„Von Jesse kam die Art“

Die gemeinsame Wurzel von Juden und Christen anzuerkennen verändert den Blick auf die Bibel

Serie von Sonja Angelika Strube / Teil 2

Obwohl Jesus Christus ein Jude war, hat das Christentum sich über Jahrhunderte vom Judentum abgegrenzt - selbst die Bibel lasen die Christen lange Zeit vor dem Hintergrund judenfeindlicher Vorurteile. Erst die Scham über den Holocaust hat dazu geführt, dass Kirche und Theologie umdenken und bereit sind, die biblischen Texte als Zeugnisse der engen Verbundenheit mit dem jüdischen Glauben zu verstehen. In einer fünfteiligen Serie zeigt unsere Autorin, die Bibelwissenschaftlerin Sonja Angelika Strube, wie diese veränderte Sichtweise neue Perspektiven auf Jesus, seine Jüngerinnen und Jünger sowie das Neue Testament eröffnet.

Jesus und seine Jünger blieben Juden Christentum und Judentum trennten sich erst allmählich Je nachdem, ob man auf Unterschiede oder auf Gemeinsamkeiten schaut, erscheinen die jeweils "Anderen" als Fremde oder als Verwandte. In den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg, vor allem seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, hat sich der Blick der Kirchen wie auch der Bibelwissenschaft auf die jüdische Religion in diesem Sinne verändert: Sie erkannten die jüdische Religion als nahe Verwandte wieder, dauerhafte Gemeinsamkeiten ebenso wie die gemeinsamen Wurzeln wurden wieder sichtbar.

Kirche und Theologie haben über Jahrhunderte abwertend und ausgrenzend auf die jüdische Religion geblickt. Das hatte weitreichende Folgen auch für die Bibelauslegung: Das Erste Testament wurde theologisch nicht so wichtig genommen, weniger gründlich und vor allem nicht vorurteilsfrei erforscht.

Zwischen Altem und Neuem Testament wurden Gegensätze behauptet, wo gar keine sind. Viele Aussagen Jesu beziehungsweise des Neuen Testaments wurden als grundsätzliche Abgrenzungen vom Judentum gedeutet, weil man wenig über die Vielfalt jüdischer Theologie zur Zeit Jesu wusste und deshalb nicht erkannte, dass Jesus sich innerhalb des Judentums positionierte.

Je intensiver sich die Bibelwissenschaft mit den jüdischen Schriften der Antike befasst, umso mehr zeigt sich, wie tief die Verkündigung Jesu in der jüdischen Theologie seiner Zeit wurzelt: Sie lässt sich in allen ihren Inhalten aus jüdischem Glaubensgut seiner Zeit verstehen. Auch die Jüngerinnen und Jünger Jesu waren Juden, und dies änderte sich mit ihrer Ostererfahrung nicht - sie griffen auf die jüdische Hoffnung der Auferweckung der Toten durch Gott zurück und bezogen sie auf Jesus (vgl. 2 Makk 7).

Auch ihre jüdische Hoffnung auf den Messias sahen sie in Jesus erfüllt. Ihr Glaube an Jesus, den Christus, den Gesalbten Gottes, ist damit zunächst eine unter verschiedenen jüdisch-messianischen Strömungen der damaligen Zeit.

Während in Jerusalem die judenchristliche Urgemeinde entstand, begannen andere, ihren Glauben an den Messias Jesus in weiteren jüdischen Gemeinden zu verkünden, in Palästina und auch darüber hinaus. Schon seit dem sechsten Jahrhundert vor Christus gab es in größeren Städten des Mittelmeerraumes und des Vorderen Orients jüdische Diasporagemeinden, deren Gemeindemitglieder die damalige Weltsprache Griechisch sprachen. Auch Paulus war ein solcher Diasporajude, sehr gebildet, der sich zudem in Jerusalem zum Schriftgelehrten hatte ausbilden lassen.

Jesusjünger und -jüngerinnen steuerten Diasporagemeinden in Antiochia, Korinth, Rom und anderswo an, um dort ihren Glauben zu verkünden. In diesen Städten, die weit voneinander entfernt lagen, bildeten sich kleine familiäre Gruppen von Menschen, die an den Messias Jesus glaubten und ihn im Licht der jüdischen Heiligen Schriften deuteten.

Wir können heute sicher sagen, dass die Trennung des Christentums vom Judentum nicht von Jesus oder seinen unmittelbaren Jüngerinnen und Jüngern ausgegangen ist. Auch die Theologie des Paulus ist aus ihren jüdisch-griechischen Wurzeln heraus zu verstehen. Es ist sogar anzunehmen, dass sich alle Schriften des Neuen Testaments (zwischen 50 und etwa 110 n. Chr. entstanden) noch als jüdische Schriften begriffen, und nicht etwa als Schriften, die einen neuen, nicht mehr jüdischen Glauben verkünden.

Weil die jüdische Religion sehr plural war und ist und keine für alle verbindliche Lehrautorität kennt, können verschiedene jüdische Strömungen nebeneinander bestehen - und auch heftig miteinander streiten. Auch von außen - von den Römern - wurden die Jesusjünger im ersten Jahrhundert meist als eine jüdisch-messianische Gruppe angesehen.

Der römische Schriftsteller Sueton notierte, dass Kaiser Claudius im Jahr 49 diejenigen Juden aus Rom vertrieb, "welche mit Chrestus als Antreiber unermüdlich Tumulte erregten". Claudius hielt die Jesusgläubigen in Rom für eine messianische jüdische Sekte und Christus für ihren Anführer. Fast ein halbes Jahrhundert später verfolgte Kaiser Domitian Jesusgläubige ebenso wie andere Juden wegen "Gottlosigkeit", womit die mangelnde Beteiligung am römischen Kaiserkult gemeint war, und "jüdischer Sitten".

Zwei kriegerische politische Ereignisse, nämlich die beiden jüdischen Aufstände gegen die römische Besatzung (70 und 135 n. Chr.), stellten die Weichen für die spätere Trennung zwischen jüdischer und christlicher Religion. Der erste Jüdisch-Römische Krieg endete mit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Römer (70 n. Chr.). Fortan musste der jüdische Glaube ohne Pilgerfahrten und Brandopfer im Tempel auskommen.

Man besann sich deshalb zurück auf die Traditionen, durch die der jüdische Glaube überall, auch ohne Tempel und eigenen Staat, gelebt werden kann: auf die Familie, den Sabbat, die Synagogengemeinde in der Nachbarschaft und die "Heiligung des Alltags", die die Pharisäer immer schon sehr wichtig genommen hatten.

Als verbindlich für den jüdischen Glauben galten ab etwa 100 n. Chr. nur noch die auf Hebräisch verfassten Heiligen Schriften. Die überwiegend griechisch sprechenden jesuanischen Gemeinden im Mittelmeerraum verwendeten dagegen weiterhin die griechische Bibelübersetzung und pflegten entsprechend geprägte jüdische Traditionen.

Im Jahr 135, nach der Niederschlagung des zweiten jüdischen Aufstands gegen die Römer, wird Jerusalem zur römischen Kolonie umgestaltet. Ein letztes Mal teilen Juden und Jüdinnen mit und ohne Jesusglauben dasselbe Schicksal: Sie alle werden aus Jerusalem vertrieben - auch die Jerusalemer Urgemeinde, deren Mitglieder von den Römern immer noch ganz selbstverständlich als Juden betrachtet werden.

Durch die Zerschlagung der judenchristlichen Jerusalemer Urgemeinde verlieren nun die mehrheitlich "heidenchristlichen" Gemeinden im Mittelmeerraum, Gemeinden also, die keine eigenen jüdischen Wurzeln haben, ihre lebendige Verbindung mit ihren judenchristlichen Glaubensgeschwistern. Allmählich schwindet jetzt auch das Bewusstsein für die jüdischen Wurzeln des eigenen Glaubens.

Die Trennung der Jesusgläubigen vom Judentum ist als ein allmählich fortschreitender Prozess zu sehen, der erst um 150 nach Christus seinen Abschluss fand. Seit dieser Zeit gibt es sowohl jüdische als auch christliche Schriften, die sich ausdrücklich von der jeweils anderen Gruppe abgrenzen.