan. In seiner Ansprache forderte Franziskus seine Mitbrüder dazu auf, "mutig und entschlossen auf eine immer vollkommenere Einheit hin fortzuschreiten".

Der Empfang sei ein "Meilenstein" im ökumenischen Miteinander gewesen, ließ die EKD anschließend verlauten. Unter diesem Papst, so Johanna Rahner, dürfe sogar sichtbar werden, dass die obersten Repräsentanten der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland einen guten Draht zueinander haben. Doch welche konkreten Maßnahmen sind nun zu erwarten, nach dem Ende der Feierlichkeiten?

Im Frühjahr 2017 hatte Kardinal Marx gefordert, dass am Ende des Jahres kein Punkt stehen dürfe, sondern ein Doppelpunkt. Dieser Satz weckte Erwartungen. Sollte es für eines der drängendsten pastoralen Probleme endlich eine verbindliche Lösung geben - nämlich Paaren aus konfessionsverbindenden Ehen den Empfang von Kommunion und Abendmahl zu gestatten?

Oder würde man noch einen Schritt weiter gehen und sich gegenseitig zu Eucharistie und Abendmahl einladen? Nichts dergleichen geschah, die von Kardinal Marx geschürten Hoffnungen wurden enttäuscht. Weil es für Entscheidungen dieses Ausmaßes anscheinend doch mehr Zeit braucht als gedacht. Und weil offenbar wurde, dass die beharrenden Kräfte immer noch stark sind, auf beiden Seiten.

Bei den Katholiken hatte im September der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki mit einem Beitrag in der Zeitschrift "Herder Korrespondenz" für Aufsehen gesorgt, pünktlich zum Beginn der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. Grundtenor des Textes: Das Trennende zwischen katholischer und evangelischer Kirche sei noch lange nicht ausgeräumt und dürfe nicht leichtfertig übergangen werden. Neben den Unterschieden im Kirchen- und Sakramentsverständnis gebe es vor allem einen zunehmenden Dissens in moral- und sozialethischen Fragen, wie etwa bei der Bioethik, der "Ehe für alle" und bei der Beurteilung von Abtreibung, Sterbehilfe und Scheidung.

Getrübt wurde die Feierlaune durch diese Einlassung schon ein wenig. Aber hat der Zwischenruf aus Köln dem Verhältnis wirklich nachhaltig geschadet? Theologieprofessorin Johanna Rahner zeigt sich gelassen und will den Vorgang nicht überbewerten. Sie antwortet mit einer Gegenfrage: "Ist es nicht so, dass es auch innerhalb der katholischen Kirche unterschiedliche Auffassungen über ethische Fragen gibt? Zum Beispiel bei der Empfängnisverhütung: Ein Teil der Bischöfe vertritt die Haltung des Lehramtes, ein anderer Teil überlässt diese Frage der Gewissensentscheidung der Gläubigen."

Die Ökumene-Befürworter werden sich von ihrem Weg jedenfalls nicht abbringen lassen. Davon ist auch Martin Bräuer überzeugt. "Die Ökumene ist in Fahrt gekommen in diesem Jahr, die Türe ist geöffnet", sagt der evangelische Theologe und Pfarrer, der als Catholica-Referent im Konfessionskundlichen Institut in Bensheim arbeitet.

Besondere Bedeutung haben seiner Einschätzung nach die Selbstverpflichtungen, die beim Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim ausgesprochen wurden: Alles zu tun, damit es weitergeht zwischen Katholiken und Protestanten, die Arbeit auf theologischer Ebene zu intensivieren, nach praktischen Lösungen zu suchen und sich vor wichtigen Entscheidungen in den jeweiligen Kirchen gegenseitig zu informieren. Das stehe jetzt auf der Agenda, und daran werde sich ökumenisches Handeln zukünftig messen lassen müssen.

"Es reicht nicht, dass wir das Jahr schön gefeiert haben. Es müssen auch endlich substanzielle Ergebnisse herauskommen", betont Martin Bräuer. Zumal die Kirchen eigentlich viel grundsätzlichere Probleme hätten: Die Mitglieder laufen ihnen in Scharen davon, die Gesellschaft und damit die Rolle der Kirchen verändert sich rasant. Theologische Spitzfindigkeiten könne sich in dieser Situation niemand mehr leisten.

Was die Zukunft angeht, ist Martin Bräuer dennoch optimistisch - mit Einschränkungen: "In der Ökumene braucht es Geduld und einen langen Atem, Mut und Visionen. Eigentlich können wir viel mehr tun, als wir tun." Der 55-Jährige hofft, dass Protestanten und Katholiken noch zu seinen Lebzeiten gemeinsam das Abendmahl feiern werden. Der Dritte Ökumenische Kirchentag 2021 in Frankfurt am Main wäre dafür ein passender Anlass. Zumindest sollten in absehbarer Zeit konfessionsverbindende Ehepaare zu Eucharistie und Abendmahl zugelassen werden.

Das sieht Theologieprofessorin Johanna Rahner ähnlich. Um die Entwicklung mit voranzutreiben, appelliert sie an die Verantwortung der Verbände: "Verbände wie die kfd sollten sich noch stärker einmischen." Als es um die Frage des Ausstiegs aus der Schwangerenkonfliktberatung gegangen sei, hätten ultra-konservative Katholiken körbeweise Briefe nach Rom geschickt. "Warum ist es nicht möglich, körbeweise Briefe zu schreiben, in denen konfessionsverbindende Ehepaare ihre Situation schildern und eine Lösung fordern?", fragt Rahner.

Außerdem hielten viele Gegenargumente der Bischöfe der aktuellen theologischen Diskussion nicht mehr stand. Da gelte es anzusetzen, zumal aus Rom unter diesem Pontifikat kein Gegenwind zu befürchten sei. Ganz im Gegenteil. "Die Expertise und die Strukturen, um politisch Einfluss zu nehmen, sind vorhanden. Der Zeitpunkt ist günstig."