Starke Schritte

Ein Kölner Tanzprojekt setzt sich für die Integration jugendlicher Roma ein

Von Jutta Oster

Hip-Hop üben die jungen Roma im Projekt "Vorbilder inspirieren - Kultur bereichert". Aber über das Tanzen hinaus lernen sie noch weit mehr: selbstbewusst zu sein, gemeinsam auf ein Ziel hin zu arbeiten. Sie werden zu Trainerinnen und Trainern ausgebildet und gehen anschließend in Schulen, um ihr Können an andere Kinder und Jugendliche weiterzugeben. Damit leistet das Projekt einen Beitrag zur Integration und hilft, Vorurteile abzubauen.

Am Anfang war Kristinas Mutter skeptisch. "Noch männlicher geht's nicht, oder?", fragte sie kopfschüttelnd, als ihre 17-jährige Tochter glücklich, aber mit einigen blauen Flecken vom Hip-Hop-Training nach Hause kam. Inzwischen kann die Mutter ihren Stolz kaum verbergen, wenn die Familie während der Sommerferien in die alte Heimat Serbien fährt und den Freunden dort erzählt, dass ihre jüngste Tochter gleichzeitig zur Schule geht und als Tanztrainerin arbeitet.

Ein Leben ohne Tanzen kann Kristina Ilic sich nicht vorstellen. Schon als kleines Kind hat sie auf den Füßen ihres Opas gestanden, wenn der durch den Raum tanzte, zusammen mit ihren Schwestern hat sie früh Bauchtanz gelernt. Heute steht sie als Tänzerin auf der Bühne und bringt jüngeren Schülerinnen und Schülern an Kölner Schulen als Trainerin Hip-Hop und Breakdance, aber auch Salsa und andere Tanzstile bei.

Kristina ist Teilnehmerin des Projekts "Vorbilder inspirieren - Kultur bereichert", das In Via, Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit Köln, vor sieben Jahren gegründet hat. Jugendliche Roma werden dort zu Tanztrainerinnen und -trainern ausgebildet und gehen als Multiplikatoren an Schulen, um andere Roma-Kinder und -Jugendliche für Hip-Hop zu begeistern.

Die Choreographie, die sie während des Unterrichts erarbeiten, zeigen sie dann bei Auftritten. "Ziel ist es, das Bild junger Roma in der Öffentlichkeit zu verbessern", sagt die Projektleiterin und Sozialpädagogin Birgit Urbanus. Das Projekt will den Jugendlichen aber ebenso Vorbilder bieten, ihnen Gelegenheit geben, die eigene Stärke zu erfahren, selbstbewusster zu werden und Zukunftsperspektiven zu entwickeln.

Rund 1000 Kinder und Jugendliche hat das Tanzprojekt inzwischen schon erreicht, schätzt Urbanus, Trainer und Schüler eingerechnet. 2000 Zuschauerinnen und Zuschauer sehen jährlich den Auftritten zu, zum Beispiel beim Rheinischen Zigeunerfestival in Köln oder beim Internationalen Tag gegen Rassismus.

Dienstags gegen 16.30 Uhr beginnt die wöchentliche Probe bei In Via in der Kölner Stolzestraße für die Trainerinnen und Trainer. Der Parkettboden bebt, wenn einer der Tänzer sein Handy an den Verstärker anschließt und die Musik aufdreht. Rote Matten sind in der Mitte ausgelegt, zwei große Spiegel stehen an einer Seite des Raumes.

Nach und nach trudeln die Trainerinnen und Trainer ein, insgesamt zehn sind es an diesem Sommertag. Am liebsten würden die Jugendlichen gleich loslegen, doch vor dem Tanzen steht das Aufwärmen: Arme kreisen, Liegestütze, durch den Raum laufen, Beine dehnen. Den einen oder anderen zieht es während des Aufwärmens immer wieder in die Mitte, zu Drehungen knapp über dem Boden und akrobatischen Figuren, die fast ein wenig halsbrecherisch aussehen.

Jugoslav Selimovic, der das Training leitet, bremst immer mal wieder, aber allzu viel Strenge liegt ihm nicht. Dann, endlich, können die Tänzerinnen und Tänzer zeigen, was sie können - mit der Choreographie, die sie für einen Auftritt einstudiert haben.

Tanzen lernen die Trainerinnen und Trainer hier, klar, aber über das Tanzen hinaus noch weit mehr als Schrittfolgen und Figuren. Die Jugendlichen übernehmen Verantwortung für ihre Schülerinnen und Schüler, sie müssen dafür sorgen, dass beim Unterricht an den Kölner Schulen keiner aus der Reihe tanzt, bei einem Auftritt alles klappt.

Diese Verantwortung verändert, das hat Kristina Ilic auch an sich selbst festgestellt: "Inzwischen kann ich die Lehrer verstehen. Seitdem ich selbst Tanzunterricht gebe, bin ich in der Klasse ruhiger geworden. Ein Pieps, und ich entschuldige mich schon." Der Umgang mit Schülern ist Teil des wöchentlichen Trainings am Dienstag, die Jugendlichen üben unter Anleitung von Jugoslav Selimovic zum Beispiel durch Rollenspiele.

Der Tanzunterricht für Kinder und Jugendliche an den Schulen ist ein guter Anreiz, die Schüler stärker an ihre Klasse zu binden und häufigem Fehlen vorzubeugen, das unter jungen Roma ein Problem ist. "Die Jugendlichen haben oft anderes im Kopf als die Schule", sagt Projektleiterin Birgit Urbanus. "Viele haben einen unklaren Aufenthaltsstatus, sind von Abschiebung bedroht, leben unter schwierigen Bedingungen und müssen Verantwortung in der Familie übernehmen."

Der Hip-Hop-Unterricht motiviert zum Weiterlernen, zumal Lehrer ihren Schülern meist klarmachen: Wer sich in der Schule nicht anstrengt, darf auch nicht zum Tanzen. Das funktioniert, hat Tanztrainer Jugoslav Selimovic festgestellt: "Am Tag des Hip-Hop-Unterrichts sind immer alle da." Die Trainer, oft nur wenige Jahre älter als ihre Schüler, werden für andere junge Roma zum Vorbild.

Für Jugoslav Selimovic (29) aus Köln, der ursprünglich aus Montenegro stammt und als Teenager nach Deutschland kam, sind Hip-Hop und Breakdance inzwischen zum Beruf geworden. Seit 2014 ist er als Tanztrainer mit einer halben Stelle bei In Via beschäftigt.

Als Elfjähriger hatte er die Tanzstile bei anderen Jugendlichen gesehen und war sofort fasziniert davon. In der Unterkunft, in der er mit seiner Familie damals lebte, erlaubte ihm der Hausmeister, täglich zwei Stunden im Keller zu üben. Konzentriert lernen, gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten, teamfähig sein - all das will er seinen Schülern heute beibringen.

Sein Beruf hat ihm viel Respekt eingebracht, doch Jugoslav Selimovic hat auch Ausgrenzung als Roma erfahren. Mitschüler haben ihn gefragt, wo denn "Zigeunerland" sei. Der damalige Teenager wollte ihnen ernsthaft erklären, woher er stammt - auch wenn das nicht so einfach ist wie bei einem Italiener, der aus Italien kommt - und musste feststellen, dass man sich über ihn nur lustig machte. Nicht zufällig richtet sich das Projekt gezielt an junge Roma, auch wenn natürlich alle Jugendlichen willkommen sind.

"Roma sind die Verlierer der Flüchtlingssituation", sagt Birgit Urbanus. "Sie sind am schlechtesten ausgebildet, in unserer Gesellschaft besonders unerwünscht und werden härter abgeschoben als andere." Ihnen widmet sich das Projekt, das schon verschiedene Preise gewonnen hat. Noch mehr als diese Anerkennung zählt für Tanztrainerin Kristina Ilic aber der Erfolg nach einem Auftritt auf der Bühne. "Danach habe ich immer ein fettes Grinsen im Gesicht."