Mit Herz und Verstand

Die neue kfd-Bundesvorsitzende Mechthild Heil im Gespräch

Bundesvorstand neu gewählt

Wahlen waren das beherrschende Thema der diesjährigen Bundesversammlung, die im Juni in Mainz tagte. Neben der Bundestagswahl beschäftigte die rund 90 Delegierten vor allem die turnusgemäße Wahl des kfd-Vorstandes. Der dreiköpfige geschäftsführende Vorstand musste neu besetzt werden, nachdem der bisherige bereits im vergangenen Jahr angekündigt hatte, nicht noch einmal zu kandidieren. Neue Vorsitzende ist Mechthild Heil, ihre Stellvertreterinnen sind Monika von Palubicki und Agnes Wuckelt. Die wiedergewählte Geistliche Begleiterin Ulrike Göken-Huismann, der im Amt bestätigte Präses Pater Dominik Kitta, die beiden wiedergewählten Vorstandsmitglieder Mechthild Burk und Barbara Striegel sowie die beiden neugewählten Mitglieder Lucia Lagoda und Monika Mertens werden in der kommenden Ausgabe präsentiert. Ebenfalls zum Vorstand gehören die Sprecherinnen der beiden Ständigen Ausschüsse Ingrid Müller (Frauen und Erwerbsarbeit) sowie Anni Rennock (Hauswirtschaft und Verbraucherthemen).

Die Bundesversammlung der kfd hat im Juni Mechthild Heil aus Andernach zur neuen Vorsitzenden gewählt. Die 56-jährige Architektin, die für die CDU im Bundestag sitzt, ist der kfd schon immer verbunden: Ihre Mutter Marianne Rumpf war in den 90er-Jahren Vizepräsidentin des Bundesverbandes, sie selbst ist der Gemeinschaft schon als junge Frau beigetreten. Im Interview mit Nikola Hollmann erzählt Mechthild Heil, warum sie der Blick auf ihr neues Amt mit Freude erfüllt.

Frau Heil, wieviel kfd steckt in Ihren Genen?

(lacht) Ich bin mit der kfd aufgewachsen. Meine Mutter war lange im Bundesvorstand der kfd, und mich hat es immer sehr überzeugt, was sie da an Arbeit geleistet hat. Auf jeden Fall war die kfd für mich immer etwas Modernes, etwas Positives. Und als ich gefragt wurde, ob nun ich den Vorsitz übernehmen wolle, habe ich sofort gewusst: Das würde mir gefallen.

Sie haben in Ihrer Vorstellung zur Bundesversammlung geschrieben: "Seit ich angefangen habe, darüber nachzudenken, mich stärker in der kfd zu engagieren, macht sich eine Freude in mir breit."

Das ist so. Mit dem Anruf war der Samen gesät. Und dann hat sich Freude breitgemacht, ich kann das nur so sagen. Ich habe daran gedacht, wie spannend das ist, mit Frauen zu arbeiten und zusammen etwas in der Kirche zu bewegen. Vielleicht klingt das seltsam, aber wenn man in der Politik ist, dann macht man zwar für die Gesellschaft sehr viel, aber mit dem wahren Kern, der das Leben betrifft, hat das nicht unbedingt zu tun. Und ich bin in einem Alter, in dem ich sehe, dass es mir guttun würde, mich damit noch ein bisschen mehr zu beschäftigen. Deswegen habe ich nicht daran gedacht, ob da mehr Arbeit auf mich zukommt, sondern ich habe gespürt: Oh ja, das ist es!

Apropos mehr Arbeit: Sie sind Bundestagsabgeordnete, Kreisrätin, Stadträtin, mit ihrem Bruder leiten Sie eine Firma mit 16 Mitarbeitern, Sie haben drei Kinder ... Schlafen Sie auch?

Ja, ich schlafe sogar sehr gut (lacht). Ich schlafe gerne, viel und gut. Das ist eine echte Gabe, weil ich ganz selten ungelöste Probleme mit in den Schlaf nehme. Die diskutiere ich aus, wenn ich Sport mache. Beim Laufen oder Radfahren. Da rede ich manchmal auf der ganzen Strecke mit mir. Die Kinder sind jetzt auch aus dem Haus. Zwei meiner drei Söhne sind gerade fertig mit dem Studium, der dritte ist noch dran. Sie leben an ihren Studienorten, also geht das gut. Und der kfd-Bundesverband sitzt in Düsseldorf, das ist nur eine Stunde entfernt von meinem Wohnort Andernach - da bin ich in meinem Wahlkreis oft länger unterwegs, wenn ich in die Dörfer fahre.

Ein großes Pensum ist es dennoch. Wie tanken Sie Kraft?

Ich brauche ab und zu einmal Ruhe für mich. Einfach Ruhe, meinen Schreibtisch aufzuräumen. Oder für Sport. Ich fahre Fahrrad, vor allem Rennrad und ein bisschen Mountainbike, und ich laufe. Im Winter ein bisschen Ski. Draußen sein, spazieren gehen - dabei tanke ich auf. Ich tanke auf, wenn die Familie zusammen ist und ich Kuchen backen oder kochen kann. Der ganz normale Alltag. Da beschwert sich keiner, das gelingt, schmeckt, wird gegessen. Da gibt es keine Nachfragen: Das brauche ich. Und eigentlich komme ich aus der kreativen Ecke, ich habe mich nur damals nicht getraut, Kunst zu studieren, aber alles, was damit zu tun hat, mache ich furchtbar gern. Wenn ich Zeit habe, bin ich bildhauerisch tätig, große Formate, Stein aus unserer Region. Ich fange an, immer ohne eine Idee, bis ich irgendwann weiß, was ich damit machen will. Das haue ich halb raus, bis ich sehe, was der Stein in sich birgt. Dann ist es gut, weiterzumachen wäre für mich Zierrat. Aber viel mehr brauche ich nicht. Ich kann auch auftanken, wenn ich bei irgendeiner Veranstaltung bin und ein nettes Gespräch habe. Da fühle ich mich wohl.

Was treibt Sie an?

Ich glaube, ich habe einfach viel Kraft. Und viel Ruhe in mir selber. Das hatte ich immer schon, ich bin da sehr bei mir, was, glaube ich, eine Gnade ist. Und ich bin gesund. "Mach was damit" - so empfinde ich das. Größeren Raum für mich oder einen langen Urlaub - das brauche ich nicht. Aber ich würde verhungern, wenn ich keinen Kontakt zu Leuten hätte. Mich treiben Menschen an. Und mich macht verrückt, wenn ich sehe, wenn etwas nicht funktioniert. Und es ist vollkommen egal, was es ist. Wenn also Leute vor mir sitzen, die mir ihre Geschichten erzählen, und ich denke: Das kann doch nicht wahr sein, das muss doch klappen. Eigentlich sind es immer die einzelnen Geschichten von Menschen, die mich antreiben.

Und dann packen Sie an? 

Ja, dann kann ich auch laut und durchsetzungsstark werden, damit wieder Ordnung reinkommt.

Sie haben auf der Bundesversammlung auch gesagt: "Jetzt fühle ich mich zwei Zentimeter kleiner." Was ist Ihnen da klargeworden?

Die Verantwortung, die man übernommen hat, die spürt man schon, keine Frage. Das eine ist, "ja" zu sagen, und das andere ist, es auch auszufüllen. Und dann kommen ja auch viele Ideen und Anforderungen von außen, die man gar nicht alle erfüllen kann. Aber ich weiß, da komme ich durch.

Die kfd setzt sich ein für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wie haben Sie persönlich diesen schwierigen Spagat erlebt?

Das waren bei uns noch andere Zeiten. Ich habe, ein halbes Jahr nachdem die Zwillinge da waren, wieder angefangen zu arbeiten mit einer halben Stelle im Architekturbüro meines Vaters. Ich kannte damals eine junge Frau, die war 16 Jahre alt und hat ein Baby bekommen kurz vor der mittleren Reife. Sie hat dann auf unsere Beiden und ihr Kind aufgepasst. Und ich bin arbeiten gegangen. Ich habe die Frauen in meinem Alter drum herum gesehen, die mit ihren Kindern im Garten saßen, und ich fragte mich, was ich da eigentlich mache. Heute weiß ich, dass ich den Anschluss verpasst hätte, wenn ich mich damals anders entschieden hätte. Ich war mit den Kindern in der Krabbelgruppe der kfd, und ich als berufstätige Frau hatte einfach weniger Zeit für die Kinder und manchmal ein schlechtes Gewissen. Als die Kinder klein waren, war das für mich wirklich ein Spagat. Und zwar nicht nur im Alltag, auch das Miteinander unter den Frauen war damals schwierig. Ich glaube, heute ist es einfacher, weil inzwischen die Betreuungssituation besser ist. Aber damals? Wenn irgendetwas schiefgelaufen ist, ein Kind eine Fünf im Diktat hatte, dann habe ich mich schon gefragt, ob ich die Prioritäten richtig gesetzt habe. Rückblickend weiß ich, dass es gut war, aber der Stress war groß.

Sie haben bei Ihrer Vorstellung geschrieben, dass Sie versucht haben, Herz und Verstand zu prüfen. Wie wichtig ist Ihnen diese Balance?

Sehr wichtig. Es muss immer beides passen.

Das heißt, auch bei Ihrer Kandidatur als Bundesvorsitzende haben Sie beides geprüft?

Ja. Das erste war das Herz. Und das hat begeistert "ja" gesagt. Und dann habe ich mich geprüft: Kriegst du das hin? Hast du überhaupt so viel Zeit? Geht das nicht auf Kosten von etwas anderem? Die meisten Leute sagen ja, es sei so wie bei einem Kuchen. Man hat halt nur eine bestimmte Anzahl Stücke, und die muss man aufteilen. Ich glaube das nicht.

Sie haben es eher mit den fünf Broten und den zwei Fischen?

Ja genau. Ja, manchmal denke ich das so: Es vermehrt sich von allein. Das eine befruchtet das andere.

Sie sind Architektin. Wenn Sie sich die kfd als Haus vorstellen: Was benötigt ihr Wohnzimmer, was das Arbeitszimmer?

Ich würde andersherum anfangen: Als ich gefragt wurde zu kandidieren, habe ich mich sofort nach den Strukturen erkundigt. Wie funktioniert die Geschäftsstelle? Wie ist die finanzielle Lage? Gehe ich da ein Risiko ein? Welche Verantwortung trage ich da, kann oder will ich sie tragen? Habe ich Zeit? Und dann das Wohnzimmer: Ich würde mir wünschen, dass die Frauen einfach wissen, in der kfd sind Menschen mit gleichen Interessen, man ist angenommen und fühlt sich da wohl. Vereine und Organisationen können nicht funktionieren, wenn die Leute nicht gern miteinander zu tun haben. Im Wohnzimmer muss es gemütlich sein, freundschaftlich, man muss sich austauschen, auch lustig sein können, es muss offen sein, man muss sich auch etwas sagen können. Aber es sollte natürlich auch eine Hauswirtschafterin da sein, die für Ordnung sorgt.

Sie haben gesagt, die kfd werde auch in Kirche und Gesellschaft gebraucht. Warum sind Sie davon überzeugt?

Die kfd und vor allem die Frauen werden gebraucht. Die Kirche wird getragen von Frauen. In vielen Familien ist es außerdem immer noch Sache der Mütter, den Glauben weiterzugeben. Frauen haben einen anderen Zugang zum Glauben und zur Glaubensvermittlung, einen direkteren, emotionaleren, einen praktischeren Zugang. Wenn wir das nicht mehr machen, wenn wir uns verweigern, dann hat die Kirche ein Problem.

Leiten sich für Sie daraus Hoffnungen oder Erwartungen ab, wie Kirche sich umgekehrt öffnen müsste für Frauen?

Für mich ist selbstverständlich, dass der Diakonat der Frauen eingeführt werden sollte. Ein weiteres Thema ist mir wichtig, und das betrifft die Frage: Wie tragen wir den Glauben weiter? Ich finde es nicht schön, wenn Kirche sich zurückzieht - als Trägerin aus den Kindergärten beispielsweise.

 Und gesellschaftspolitisch? Was steht auf Ihrer Agenda für den kfd-Vorsitz?

Gesellschaftspolitisch sind natürlich die Fragen wichtig rund um Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit. Da bin ich nach wie vor an dem dritten Rentenpunkt für Mütter dran, und selbst wenn er vielleicht nicht so schnell kommen wird, sollten wir da weitermachen. Die Zukunft der Rente wird auf jeden Fall ein wichtiges Thema bleiben, und wir müssen dazu die Stimme erheben. Das erlebe ich im politischen Raum deutlich: Auch über die Rente wird eigentlich männlich gedacht. Es geht immer um die Erwerbsbiografien von Männern. Da müssen wir rein frauenpolitisch unsere Stimme erheben.

Sie sind auch Bundesvorstandsmitglied der CDU. Wie werden Sie damit umgehen, wenn die kfd dann auch mal eine andere Position hat als Ihre Partei?

Ganz klar: Die Loyalität hat dann die kfd. Als Vorsitzende bin ich selbstverständlich gebunden an das, was der Verband sagt. Natürlich gilt auch meiner Partei Loyalität, aber da fühle ich mich trotzdem frei, denn selbstverständlich gibt es in einer großen Volkspartei viele unterschiedliche Meinungen.

Sie haben zu Beginn erzählt, dass Sie die kfd schon sehr lange kennen. Was ist für Sie das stärkste Argument für eine Mitgliedschaft in der kfd?

Das erste Argument ist die Gemeinschaft vor Ort, Frauen, die sich gemeinsam auf den Weg machen. Das zweite ist ein politisches Argument. Wenn man nicht einfach nur Schäfchen sein und vom Schäferhund mit der großen Herde getrieben werden will, sondern selber eine Richtung suchen möchte, dann geht das leichter in Gemeinschaft. Wenn Frauen also selbstbewusst Ideen für die Kirche einbringen wollen, dann müssen sie sich Gleichgesinnte suchen - und die finden sie in der kfd. Sich mit anderen zusammenzutun und dann kirchenpolitische aber auch gesellschaftspolitische Fragen zu beeinflussen, das ist es, was kfd bietet. Also: Schließt euch zusammen, kommt zur kfd, und dann habt ihr auch eine Stimme - vor Ort und darüber hinaus!