Humor in traurigen Zeiten

Die Clowns des Vereins "Rote Nasen" besuchen Deutschlands größte Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Tempelhof

Von Daniela Singhal

Hangar 2, Flüchtlingsunterkunft Berlin-Tempelhof. Ein Sicherheitsmann öffnet langsam die Eingangstür zur großen Halle, voll mit Menschen. Zwei Tage zuvor noch durchsuchte ein Spezialeinsatzkommando auf der Suche nach dem Attentäter von Berlin den Hangar. Jetzt kommen die Clowns. Sie betreten den Hangar mit ihren roten Nasen, einer geht voran mit einem Tambourin. Er beginnt, eine Melodie zu spielen. Sofort kommen Kinder mit großen braunen Augen angerannt. Sie klatschen, stimmen in den Rhythmus ein, und die Atmosphäre verändert sich spürbar.

Seit Anfang Juni vergangenen Jahres besuchen Clowns des Berliner Vereins "Rote Nasen" die Flüchtlinge in Deutschlands größter Notunterkunft in den Hangars des ehemaligen Flughafens in Berlin-Tempelhof. Die Menschen, die derzeit dort leben, kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak. Sie haben Krieg und Flucht erlebt und sind zum Teil schwer traumatisiert.

Clowns und Kriegsflüchtlinge? Wie passt das zusammen? "Wir maßen uns nicht an zu glauben, dass wir die traumatischen Erlebnisse auffangen können", sagt Reinhard Horstkotte, künstlerischer Leiter der "Roten Nasen". "Aber was wir tun können ist, gemeinsam mit den Kindern den Lebensfunken zu suchen, der in jedem Menschen steckt. Und Hoffnung in ihren oft tristen Alltag in der Notunterkunft bringen."

Auch nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt Ende Dezember und der darauffolgenden Razzia in der Flüchtlingsunterkunft wollten Horstkotte und sein Team die Besuche der Clowns nicht absagen. "Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir für die Kinder da sind. Wir erinnern sie an ihr spielerisches Selbst, und das bringt einfach die Leichtigkeit zu ihnen zurück."

Bunte Klamotten, rote Nasen, Blumen im Haar und Instrumente in der Hand: Die Clown-Kinder-Karawane zieht weiter Richtung Bühne. Die Clowns spielen jetzt ein arabisches Lied: "Tahia Tahia." Clown LeoFinow haut in die Saiten der Gitarre. Die Kinder jauchzen und tanzen. Clownin Emma Dilemma hat eine riesige Zahnbürste mitgebracht. Sie tut so, als würde sie darauf Trompete spielen und schneidet Grimassen. Die Kinder lachen. Sie wollen den Clowns ganz nahe sein, mitmachen.

Die Clowns spielen für und mit den Kindern. Sie singen gemeinsam, probieren Zirkuskünste wie Jonglage und Akrobatik aus. Es geht darum, die Kreativität und die Phantasie der Kinder anzuregen, zusammen eine gute Zeit zu haben. "Wir kreieren gemeinsam mit den Kindern neue schöne Geschichten und Erlebnisse. Eine gute Erfahrung kann ihnen die Kraft geben, nach vorne zu schauen, wieder positiv auf das Leben zu blicken", erklärt Reinhard Horstkotte alias Clown Filou.

Die Clowns der "Roten Nasen" sind es gewöhnt, in Situationen aufzutreten, in denen sich Menschen in schwierigen Lebenslagen befinden. Horstkotte und sein Team spielen auf Krebsstationen, in Hospizen, in Altersheimen. "Wir sind an Orten, an denen es eigentlich keinen Raum für Heiterkeit gibt. Wir bemühen uns, diesen Raum zu öffnen", so Horstkotte.

Als künstlerischer Leiter erforscht er mit 25 Clowns die Authentizität im Spiel, die Möglichkeit, Freude auf die Stationen zu bringen und von Herzen Clown zu sein. Die Clowns sind professionelle Künstler, sie haben Erfahrungen in den Bereichen Schauspiel, Kindertheater, Kabarett, Musik, Zauberei, Zirkuskunst. Für ihre Arbeit im therapeutischen Umfeld werden sie noch einmal gezielt weitergebildet.

Zur Vorbereitung der Besuche im Flüchtlingsheim haben sie sich von einem Traumapsychologen beraten lassen. "In der Weiterbildung wurde uns bestätigt: Jedes positive Erlebnis kann dazu beitragen, ein Trauma zu überwinden", sagt Horstkotte. Für ihn sind die Besuche der Clowns viel mehr als nur eine lustige Show. Über das gemeinsame Spiel entsteht Verbindung. In den Flüchtlingsprojekten gehe es langfristig auch darum, das gegenseitige Verständnis zu fördern, über das gemeinsame Lachen Brücken zu bauen und einen Beitrag zu einer gelebten Willkommenskultur zu leisten.

Aber angesichts all der schlimmen Ereignisse in der Welt, kann man da eigentlich noch lachen? Die Antwort gibt Horstkotte wie aus der Pistole geschossen: "Kann man nicht." Wir schauen uns an. Und lachen. "Sehen Sie, eben haben wir noch an etwas Schreckliches gedacht, und plötzlich lachen wir. Humor ist magisch. Lachen ist ein natürliches Bedürfnis von uns Menschen. Es ist Balsam für unsere Seele."

Der Clown erinnere uns an die Schönheit des Momentes, an die Schönheit des Einfachen. "Wir sagen, dass der Clown die Fähigkeit besitzt, auf Null zu gehen. Er kann alles hinter sich lassen und einfach mit dem da sein, was gerade ist." Der Clown sei ein sehr sinnliches Wesen, darauf bedacht, sich mit anderen wahrzunehmen und das Leben zu feiern.

"Das mag einem in chaotischen Zeiten wie diesen schwerfallen oder gar vermessen vorkommen. Aber Lachen ist ein guter Weg, um mit all dem Schrecklichen, was in unserer Welt passiert, umgehen zu können. Ein Clown kann dabei helfen. Er kann die Traurigkeit, den Schmerz und die Angst aufgreifen und sie in Leichtigkeit verwandeln", ist Horstkotte überzeugt.

Dabei gehe es nicht darum, die Gefühle zu überspielen, auszumerzen. "Der Clown ist eine Figur, die sich berühren lässt, der seine Gefühle zulassen und mit ihnen arbeiten kann. Denn auch Trauer und Verzweiflung gehören zum Leben. Es geht darum, dass wir all diese Gefühle wahrnehmen und fühlen können. Ohne sie zu bewerten. Dann sind wir lebendig. Dann können wir auch lachen, wenn wir eben noch Schmerz gefühlt haben."

Der Schmerz, den die Flüchtlingskinder erlebt haben, ist beim Besuch von Emma Dilemma und LeoFinow nicht spürbar. Die Kinder wirken gelöst, einige trauen sich nach vorne auf die improvisierte Bühne, um mit den Clowns akrobatische Kunststückchen aufzuführen. Zwei Stunden, in denen all das im Krieg und auf der Flucht erlebte und die Herausforderungen des Ankommens in der neuen Heimat einmal in den Hintergrund treten und einfach Freude und Leichtigkeit da sein, sie einfach nur Kinder sein können.

Rote Nasen
Der gemeinnützige Verein "Rote Nasen" sieht seine Aufgabe darin, leidende Menschen mit der Kraft des Humors zu stärken und ihnen in schweren Zeiten Heiterkeit und neuen Mut zu schenken. "Rote Nasen" ist Partner der internationalen Organisation "Red Noses Clowndoctors International", die in zehn Ländern tätig ist. In Deutschland ist der Verein seit 2003 fester Bestandteil in vielen Gesundheitseinrichtungen und Kliniken.